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Interview | Beitrag vom 02.06.2020

Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki "Er hat das weltverändernde Potenzial der Literatur gelebt"

Volker Weidermann im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.  (picture-alliance / Sven Simon)
Vor 100 Jahren geboren: Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) konnte Romane wie kein zweiter loben – und verreißen. (picture-alliance / Sven Simon)

Heute vor 100 Jahren wurde Marcel Reich-Ranicki geboren. Dank seiner legendären TV-Auftritte war der "Literaturpapst" einem breiten Publikum bekannt. Literaturredakteur Volker Weidermann erinnert an ihn.

Stephan Karkowsky: Heute vor 100 Jahren wurde Marcel Reich-Ranicki geboren. Für meine Generation wird er immer der bedeutendste Literaturkritiker Deutschlands bleiben – auch jetzt noch, knapp sieben Jahre nach seinem Tod. Einer, der ihn gut kannte, ist heute Literaturredakteur beim "Spiegel", vor allem aber war er Nachfolger von Reich-Ranicki beim "Literarischen Quartett": Volker Weidermann. Sie sind 50 Jahre jünger als der einstige Literaturpapst, wie nähert man sich denn als junger Kollege einer Legende, wie war das damals?

Weidermann: Ich hatte das große Glück, dass sich die Legende mir annäherte, das war verrückt genug für mich. Das war im Jahr 2001, als die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" gegründet wurde und er dort eine Kolumne begann. Ich sollte der dafür zuständige Redakteur sein. Er reiste extra dafür nach Berlin, um zu verhandeln. Wo steht die Kolumne – Seite eins wollte er, Seite irgendwo wollte ich.

Wir näherten uns langsam im Gespräch an. Es war einfach für mich eine Riesenehre, weil ich habe das damals schon so begriffen, dass ich bei ihm eigentlich studiert habe, bei seiner Fernsehsendung studiert habe, in seinen Texten über die Literaten der Weimarer Republik studiert habe. Die erste Begegnung war für mich natürlich schon sehr Ehrfurcht einflößend.

Immer auf Widerspruch aus 

Karkowsky: Es wird viel erzählt über Reich-Ranicki, auch aus den Redaktionsfluren. War er jemand, der Respekt konkret einforderte oder eher eine natürliche Autorität, was würden Sie sagen?

Weidermann: Den, den ich kennenlernte - da war er schon fast 80 Jahre alt - brauchte nichts einzufordern. Das kam wie von selbst durch die Autorität, die er hatte, durch die Art, wie er über Literatur sprach, und durch die Bedeutung, die er sich selbst erschaffen hatte. Vor allem war er jemand, wenn man mit ihm sprach, der immer auf Widerspruch aus war, der immer zwar die Persönlichkeit war, die er war. Aber richtig in Fahrt kam er erst, wenn er merkte, da ist jemand, der das nicht alles, was ich sage, wie ein heiliges Gesetz entgegennimmt, sondern mit seiner eigenen Meinung kommt. 

Karkowsky: Wir Fernsehzuschauer erinnern uns mit Vergnügen vor allem an die lauten Momente des "Literarischen Quartetts", wenn Reich-Ranicki laut lospolterte, Romane grässlich nannte oder großartig. Da brannte diese unglaubliche Leidenschaft für Literatur in ihm. Wie war er denn, wenn die Kameras aus waren?

Weidermann: Ganz genauso, es gab da wirklich keinen Unterschied zwischen dem Fernsehmann und dem echten Mann. Es ist vielleicht auch eines seiner Hauptgeheimnisse: Er war immer authentisch vor der Kamera. Das war der, den auch die anderen kannten. Aber genauso habe ich ihn auch erlebt; als jemand, der Literatur, dieses Potenzial, was Literatur hat, dieses lebensverändernde Potenzial, weltverändernde Potenzial, das hat er geradezu durch seine Persönlichkeit gelebt. Das Buch konnte man geradezu spüren und sehen und erleben - als Zuhörer seiner Texte und auch im Gespräch mit ihm über Bücher.

Stolz auf den Papsttitel 

Karkowsky: Seine Urteile über die Literatur konnten hart sein, hielt er sich eigentlich für unfehlbar?

Weidermann: Das Gegenteil davon. Natürlich war er stolz über diesen Papsttitel, der ihm zuerkannt worden war. Das ist auch eine unglaubliche Geschichte, die er erlebt hat, dieser Triumph, den er in der zweiten Hälfte seines Lebens erlebt hat. Aber er wusste sehr wohl, dass man sich täuschen kann, dass er sich täuschte.

Der Schriftsteller Günter Grass (r) und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor Beginn des Literaturforums im jüdischen Gemeindezentrum, wo Grass aus seinem neuen Roman "Ein weites Feld" las.  (picture-alliance/dpa)Ein streitbares Verhältnis: Der Schriftsteller Günter Grass (r) und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. (picture-alliance/dpa)

Er hat sich mit seinem ersten Text, den er in der "Zeit" damals schrieb über die "Blechtrommel", fantastisch getäuscht. Das hat ihm überhaupt nichts ausgemacht – nimmt man vielleicht drei Jahre später einfach wieder zurück. "Nur die Lauen täuschen sich nie", hat er gesagt, wer immer so Halb-halb-Urteile abgibt, täuscht sich immer nur zur Hälfte. Er war sehr stolz darauf: Wenn sich schon zu täuschen, dann aber mit voller Trompete.

Karkowsky: Sie haben voriges Jahr eine Art Doppelbiografie veröffentlicht, "Das Duell" über den Dauerstreit zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki – größter Schriftsteller aller Zeiten trifft auf größten Kritiker. Was war da am Ende Ihr Fazit? Ging es denen wirklich immer nur um die Sache, nämlich um gute Bücher?

Weidermann: Es ging erst mal auch um die Unterhaltung des Publikums, denn auch Günter Grass war klug genug, auch nach dem 40. Großverriss von Reich-Ranicki anzuerkennen, dass er auch von diesem Kritiker profitiert hat, dass sie beide voneinander abhängig waren. Daran wird auch noch mal deutlich, dass wir und auch das Publikum sich erst richtig interessieren, wenn es auch zur Sache geht.

Gleichzeitig war das auch die große Zeit der deutschen Nachkriegsliteratur, in der Stellvertreterkriege in der Literatur ausgetragen worden sind. Günter Grass gehörte nun mal zu den Wehrmachtssoldaten*, zu den Deutschen, die auf der einen Seite gekämpft haben, und Marcel Reich-Ranicki war einer von den sechs Millionen, die getötet werden sollten, der mit viel Glück überlebte.

Das war natürlich die Folie, vor der man kämpfte, das war die Lebensgeschichte, auf der man sich bewegte, und deswegen hatte das alles auch so eine unglaubliche Intensität. Aber gleichzeitig auch doch diese Leichtigkeit, denn es war eben nicht mehr der Krieg, den man nachspielte, und es war nicht der Holocaust, den man noch im wirklichen Leben nachspielte, sondern es waren Simulationskämpfe auf Papier, in der Literatur.

Eigenes Verhältnis zu schreibenden Frauen 

Karkowsky: Er war natürlich nicht nur der Verreißer oder im Fall von Günter Grass sogar der Zerreißer, sondern auch ebenso hemmungslos ein Lober. Judith Hermann etwa hat er gelobt für ihr Erstlingswerk "Sommerhaus später", ihr eine große Karriere prophezeit. Dann aber wurde sie schwanger; und er, der große weiße alte Mann äußerte Zweifel daran, ob sie mit Kind noch schreiben könnte. Ein moderner Mensch war er nicht, oder?

Weidermann: Wirklich nicht. Also an einigen Äußerungen, gerade was Frauen angeht, würde man sagen, das wäre sehr interessant, wie die Welt heute auf ihn und wie er auf die Welt reagieren würde. Zu Frauen und gerade zu Bücher schreibenden Frauen hatte er ein eigenes Verhältnis, wobei er auch da viele, viele entdeckt und gelobt hat.

Seine Bemerkung gegenüber Judith Hermann, die hat er sich sehr lange gemerkt und hat auch überlegt, dass es auch nicht ganz falsch ist. Er hatte gesagt, wenn sie ein Kind bekommt, könne das ihrer Kreativität schaden. Das ist natürlich ein hartes archaisches Männerurteil. Gleichzeitig hat Judith Hermann, glaube ich, als sie dann wirklich ein Kind bekam, auch gemerkt, es hat sich zumindest natürlich in ihrer Kreativität einiges verändert.

Jemand wie Reich-Ranicki war eben einer, der an Literatur den Absolutheitsanspruch stellte, Literatur war dann auch alles. Literatur war das Leben, da musste man und sollte man als wahrer Künstler eben alles dem unterordnen. Das ist wahnsinnig unmodern und archaisch, aber machte natürlich auch seine Sprachgewalt aus und die Bedeutung der Literatur aus, die jeder sofort spürte, der ihm einmal zugehört hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

*Günter Grass war im Zweiten Weltkrieg Mitglied der Waffen-SS.

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