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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.11.2005

Ermittlungen in der australischen Provinz

Garry Disher: "Flugrausch"

Rezensiert von Birgit Koß

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Plantage in Queensland, Australien (dradio.de)
Plantage in Queensland, Australien (dradio.de)

In "Flugrausch" - dem neuen Krimi von Garry Disher - verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Mehrere Morde sind von den Ermittlern aufzuklären. Disher spinnt dabei nicht nur komplexe Handlungsstränge, sondern zeichnet zugleich ein feinsinniges Bild von der Polizeiarbeit und dem trüben Leben auf dem Lande in Australien.

Was ist das für ein Krimi, bei dem man selbst am Ende nicht sagen kann, welcher Mord eigentlich im Mittelpunkt gestanden hat. Geht es um die Ankerleiche, die schon seit einiger Zeit angespült ist und von niemandem vermisst wird? Oder um die Ermordung eines kleinen Mädchens, wahrscheinlich vom Freund der Mutter - doch wo sind die Beweise? Oder sind die aktuellen Morde eine gemeinsame Serie, nur weil immer wieder eine Schrotflinte als Mordwaffe identifiziert wird?

Fragen über Fragen, die immer neu aufgeworfen werden, Handlungsfäden die sich kreuzen, verwirren, parallel laufen und keine stringente Antwort erhalten. Stattdessen zeichnet sich das Bild des Polizeialltags im ländlichen Australien südlich von Melbourne ab.

Im Mittelpunkt stehen Kommissar Hal Challis und seine Kollegin Ellen Destry. Beide geprägt vom tristen Polizeialltag und ihren eigenen Lebenswegen, die auch nur selten auf der Sonnenseite verlaufen. Ellen Destry sorgt sich um ihre halbwüchsige Tochter, deren Freundeskreis das eintönige Landleben gern mit Drogen einfärbt. Hal Challis steht zwischen seiner Frau, die im Gefängnis sitzt und immer wieder mit Selbstmord droht und einer engagierten Journalistin, die nicht nur über die Mordfälle berichtet, sondern auch energisch die australische Asylpolitik anprangert.

Der 56-jährige Australier Garry Disher schreibt neben Kinderbüchern, Erzählbänden und Schulbüchern zur australischen Geschichte seit einigen Jahren Krimis. Nach einer Trilogie über einen Profiräuber hat er mit Kommissar Challis die Seiten gewechselt. Der "Drachenmann" erhielt vor drei Jahren den deutschen Krimipreis. Auch mit dem zweiten Roman aus der Hal Challis Serie hat Disher wieder ein feinsinniges Puzzle über die Polizeiarbeit und das mehr oder minder trübe Alltagsleben auf dem Lande in Australien gefertigt. Wer an simplen Erklärungen und Schwarz-Weiß-Mustern interessiert ist, kommt hier nicht zu seinem Recht. Immer wieder zeigen sich neue Fährten, bis Garry Disher sein selbst gewebtes Gespinst erst ganz zum Ende entwirrt und eine unerwartete aber durchaus nachvollziehbare Auflösung bietet. Die Grenzen zwischen "Gut und Böse" sind fließend. Sein düsterer Realismus zeichnet alle Grautöne der menschlichen Seele nach, eine komplexe Sozialstudie, die durch eine präzise, fast lakonische Sprache ruhig daherkommt. Wer dieses Buch in grauen Novembertagen in die Hand nimmt, sollte sich vorher ein gemütliches, anheimelndes Leseambiente schaffen.

Garry Disher: Flugrausch
Roman
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Unionsverlag 2005
285 Seiten, 19,90 Euro

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