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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 13.11.2016

Erinnern und gestaltenWas geht mich der Holocaust an?

Von Pfarrer Lutz Nehk, Berlin – eine Sendung der Katholischen Kirche

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Papst Franziskus berührt mit dem rechten Arm die sogenannte "Schwarze Wand" in Auschwitz. (picture alliance / dpa / Radek Pietruszka / PAP)
Papst Franziskus gedenkt an der sogenannten "Schwarzen Wand" in Auschwitz der Holocaust-Opfer (picture alliance / dpa / Radek Pietruszka / PAP)

Die Erinnerung an die Schrecken der deutschen Geschichte verlieren bei der jungen Generation an Bedeutung. Für Christen aber gehört das Erinnern zum Wesen ihrer Religion. Genauso wie die Frage, welche Relevanz das Überlieferte für Gegenwart und Zukunft hat.

Ein kleiner Kiefernhain, eher lang als breit, in lockerer Ordnung Skulpturen, Stehlen, in den Boden eingelassene Steinplatten. Hier und da ein Blumengebinde. Es ist der Ort der konkreten Trauer in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Er liegt außerhalb des Geländes des ehemaligen Konzentrationslagers. Noch bevor die Besucher und Besuchergruppen durch das Tor mit der Inschrift "Arbeit macht frei" betreten, werden sie hier auf die verschiedenen Opfergruppen hingewiesen, die in diesem Lager "inhaftiert" waren. Vor zehn Jahren wurde in diesem Kiefernhain auch ein "Gedenkstein für die KZ Sachsenhausen inhaftierten katholischen Geistlichen" errichtet und gesegnet. Es waren über 700 auch acht Nationen, die hier in den Baracken des sogenannten Pfarrerblocks untergebracht wurden. Fast 100 von ihnen überlebten die Zeit in Sachsenhausen nicht. Der damalige Erzbischof von Berlin, Kardinal Georg Sterzinsky, sagte bei der Feier der Segnung vor zehn Jahren: "Wir tragen große Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft. Gerade deshalb braucht unsere Zukunft Stätten des Gedenkens und der Geschichte."

Ist das so? Immer häufiger wird ein Fragezeichen hinter das Erinnern und Gedenken gesetzt. Die Geschichte, so sagen manche soll unsere Zukunft nicht belasten. Immerhin: Das ist ja noch eine ansatzweise reflektierte Position. Schwieriger ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschehenen, die Einstellung: "Was geht das mich an?"

Erinnern ist ein religiöser Akt

Natürlich ist das Erinnerungsvermögen eine feine Sache. Die Glanzpunkte des Lebens, ohne das Erinnern, wären sie wertlos. Sie wären, als wären sie gar nicht geschehen. Vielleicht hat noch keine Zeit zuvor so viel Erinnerungsmaterial produziert wie die unsrige. Die unzähligen Fotos, die jeden Tag mit dem Handy gemacht werden. Unzählige Augenblicke werden festgehalten. Nicht nur, um sich anderen mitzuteilen, sondern auch, damit ich mich später einmal daran zu erinnern – Orte, Stimmungen, Menschen, das habe ich gegessen, da habe ich getanzt, das habe ich erlebt. Momente der Vergangenheit werden lebendig im Augenblick der Gegenwart. Der Mensch wendet sich zurück und nimmt sein eigenes Leben in den Blick. Damit vollzieht er, sicher ganz unbewusst und ungewollt, einen "religiösen Akt". Eine Grundbedeutung des Begriffs Religion ist, "sich zurückbinden". Ich erinnere mich an das, was in meinem Leben bisher wichtig war, was mich geprägt hat, was meine Persönlichkeit geformt hat. Wer mit dieser Frage an seine Erinnerung weiter geht, wird letztlich auf die grundsätzliche Frage kommen: Woher komme ich eigentlich?

Religion ist Erinnerung. Das Judentum, die Christen, der Islam – alle haben heilige Bücher, die sie erinnern. Sie helfen ihnen, sich zurückzubinden an den Ursprung alles Geschaffenen. Heute würde man sich vielleicht seine Fotos zeigen. Die biblischen Texte gehen natürlich einen anderen Weg, den Weg der Erzählung. Menschen erzählen von ihrer Gotteserfahrung, von dem, was sich in ihre Erinnerung fest eingeschrieben hat. Sie erzählen es, damit es nicht verloren geht. Und sie erzählen es als eine Einladung und Ermutigung, seine eigenen Erfahrungen mit Gott zu machen. Der Psalm 145 ist eine solche erinnernde Erzählung an die Werke Gottes. Er fordert auf und ermutigt, sich einzureihen in die Schar derer, die "die Erinnerung an Gottes große Güte wecken".

"Ich will dich rühmen, mein Gott und König, und deinen Namen preisen immer und ewig; ich will dich preisen Tag für Tag und deinen Namen loben immer und ewig.
Groß ist der Herr und hoch zu loben, seine Größe ist unerforschlich.

Ein Geschlecht verkünde dem andern den Ruhm deiner Werke und erzähle von deinen gewaltigen Taten.

Sie sollen vom herrlichen Glanz deiner Hoheit reden; ich will deine Wunder besingen. Sie sollen sprechen von der Gewalt deiner erschreckenden Taten; ich will von deinen großen Taten berichten.

Sie sollen die Erinnerung an deine große Güte wecken und über deine Gerechtigkeit jubeln.

Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade.

Der Herr ist gütig zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.

Danken sollen dir, Herr, all deine Werke und deine Frommen dich preisen.

Sie sollen von der Herrlichkeit deines Königtums reden, sollen sprechen von deiner Macht, den Menschen deine machtvollen Taten verkünden und den herrlichen Glanz deines Königtums.

Dein Königtum ist ein Königtum für ewige Zeiten, deine Herrschaft währt von Geschlecht zu Geschlecht.

Der Herr ist treu in all seinen Worten, voll Huld in all seinen Taten.

Der Herr stützt alle, die fallen, und richtet alle Gebeugten auf.

Aller Augen warten auf dich und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.

Du öffnest deine Hand und sättigst alles, was lebt, nach deinem Gefallen.

Gerecht ist der Herr in allem, was er tut, voll Huld in all seinen Werken.

Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, allen, die zu ihm aufrichtig rufen.

Die Wünsche derer, die ihn fürchten, erfüllt er, er hört ihr Schreien und rettet sie.

Alle, die ihn lieben, behütet der Herr, doch alle Frevler vernichtet er.

Mein Mund verkünde das Lob des Herrn.

Alles, was lebt, preise seinen heiligen Namen immer und ewig!" (Ps 145)

"Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt."  (1Kor 11, 24-26)

Der Apostel Paulus schreibt in einem Brief die Gemeinde in Korinth über das Herzstück der christlichen Erinnerung: das letzte Abendmahl Jesu. Paulus selbst hat ja nicht daran teilgenommen. Er hat in den Gemeinden mitbekommen, wie ernst Menschen die Erinnerung nehmen und wird in seinem Brief zu einem, der diese Erfahrung weitergibt.

Wichtig an diesem Text ist nicht nur Erinnerung an ein längst vergangenes Ereignis. Es geht um die Botschaft der Erinnerung. Sie ist Verkündigung, jetzt, für diese Zeit, für diesen Ort: "Sooft ihr das tut, was der Herr euch aufgetragen hat, verkündet ihr seinen Tod." Tod heißt hier nicht Ende, aus, vorbei. Das würde keinen Sinn ergeben. Man muss die Auferstehung Jesu immer mitdenken. So bekommt die Verkündigung eine Perspektive: bis der Herr wiederkommt, am Ende der Zeit. Die Verkündigung hat also eine aktuelle Relevanz. Sie hat gestalterisches Potential.

Es reicht nicht aus, sich zu erinnern: Da hat mal einer gelebt, hat dies und das an guten Werken getan, hat gut gepredigt und überzeugend von Gott gesprochen, ist aber schließlich hingerichtet worden. Erinnerung bleibt sinnlos, wenn sie nicht Impulse für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft gibt. Was waren die guten Werke dieses Jesus und wie not-wendig sind sie heute? Was war seine Botschaft von Gott und wie aktuell ist sie heute?

Der Glaube an Gott muss sich auswirken auf das Leben

Erinnerung an Gott geschieht nicht nur im Wort. Es ist ganz wesentlich auch ein Erinnern im Werk. Jesus selbst ist hier für mich der vorbildliche Erinnerer. Das Wort aus dem Psalm 145 zum Beispiel hat er nicht nur gepredigt, er hat es mit Leben erfüllt: "Der Herr stützt alle, die fallen, und richtet alle Gebeugten auf." (Ps 145, 14)

Jesus hat den Leuten im Bild von den "guten Früchten" immer wieder vor Augen gestellt: Der Glaube an Gott muss sich auswirken auf das Leben der Menschen. Hiervon lese ich im Lukasevangelium:

"Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist; und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr!, und tut nicht, was ich sage?" (Lk 6, 43-47)

Welchen Stellenwert hat die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit für die Gestaltung der Gegenwart?

Historiker sind alarmiert. Dem Geschichtsunterricht in den Schulen droht der Niedergang. "Die Schüler seien immer weniger in der Lage, Zusammenhänge zwischen früher und heute herzustellen, Lehren aus der Geschichte zu ziehen," heißt es in einem Beitrag der digitalen Zeitung von Welt und N24. Ist der Geschichtsunterricht noch in der Lage, die historische Dimension dieser heutigen Zeit zu vermitteln? (1)

Ein zweites Alarmzeichen: Es wird bald keine Zeitzeugen mehr geben. Die Überlebenden des Holocaust sind in einem Alter, in denen ihnen öffentliche Auftritte kaum mehr möglich sind. Viele von ihnen sind gestorben. Auch die Gruppe derer, die in Nazideutschland gelebt haben und aus eigener Erfahrung berichten können, wird immer kleiner. Bald wird es also kein Erinnern aus direkter Erfahrung mehr geben.

Ein drittes Alarmzeichen: Immer öfter wird die Frage gestellt: "Was geht das mich an?" Historisches Wissen Ja, persönliche Betroffenheit Nein. Die Geschichte soll uns nicht mehr belasten. Über 50 Prozent der Befragten ab 14 Jahre haben in einer Umfrage dieser Aussage zugestimmt: "Die ewige Erinnerung an die NS-Geschichte verhindert, dass die Deutschen ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln." (2)

Drei Alarmzeichen. Sicher könnte man diesen noch mehr hinzufügen. Glücklicherweise gibt es aber auch viele Anzeichen für eine wachsende Kultur der Erinnerung, die immer diese beiden Schwerpunkte hat: Erinnerung an das Geschehen in der Vergangenheit – Konsequenzen für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft. Erinnerungskultur muss, biblisch gesprochen, auch "gute Früchte" bringen.

Es gibt eine Allianz vieler Gruppen, Organisationen, Institutionen und Initiativen, die die Erinnerungskultur in Deutschland profilieren. Gegen das Vergessen und gegen das Verdrängen.

Der Staat selbst ist Träger der Erinnerungskultur

Der Staat selbst ist Träger der Erinnerungskultur. Das hat Staatsministerin Monika Grütters in einem Vortrag über die "Erinnerungskultur als Verantwortung für die Zukunft" im Ökumenischen Gedenkzentrum Plötzensee betont. Hier, in diesem Zentrum in Berlin-Plötzensee, treffen sich Christen regelmäßig, um sich mit Themen des christlichen Wiederstandes und dem Leben und Wirken der Blutzeugen in der NS-Zeit zu beschäftigen.

"Je weniger Holocaust-Überlebende es gibt, die uns ihre Geschichte erzählen können, desto schwieriger wird die Annäherung an das Unfassbare, und desto wichtiger werden die authentischen Gedenkorte, um deren Erhalt sich Bund und Länder in Deutschland gemeinsam kümmern. Dazu gehört das ehemalige Strafgefängnis - heute Gedenkstätte - Plötzensee, in dem zwischen 1933 und 1945 fast 3.000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Innerhalb dieser Mauern, die zwölf Jahre lang stumme Zeugen des Leidens und des Mordens waren, ergreift, ja überwältigt einen förmlich der tiefe Respekt für den unbeugsamen Willen zum Widerstand, der vielfach am Galgen oder unter dem Fallbeil endete." (3)

Als Christ bin ich mit Erinnerung vertraut. Es gehört zum Wesen meiner Religion, dass ich mich erinnere und mich danach frage, welche Relevanz der überlieferte Glaube für die Gegenwart und die Zukunft hat. Im Zentrum der Erinnerung steht der Mensch Jesus Christus. Die Orte seines Wirkens geben gewissermaßen die Bühne seines Wirkens ab. Im Zentrum christlicher Erinnerungskultur stehen folgerichtig auch immer Menschen. Ihre Namen sind ganz wichtig. Orte haben Bestand. Auch wenn sie nicht gepflegt würden, wären sie als Orte unsäglichen Leids vorhanden. Die Menschen, ihre Namen, sie sind in Gefahr, vergessen zu werden. Als Kardinal Sterzinsky vor zehn Jahren bei der Segnung des Gedenksteins für die katholischen Geistlichen im KZ Sachsenhausen sagte, unsere Zukunft brauche Stätten des Gedenkens, hatte er die 96 Menschen vor Augen, die hier ums Leben kamen. Ihre Namen sind in den Stein eingraviert.

Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, wird vom "Buch des Lebens" gesprochen, in dem die Namen der Gerechten eingetragen sind. "Nie werde ich seinen Namen aus dem Buch des Lebens streichen", heißt es da. (Offb 3,5)

Die Erinnerung an Menschen erinnert auch immer daran, dass sie selbst Zeuginnen und Zeugen Gottes waren und aus ihrem Glauben die Kraft zum Gestalten hatten – bis hinein in den Tod. Immer auch im Blick auf die Zukunft.

Am 11. Januar 1945, einige Wochen vor seiner Hinrichtung in Plötzensee, schreibt der Jesuitenpater Alfred Delp: "Es sollen einmal Andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind." (4)

Quellen:

(1) https://www.welt.de/politik/deutschland/article149909227/Der-fatale-Niedergang-des-Schulfachs-Geschichte.html

Abruf: 1.11.2016

(2) http://www.zeit.de/2010/45/Erinnern-NS-Zeit-Jugendliche

Abruf: 1.11.2016

(3) https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2016/10/2016-10-27-gruetters-gedenkstaette-ploetzensee.html?nn=402618

Abruf 1.11.2016

(4) Alfred Delp, zitiert in: Rita Haub, Alfred Delp. Im Widerstand gegen Hitler, Kevelaer 2015, Topos Taschenbuch 1007, Seite 100

 

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