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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.12.2013

ErnährungVeganes Feuilleton

Essen als politische Mission

Von Uwe Bork

Die Frage, wer in seinem Leben wie viel auf tierische Produkte zurückgreifen will, ist keine des persönlichen Gewissens oder des Lifestyles, meint der Journalist Uwe Bork. Überzeugte Anhänger des Veganismus neigten vielmehr dazu, sie zu einer Weltanschauung zu machen.

Bescheidenheit sieht anders aus. Anders jedenfalls als die – Verzeihung! – vollmundige Versprechung, mit dem die Veganfachmesse auf sich aufmerksam machte, die kürzlich im Terminal Tango, der 'Eventlocation' des Hamburger Flughafens, stattfand. Ein "Weltzukunftsplan" wurde da auf einer jener Anzeigetafeln verheißen, die Fluggästen normalerweise Ankünfte und Abflüge avisieren. Darunter in modischem Deutsch-Englisch vornehmlich Annullierungen:

Fleisch: cancelled

Empathie: on time

Eier: cancelled

Tierversuche: cancelled

Gelatine: cancelled

Vegan: on time

Milch: cancelled

Und Leder: auch cancelled

Konventionelle Genussmenschen könnten angesichts dieser Negativliste ins Grübeln kommen. Das ist allerdings auch die volle Absicht des 40-jährigen Designers, Buchautors und Gründers der Veganen Gesellschaft Deutschland, Christian Vagedes.

Dem Dynamiker aus der Mitte der Gesellschaft geht es um nichts weniger als um die Rettung unserer Erde, denn – davon ist er überzeugt – "eine nichtvegane Welt gefährdet eindeutig unseren gesamten Planeten". Den wachsenden Veganismus hält er vor diesem düsteren Hintergrund für einen erfreulichen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. Oder, etwas hipper formuliert: "Vegan ist ein mindset. Es handelt sich um einen wirklichen Bewusstseinswandel, der gerade einsetzt."

Ah ja. Ein wenig kleiner geht es wohl nicht, oder?

Sicher, es stimmt: In unserer mit Chemie und Technik gedopten Hochleistungslandwirtschaft werden Tiere häufig nur noch als Produktionsfaktoren gesehen, deren Leben für den Gewinn nicht zählt. Ökologische Bedenken spielen für den bilanzbewussten Industriefarmer keine Rolle, von ethischen oder religiösen Skrupeln erst gar nicht zu reden. Aber muss es deshalb immer gleich die große verbale Keule sein?

"Melken ist Folter", zitierte jüngst beispielsweise die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einen Tierfreund, dem beim Sortieren seiner Maßstäbe wohl einiges verrutscht ist. Und unter dem Stichwort 'Karnismus' – Eingeweihte verstehen darunter die – Zitat – "Ideologie des Fleischkonsums" - verbreitet ein gewisser Jeff Mannes von der 'Vegan Society Luxembourg' das Verdikt: "Tiere zu essen ist das Resultat einer tief verwurzelten, unterdrückenden Ideologie".

Die Frage, wer in seinem Leben wie viel auf tierische Produkte zurückgreifen will, ist demnach also keine des persönlichen Gewissens oder gar nur eine des Lifestyles. Überzeugte Anhänger des Veganismus wie Jeff Mannes neigen vielmehr dazu, sie zu einer Weltanschauung zu machen. Zu einer säkularen Religion. Zu einer Frage von Leben und Tod für Mensch und Tier.

Wer allein auf der Ablehnung von Fleisch und Eiern, Milch, Leder und Honig einen 'Weltzukunftsplan' aufbauen will, dürfte sich mit seinem Anspruch überheben. Und wer auf das Schweineschnitzel vom Bio-Bauern aus dem nächsten Dorf verzichtet, dafür aber ohne ökologische Schuldgefühle in den aus Südafrika eingeflogenen Veggie-Burger beißt, der macht sich unglaubwürdig.

Die Welt zu retten, das haben schon ganz andere versucht, sei es nun mit christlicher Nächstenliebe oder mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Heilslehren gab es schon viele, und immer wieder kommen neue hinzu. Die Erfahrung hat indes gelehrt, dass es am besten ist, ihren Vertretern mit Vorsicht und wohl überlegter Kritik zu begegnen.

Das spricht nicht gegen die Veganer und den Veganismus. Das spricht nur gegen ihren Versuch, mit einer "Veganisierung" der Welt "einen logischen und konsequenten Schritt aufwärts in unserer Evolution" zu unternehmen. Wer hier nicht aufpasst, könnte schnell in einem unangenehmen Tofu-Totalitarismus landen.

Liebe Veganer, an zu großen Worten kann man sich ebenso verschlucken wie an zu großen Bissen. Auch wenn sie weder Fisch noch Fleisch sind.

 

Uwe Bork (Uwe Bork)Uwe Bork (Uwe Bork)Uwe Bork, geboren 1951, ist seit 1998 Leiter der Fernsehredaktion 'Religion, Kirche und Gesellschaft' des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.
Außer seinen Filmen hat Uwe Bork auch mehrere Bücher veröffentlicht. In ihnen setzt er sich humorvoll-ironisch mit dem Alltag in deutschen Familien auseinander ("Väter, Söhne und andere Irre"; "Endlich Platz im Nest: Wenn Eltern flügge werden") oder räumt ebenso sachlich wie locker mit Urteilen und Vorurteilen über Religion auf ("Wer soll das alles glauben? Und andere schlaue Fragen an die Bibel"; "Die Christen: Expedition zu einem unbekannten Volk").
 

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