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Interview | Beitrag vom 27.01.2021

Erinnerungskultur und soziale MedienDer Holocaust in 140 Zeichen

Hannes Burkhardt im Gespräch mit Ute Welty

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Montage aus Screenshots der Auftritte der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden auf verschiedenen Social-Media-Plattformen. (Deutschlandradio)
Welche Möglichkeiten Social Media für eine digitale Erinnerungskultur bietet, hat Hannes Burkhard untersucht. (Deutschlandradio)

Die "Mythosmaschine" Twitter kann mehr, als nur Fake News zu reproduzieren. Sie kann wie andere soziale Medien auch für die digitale Erinnerungskultur genutzt werden. Auch wenn so Geschichte anders erzählt wird, meint der Historiker Hannes Burkhardt.

Twitter, Facebook und andere soziale Medien gelten vielen vor allem als Hort von Verschwörungsmythen und Fake News, auch was die Geschichte des Nationalsozialismus angeht. Stimmt ja auch alles, findet der Historiker und Social-Media-Experte Hannes Burkhardt. 

"Zum Beispiel habe ich mal eine Untersuchung gemacht zu Rudolf Heß, der heute in der Neonaziszene immer noch eine populäre Figur ist, und da gibt es eine Reihe von Mythen: Er sei ein guter Nationalsozialist gewesen, er sei nach England geflogen, um dort Frieden auszuhandeln."

Und dennoch tut man den sozialen Medien unrecht, wenn man sie allein als "Mythosmaschinen" betrachtet. Denn es gebe in den sozialen Netzwerken immer auch Nutzer, die diesen Mythen Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft entgegenhielten, so der Historiker.  

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Welche Möglichkeiten Social Media für eine digitale Erinnerungskultur bietet und welche Besonderheiten sie hervorbringt, hat er in seiner Dissertation an der Universität Erlangen untersucht.

Typisch ist Burkhardt zufolge zum Beispiel, dass in den sozialen Medien bestimmte, bereits bekannte Narrative zugespitzt und auch banalisiert würden. "Man spricht zum Beispiel auch von der Amerikanisierung des Holocausts. Das heißt, die Geschichte des Holocaust wird eben vor allen Dingen als Personengeschichte erzählt."

Das hat der Historiker auch an der Social-Media-Arbeit etwa der Gedenkstätte Auschwitz beobachtet, die ihm ein positives Beispiel für digitale Erinnerungskultur über soziale Medien ist: Auch dort würden immer wieder Personen – Täter wie Opfer – in den Mittelpunkt gerückt. 

Social Media im Geschichtsunterricht - warum nicht?

Aber lässt sich ein Phänomen wie Auschwitz in 140 Zeichen erklären? "Das kann in einem Tweet genauso gelingen oder misslingen, wie das in einem Spielfilm gelingen oder misslingen kann, wie das in einem Roman gelingen oder misslingen kann", so Burkhardt. "Ich würde das nicht generell an das Medium rückbinden."

Für den Geschichtsunterricht lässt sich Social Media durchaus nutzen, sagt der Historiker, der inzwischen als Lehrer an einem Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern arbeitet. Etwa als Einstieg in ein Thema: 

"Beim Thema Holocaust zum Beispiel hatten wir die Debatte um die Verleihung des Musikpreises Echo an Kollegah und Farid Bang – aufgrund dieser kontroversen Zeile, die sich auf den Holocaust bezogen hat – und da konnte man die aktuelle Debatte über relativ kurze Texte in den Unterricht einbringen und darüber diskutieren."

(uko)

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