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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 13.07.2012

Erinnerungen und Zukunft

Jüdisches Museum München zeigt Ausstellung über Einwanderer

Von Heinz-Peter Katlewski

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Blick in die Ausstellung "Von ganz weit weg" im Jüdischen Museum München (dpa / picture alliance / Nicolas Armer)
Blick in die Ausstellung "Von ganz weit weg" im Jüdischen Museum München (dpa / picture alliance / Nicolas Armer)

Etwa 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind seit 1990 nach Deutschland eingewandert. Mehr als 10.000 von ihnen ließen sich in München nieder. Was die sogenannten Kontingentflüchtlinge zur Auswanderung bewogen hat und wie sie heute darüber denken, das will das Jüdische Museum am Münchner Jakobsplatz jetzt mit einer Ausstellung zeigen.

Ariel Kligman: "Wir sind die Leute, die keine Religion gehabt haben, die ganz andere Ansichten haben. Und das war ganz schwierig am Anfang, mindestens zu versuchen, etwas zu erklären. Ja, sie wollten uns, sie wollten uns, aber nicht uns wie wir sind, sondern so, wie sie (sich) uns vorgestellt haben. Und da sind Welten dazwischen."

Ariel Kligman gibt in einer kleinen Videodokumentation den Besuchern im Jüdischen Museum Auskunft über seine Erinnerungen. Er kam vor 20 Jahren aus Kiew nach Deutschland. Mit Religion hatte er – wie die meisten jüdischen Zuwanderer aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion – zuvor wenig zu tun. In der Ukraine gehörte er zum Volk der Juden, so stand es im Pass. Heute ist er im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern.

Jutta Fleckenstein am 10. 07. 2012, München:
"Viele der Zuwanderer haben in Deutschland das Judentum erst kennen gelernt. Sie sind eingereist – vielleicht schon mit einem Gebetbuch in der Tasche, das man vom Großvater geerbt hat oder einem anderen Ritualgegenstand, aber man hat dann hier sich erst damit auseinandergesetzt."

Jutta Fleckenstein ist eine der beiden Kuratorinnen dieser Ausstellung. Fünf solcher Videodokumentationen vermitteln einen Einblick, wie Menschen diese ersten Jahre in Deutschland erinnern und was für sie persönlich aus der Einwanderung geworden oder entstanden ist, was sie geärgert oder gewundert hat. Zum Beispiel Ludmilla Goldberg, eine studierte Germanistin und Dolmetscherin.

Ludmilla Goldberg: "Es hat mich gewundert, dass es eine jüdische Gemeinde in München gibt, und es hat mich gewundert, dass diese Gemeinde ein lebhaftes Leben führt, und dass von der Gemeinde überhaupt etwas organisiert wird und gepflegt wird und dass Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion kommen hier die Möglichkeit haben, sich als Juden zu äußern und ein jüdisches Leben zu führen."

Der Raum mit den Videos ist ausgekleidet mit zahlreichen Statements aber auch mit Zeitungsartikeln, die deutlich machen, dass diese Freiheit zunächst mit zahlreichen Konflikten zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen einher gegangen ist. Doch auch die Neuen hatten Bindungen ans Judentum. Manche Erinnerungsstücke zeugen davon und verkörpern - so unscheinbar sie zum Teil auch sind - Geschichten.

In einem Fall ist es eine Tasse, im anderen ein Löffel oder kleine hebräisch geschriebene Zettelchen in einem Stoffbeutel, der lange achtlos in einer Schublade lag: Texte aus den Gebetskapseln, die sich fromme Juden wochentags zum Gebet anlegen. Manchmal war auch eine Bibel oder ein Siddur, ein Gebetbuch im Gepäck.

Jutta Fleckenstein am 10. 07. 2012, München:
"Also hat eine Zuwanderin eine Teigwalze mitgebracht, ne ganz kleine Teigwalze mit der man, wenn man ungesäuertes Brot, also Mazzot, zu Pessach backen möchte, vorher den Teig auswalzen kann. Und sie hat sie von ihrem Vater geschnitzt bekommen, weil man in der Region, wo sie ihre Kindheit verbracht hat, eben keine Mazzot aus Israel oder woher auch immer bekommen konnte und die selbst backen musste, wenn man Pessach feiern wollte."

Zu sehen ist auch eine alte dreiteilige Querflöte, die ein Zeitzeuge, Juriy Finkelberg, aus der Ukraine nach München gebracht hat. Sein Großvater hat darauf als Klezmermusiker ostjüdische Volksmusik gespielt – erst in seinem Schtetl in Weißrussland, dann in Kiew, während des Krieges auch jenseits des Ural und schließlich wieder in der Ukraine. Dort hat dann Juriy, der Enkel, ihr seine ersten Flötentöne entlockt. Noch einmal Jutta Fleckenstein:

"Die Leute hat’s schon auch überzeugt, dass ihre Lebensgeschichten, die in irgendeiner Stadt in der ehemaligen Sowjetunion begonnen haben und jetzt mit München verknüpft sind, hier für die Stadtgesellschaft interessant sein könnten und dass sie auch einen Platz in ’nem Erinnerungsort wie dem Jüdischen Museum brauchen."

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