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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 20.03.2015

ErklärreiheDie Torah und die Wissenschaft

Von Yael Kornblum

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Schreiben an einer Torahrolle. (dpa / picture alliance / Daniel Bockwoldt)
Wissenschaft und Torah teilen die Auffassung, dass der menschliche Geist diese Ordnung auch rational wahrnehmen kann. (dpa / picture alliance / Daniel Bockwoldt)

Torah und Wissenschaft, Glaube und Wissen, das passe nicht zusammen – so meinen all jene, die von Judentum und Torah nicht viel verstehen. Denn tatsächlich haben beide Dinge gewisse Gemeinsamkeiten und Schnittmengen.

Es gab und gibt immer wieder Versuche, den Wahrheitsgehalt der Torah wissenschaftlich zu belegen. Doch hier soll es nicht um den Beleg des Urknalls oder der Evolution in der Torah gehen, sondern um die allgemeine Fragstellung: Was haben die Torah als religiöse und daher a priori irrationale Schrift und die Wissenschaft, per Definition rational, miteinander gemeinsam? Zwischen ihnen beiden existieren drei Parallelen.

Zunächst: Der Glaube an die Gesetzmäßigkeit der Natur. Wenn es keine Ordnung, keine Kausalität gibt, ist der menschliche Geist wie blockiert. Naturereignisse scheinen dann das Resultat eines Gottes auf Rachefeldzug gegen eine rivalisierende Gottheit. Chaos ist dann die Konsequenz völliger Willkür. Außerdem ist die individuelle Eigenverantwortung dann hinfällig, weil göttlicher Eigenwilligkeiten ausgesetzt. Die moderne Naturwissenschaft konnte nur deshalb entstehen, weil es Menschen gab, die intuitiv an die Gesetzmäßigkeit der Natur glaubten. Dieses intuitive Wissen manifestiert sich übrigens erstmalig in der Torah auf der Suche nach G'tt: Abraham beobachtet das Himmelsgestirn und vermutet einen tieferen Sinn, eine Kausalität dahinter. "Die Tage der Erde soll immer währen. Säen und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht sollen nie enden." (Genesis 8,22). Der Glaube an und das Wissen um die Gesetzmäßigkeit der Natur – die erste große Gemeinsamkeit.

Die Ordnung des menschlichen Geistes

Dann, direkt in Anknüpfung an die erste, die zweite Parallele: Der Glaube an die Vernunft. Wissenschaft und Torah teilen die Auffassung, dass der menschliche Geist diese Ordnung auch rational wahrnehmen kann. Glaubt man an einen vernünftigen, allwissenden G'tt, der eine Wohlordnung hergestellt hat, so kann man auch einen Glauben an die Vernunft an sich entwickeln. Denn das Vertrauen in die von G'tt hergestellte Harmonie schließt automatisch Willkür aus. So schuf G'tt den Menschen mit der Fähigkeit, diese Vernunft zu erkennen und nach ihr zu handeln. Naturwissenschaft kann schließlich als Suche nach der Regel in der chaotisch scheinenden Vielfalt der Natur betrachtet werden. Die Torah will ohne Suche direkte Antwort geben.

Und schließlich die dritte Gemeinsamkeit: Wissenschaft und Torah beobachten beide, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Es ist eine halachische Pflicht, sich G'ttes Natur gegenüber offen und neugierig zu zeigen. Wir sollen observante, also die Regeln beobachtende und beachtende Menschen sein. Das ist ebenso die Grundvoraussetzung jeder wissenschaftlichen Arbeit: Neugier und der Glaube daran, dass die eigene Neugier zu Entdeckungen führen kann.

Unsere Reihe Judentum & Wissenschaft:

- Die Torah und die Wissenschaft
- Wissenschaft im Talmud
- Wissenschaft und Schöpfung
- Die Evolutionstheorie und die Schöpfungsgeschichte
- Der Urknall und die Schöpfungsgeschichte
- Maimonides und die Wissenschaft

Mehr zum Thema:

Erklärreihe - Die jüdische Orthodoxie
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 02.05.2014)

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