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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 19.10.2016

EritreaFlucht vor Armut und Unterdrückung

Von Linda Staude

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Ein Geflüchteter aus Eritrea im Zug von Rom nach Bozen (picture alliance/ dpa/ Nicolas Armer)
Auf der Flucht vor Hunger Krieg und Verfolgung suchen viele Eritreer das Glück in Europa. (picture alliance/ dpa/ Nicolas Armer)

Viele Menschen aus Eritrea riskieren im Mittelmeer ihr Leben, um nach Europa zu gelangen. Die Menschenrechtslage gilt als schlecht und das Regime als eins der repressivsten der Welt. Doch einige vor Ort sehen ihr Land zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Mittagspause. Im Sweet Asmara Café herrscht Hochbetrieb. Drei ältere Herren debattieren lautstark über einem heißen Tee mit viel Zucker.

Auf der Bar im Dekor der 30er-Jahre zischt die auf Hochglanz polierte Espressomaschine im Dauereinsatz. Cappuccino, Espresso, Macchiato – Barista Sarah erfüllt jeden koffeinhaltigen Wunsch

"Das gehört in Eritrea zur Kultur. Die Italiener haben das schon so gemacht, und wir behalten den Brauch bis heute bei."

Die ehemaligen Kolonialherren haben in Eritrea nicht nur ihre Vorliebe für starken Kaffee, schicke Bars und Pasta hinterlassen. Das italienische Erbe ist in Asmara buchstäblich an jeder Straßenecke zu bewundern.

"Asmara ist voller verschiedener architektonischer Stilrichtungen, die die Italiener in der Kolonialzeit gebaut haben. Sie haben nicht gedacht, dass sie Eritrea jemals verlassen würden. Also haben sie gebaut, als würden sie Rom neu erschaffen. In kürzester Zeit, nur 14 Jahre."

Straße in Asmara, der Hauptstadt Eritreas (ARD / Linda Staude)Straße in Asmara, der Hauptstadt Eritreas (ARD / Linda Staude)

Ein Theatersaal in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea (Deutschlandradio / Oliver Ramme)Art deco in Asmara (Deutschlandradio / Oliver Ramme)

Art déco, Neo-Klassizismus, Novecento, faschistisch geprägte Moderne – Asmara hat alles, erklärt Architekt Kebreab Tsembele. Aber die wunderschönen Fassaden im Piccola Roma, im kleinen Rom Afrikas, können die gewaltigen Probleme des Landes nicht verbergen. Eritrea laufen seine Menschen davon

"Im letzten Jahr waren es über 40.000. Es gibt umstrittene Meinungen, ob alle dieser 40.000 tatsächlich Eritreer waren. Aber dass eine sehr große Zahl Eritreer das Land verlassen und versuchen, nach Europa zu kommen, das ist eine unumstrittene Tatsache."

Erklärt Christian Manahl, der Botschafter der Europäischen Union in Asmara. Dass Tausende auf schrottreifen Booten im Mittelmeer ihr Leben riskieren, daran ist die EU nicht ganz unschuldig, klagt Yemane Gebreab, der Berater des eritreischen Dauer-Präsidenten Isaias Afewerki.

Fast automatisch politisches Asyl

"Die Europäer glauben, dass es in Eritrea diese bösartige Regierung gibt. Dass die Situation in Eritrea sehr schwierig ist für die Menschen und dass sie deshalb internationalen Schutz brauchen. Wenn ein Eritreer es irgendwie nach Europa schafft, bekommt er fast automatisch politisches Asyl."

Eritrea galt bei seiner Gründung einmal als der beste Staat Afrikas, mit einer vorbildlichen Verfassung. Aber die ist nie in Kraft getreten. Das miese Image des Landes hat gute Gründe, erklärt Meron Estephanos, die Gründerin der Internationalen Kommission von Flüchtlingen aus Eritrea, gegenüber der BBC.

"Wir haben eins der repressivsten Regime der Welt. Die Menschen haben einfach alle Hoffnung verloren."

Siedlung mit Metall-Geschäften in Eritrea (ARD / Linda Staude)Siedlung mit Metall-Geschäften in Eritrea (ARD / Linda Staude)

Ein Arbeiter hämmert auf Metall (Deutschlandradio / Oliver Ramme)Auf dem Metallmarkt - größter Arbeitgeber des Landes (Deutschlandradio / Oliver Ramme)

Der Medebar-Markt in Asmara. Auf dem riesigen Gelände hämmern Handwerker Metall zurecht. Große Öfen und Vorratstanks stehen gestapelt zum Verkauf bereit. Daneben mahlen junge Frauen frische Gewürze zu Pulver.

Stefanos schweißt in seinem kleinen, dunklen Laden Metallgestelle für Stühle und Betten zusammen. Er ist misstrauisch und vorsichtig: Über Politik will er kein Wort sagen. Aber über sein Geschäft redet der 23-Jährige dann doch.

"Die Situation in unserem Land ist sehr hart. Die Wirtschaftskrise macht es sehr schwer, z.B. eine eigene Familie zu gründen. Aber ich hoffe, dass bessere Zeiten kommen werden."

Ein paar Schritte weiter hämmert Abraham auf einem Gerät für die Landwirtschaft herum. Acht, neun, manchmal zehn Stunden arbeitet er am Tag. Von morgens früh bis abends um sechs.

Wenige trauen sich zu reden

Im Moment arbeiten wir auch, sagt er – ein zarter Hinweis, dass er lieber nicht weiter reden will. Plötzlich taucht sein Bruder auf, der Eigentümer der winzigen Werkstatt, und wird deutlicher.

Schmeißt sie raus, ruft er unter dem Gelächter der kleinen Gruppe von jungen Männern, die sich neugierig im Eingang drängt und gleich darauf zerstreut.

Im Weggehen sagt einer noch über die Schulter: Kein Geld, keine Freiheit, keine Zukunft. Der kurze Kommentar, nachdem das Mikrofon sicher abgeschaltet ist, zeigt die Frustration, die so viele junge Eritreer in die Flucht treibt.

"Der hauptpolitische Grund, würde ich sagen, ist die unklare Dauer des Nationalen Dienstes. Und das macht es praktisch unmöglich oder sehr schwierig für junge Leute, ihre Zukunft zu planen."

Nationaler Dienst als Hemniss für junge Eritreer

Hinzu kommen wirtschaftliche Gründe, der Mangel an Arbeitsplätzen, sagt EU-Botschafter Christian Manahl. Der mies bezahlte Nationale Dienst schränkt die Chancen auf ein gutes Leben noch weiter ein. Yemane Gebreab verteidigt das als unbedingt notwendig in einem Land, das immer noch vom übermächtigen Nachbarn Äthiopien bedroht wird und das zu den ärmsten der Welt gehört.

"In den vergangenen zehn Jahren kamen unsere Lehrer, unser Personal im Gesundheitswesen, in der Landwirtschaft, in der Verwaltung, jeder im öffentlichen Dienst aus dem Nationalen Dienst. Wir konnten ihnen keine angemessenen Gehälter zahlen, weil wir das Geld dafür nicht hatten."

Reformen haben begonnen, fügt er hinzu. So wird der verhasste Dienst neuerdings besser bezahlt – weil die wirtschaftliche Lage sich verbessert hat. Eritrea ist stolz darauf, was es beim Aufbau der jungen Nation erreicht hat.

Ein Landwirt in Eritrea (ARD / Linda Staude)Ein Landwirt in Eritrea (ARD / Linda Staude)

Durch einen schmalen Kanal strömt Wasser auf ein sorgfältig bepflanztes Beet. Tomaten wachsen hier neben Reihen mit Blumenkohl, Spinat, Karotten und Gewürzen.

Ein kleiner Generator brummt vor sich hin. Er betreibt eine Pumpe, die das Wasser aus einem Damm ein paar hundert Meter den Berghang hinauf auf die Felder leitet.

"Der Damm ist jetzt drei Jahre alt. Wir hatten hier nie Wasserknappheit und keine Probleme mit dem Regen in diesen drei Jahren. Der Wasserspiegel ist nicht gesunken."

Erklärt Asrat Haile, beim Landwirtschaftsministerium für die Agrarproduktion in der Zentralprovinz zuständig. Das kleine Dorf Lanza ist eine Modellgemeinde, in der die Farmer das ganze Jahr Gemüse anbauen.

"Wir haben sehr viel Wasser in diesem Dorf. Wir sind nicht reich, aber auch nicht arm. Und wir wandern nie aus. Das Dorf hat diese Gärtnerei, und wir pflanzen 22 Sorten Gemüse."

Sagt Woldeab Wolde Yohannes stolz. Der 84-Jährige war fast sein ganzes Leben lang der Administrator des Dorfes. Seine Nachfolgerin Hafir Saye bringt einen ganzen Arm voll mit frisch geernteten Kohlköpfen und dicken Büscheln Karotten.

"Die Marktpreise für unser Gemüse sind mal höher, mal niedriger. Aber Blumenkohl geht am besten. Er ist teuer, genau wie einige Bohnensorten wie z.B. Sojabohnen."

Von der EU finanzierter Mikrodamm

Das Gemüse wird im ganzen Land verkauft, sagt die junge Frau. Flussaufwärts, auf der anderen Seite des Dammes hat das Dorf auch Getreidefelder. Aber Weizen, Gerste und Mais wachsen nur in der Regenzeit. Asrat Haile:

"Jeder Farmer bewirtschaftet ein gleich großes Stück Land. Und alle pflanzen Gartenbauprodukte. Sie sind teurer als Getreide, und der Lebensstandard hier ist im Vergleich zu den anderen Dörfern der beste." 

Der Mikrodamm, der das möglich gemacht hat, wurde von der EU finanziert. Er ist einer von über 120 allein in der Zentralprovinz. Eritrea hat es geschafft, die Versorgung seiner Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln sicher zu stellen. Yemane Gebreab:

"Die nächste Phase für uns wird sein, so viel Nahrungsmittel zu produzieren, dass wir die Möglichkeit haben, sie zu exportieren. Unsere Nachbarn sind die ölreichen Golfstaaten, die aber Probleme mit Wasser und fruchtbarem Boden haben."

Das soll harte Devisen bringen. Genau wie die bereits angelaufenen Bergbauprojekte – und vielleicht auch der Tourismus.

Die Hauptstadt mit ihren palmengesäumten Prachtstraßen, den kleinen Gassen und ihren architektonischen Schmuckstücken will Weltkulturerbe der Unesco werden.

"Asmara ist außerordentlich"

"Asmara ist außerordentlich. Als Stadt hat es die wertvolle Architektur, das urbane Umfeld. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir alle Anforderungen erfüllen."

Schwärmt Medhane Teklemariam, der Projektmanager des Asmara Heritage Projects. Eritrea ist auf Touristen vorbereitet, sagt Solomon Abraha, der Manager des Embasoira Hotels und Chef des eritreischen Tourismusverbandes, wettert aber gleichzeitig.

"Sie sagen Eritrea ist wie Nordkorea. Sie haben uns ein mieses Image gegeben. Wie kann man sich so vorstellen, dass ein Tourist aus Europa ausgerechnet nach Eritrea kommt."

Amnesty International zum Beispiel wirft der Regierung vor, dass sie seit der Unabhängigkeit des Landes 1993 mindestens 10.000 Menschen festgenommen hat. Die meisten aus politischen Gründen, sagt Claire Beston von der Menschenrechtsorganisation

"Um die Verhaftungen wird in Eritrea ein großes Geheimnis gemacht. Viele Gefängnisse sind unbekannt. Amnesty hat eine Vielzahl von Berichten bekommen, dass Menschen gestorben sind. Wegen der Hitze oder an den Folgen von Folter und anderen Formen der Misshandlung."

"Straflos systematische und brutale Menschenrechtsverletzungen"

Wer an der falschen Stelle den Mund aufmacht, verschwindet oft spurlos. Zu diesem Schluss ist eine auch eine Untersuchung der UN-Menschenrechtskommission im vergangenen Jahr gekommen.

"Die Kommission hat herausgefunden, dass in Eritrea straflos systematische und brutale Menschenrechtsverletzungen begangen wurden und bis heute werden. Und zwar auf Anordnung der Regierung."

So Sheila Keetharuth, die Leiterin der Untersuchungskommission. Kritiker bezeichnen die Kommissare allerdings als voreingenommen, weil sie lediglich asylsuchende Flüchtlinge befragt und positive Berichte von Landeskennern komplett ignoriert haben.

"Gibt es Menschenrechtsprobleme in Eritea? Die gibt es in jedem Land der Welt. Hat Eritrea eine der schlechtesten Menschenrechtssituationen? Ganz sicher nicht. Aber es ist immer Eritrea. Das ist ein frontaler Angriff auf diese Nation."

Sagt Yemane Gebreab bitter. Die jüngste Forderung der Untersuchungskommission, Eritrea vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen, könnte das Land in seine jahrelange Isolation zurücktreiben, aus der es gerade erst herauskommt. Christian Manahl:

"Wir sind der Ansicht, dass es kleine Fortschritte gibt. Wir würden uns natürlich mehr Fortschritte wünschen, vor allem im Bereich Menschenrechte, demokratische Rechte. Aber wir glauben, dass in den letzten ein, zwei Jahren sich gezeigt hat, dass es möglich ist, in Eritrea zu arbeiten, auch in diesen Bereichen zu arbeiten."

Die EU hat 200 Millionen Euro neue Entwicklungshilfe für Eritrea genehmigt, ein Teil davon für die Durchsetzung der Menschenrechte, ein größerer für grüne Energieversorgung.

Arbeiterinnen an Nähmaschinen und Bügeleisen in einer Fabrik in Eritrea (ARD / Linda Staude)Arbeiterinnen an Nähmaschinen und Bügeleisen in einer Fabrik in Eritrea (ARD / Linda Staude)

Hochbetrieb in der Baumwollspinnerei von Dolce Vita. Die riesigen Maschinen wickeln in Windeseile weißes Garn auf große Spulen. Dutzende davon in endlosen Reihen. Nebenan nähen und bügeln Arbeiterinnen Hemden. Strom ist ein Problem, sagt Pietro Zambaiti, der Chef eines der wenigen Privatunternehmen in Eritrea. Die ständig wechselnde Belegschaft ein anderes.

"Das hat eine Kombination von Ursachen. Eine ist, dass Leute das Land verlassen. Aber ich glaube es hat mehr mit dem Geld zu tun, das die Auslandseritreer in Deutschland oder Schweden zum Beispiel an ihre Familien schicken. Die Leute kriegen ihr Geld so und arbeiten nicht mehr."

Tödlich für die Wirtschaft. Auf dem Schwarzmarkt hat jeder Dollar in der Vergangenheit 60 oder gar 80 Nakfa gebracht. Aber das ist vorbei. Ende des vergangenen Jahres hat die Regierung kurzerhand eine Währungsreform verordnet, den Schwarzmarkt trocken gelegt und statt Bargeldzahlungen plötzlich Schecks und Quittungen verordnet. Yemane Gebreab:

"Das sollte eigentlich die Regel sein, oder? Jeder sollte in der Lage sein, Quittungen auszustellen. Jeder sollte Steuern auf sein Einkommen zahlen. Wenn es überhaupt keine Belege gibt, kann eine Wirtschaft nicht richtig funktionieren."

Schwarzmarkt wurde ausgetrocknet

Zunächst hat die Reform die Wirtschaft allerdings ins Chaos gestürzt. Die neuen Geldscheine waren so knapp, dass die Menschen gerade noch das Nötigste kaufen konnten. Pietro Zambaiti hat wochenlang mit Super-Sonderangeboten geworben.

"Kurzfristig hat uns das in Schwierigkeiten gebracht. Weil unsere Verkäufe auf dem lokalen Markt radikal eingebrochen sind. Aber ich bin auch der Meinung, dass das Land ein offizielles Finanzsystem braucht, kein unoffizielles, das von wer weiß wem kontrolliert wird."

Ohne den Schwarzmarkt ist auch kein Geld mehr da, um Kriminalität zu finanzieren, hofft Yemane Gebreab. Darunter auch den lukrativen Schmuggel von Flüchtlingen ins Ausland.  

"Wir investieren so viel Mühe und Geld, um unsere Leute auszubilden. Schule ist kostenlos in Eritrea, Gesundheitsversorgung beinahe. Glauben Sie wirklich, wir würden all das Geld ausgeben und dann wollen, dass sie das Land verlassen? Ganz sicher nicht."

Die EU dürfte er damit auf seiner Seite haben. Seit die so genannte Flüchtlingskrise die Schlagzeilen dominiert, ist eine mögliche Zusammenarbeit mit Eritrea plötzlich hochinteressant. Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller war im vergangenen Herbst in Asmara, um die Lage zu sondieren. Und musste sich prompt Vorwürfe über einen potenziellen Pakt mit einem Unrechtsregime anhören. Christian Manahl sieht das anders.

"Wir sind der Ansicht, dass Zusammenarbeit, kritisches Engagement uns weiterbringen kann in dem Bereich. Sich zurückziehen aus Eritrea ist unserer Ansicht nach nicht zuträglich, um die Menschenrechtssituation zu verbessern."

Mehr zum Thema:

Folgen des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei - "Zuckerbrot für Diktaturen"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 29.9.2016)

Flüchtlinge - Die Retter vom Mittelmeer
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 11.9.2016)

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