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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.08.2012

Erinnern als Lebensnotwendigkeit

Thomas Christen: "Der Abend vor der Nacht", Secession Verlag für Literatur, Zürich 2012, 189 Seiten

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Die Geschichte des alten Will erfährt der Leser als Momentaufnahme und Retrospektive. (picture alliance / dpa - Maximilian Schönherr)
Die Geschichte des alten Will erfährt der Leser als Momentaufnahme und Retrospektive. (picture alliance / dpa - Maximilian Schönherr)

In "Der Abend vor der Nacht" driftet der zunehmend dement werdende Will ab in eine unwirkliche Parallelwelt. Der Debütroman des Lyrikers und Songtexters Thomas Christen ist mit kriminalistischem Geschick und psychologischem Feingefühl erzählt.

Ein alter Mann steht in seinem Haus. Er blickt auf ein Foto an der Wand. Es ist einige Jahrzehnte alt, entstanden an seinem Hochzeitstag. Er zwingt sich, die Namen seiner Schwägerin und seiner Mutter zu erinnern. Das Datum der Aufnahme ist ihm entfallen. Auch, warum er damals ein Weinglas zertreten hat. Will Langhans ist Ende 70. Er lebt allein in einem mit Antiquitäten und Kunstgegenständen eingerichteten Haus in England. Mit seiner Frau Malin war der gebürtige Deutsche vor vielen Jahren dorthin gezogen. England hatte ihm einst das Leben gerettet, 1936 waren seine Eltern mit ihm dorthin ausgewandert. Nun wird er dort sterben, inmitten von Erinnerungen, die ihm nach und nach entgleiten.

Angefangen hatte es mit kleinen Irritationen, die anfangs noch als Laune oder Spleen angesehen wurden. Plötzliches Aufbrausen, ein unzusammenhängender Satz, eine vergessene Verabredung. Auch gab es noch Malin, die Geliebte, Gefährtin und Ehefrau, die ihn erinnerte, korrigierte und beschwichtigte, die großherzig und mit klagloser Selbstverständlichkeit auf seine fortschreitende Demenz reagierte.

Zu Beginn des Debütromans von Thomas Christen ist Malin bereits gestorben und Will Langhans verbringt die letzte Nacht in seinem Haus. Am nächsten Tag wird ihn eine Betreuerin in ein Heim bringen. Der Leser erfährt Wills Geschichte als Momentaufnahme und Retrospektive. Darin gelingt es dem Autor, der - studierter Agrar- und Politikwissenschaftler - bislang als Lyriker und Songtexter für Udo Jürgens und Milva in Erscheinung getreten ist, eine Welt zum Leuchten zu bringen, die gerade untergeht. In ihr gelebt zu haben, darum muss der Leser Will beneiden. Vor allem um die geglückte lebenslange Liebe zu Malin, die vor ihrem Tod dem bereits erkrankten Ehemann ein Tonband mit den Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und Gefühle bespricht. Und dem absehbar dementer Werdenden so eine Heimat in Worten hinterlässt, etwas Vertrautes in einer für ihn zunehmend unwirtlicheren und unwirklicheren Welt. Zwar vergisst Will vieles, das eigentliche Thema des Romans aber ist das Erinnern als Lebensnotwendigkeit, der Wert von Erinnerungen für die Liebe und das Selbstverständnis eines Menschen.

Wills Geschichte verschachtelt Christen geschickt mit der des ortsansässigen Kleinkriminellen Steven Blake, einem Nachbarn und Freund der Langhans'. Auch er driftet immer wieder in Fantasiewelten ab, halluziniert und ist seines Lebens nicht mehr Herr – mit fatalen Folgen.

Thomas Christen beschreibt kraftvoll und sinnlich innere wie äußere Landschaften. Souverän wechselt er die Tonlagen, zitiert Hölderlins Pathos ebenso überzeugend, wie er die Alltagsdialoge zweier Autodiebe gestaltet. Mit kriminalistischem Geschick und psychologischem Feingefühl erzeugt er Spannung und eine Atmosphäre, die mitunter an Filme von David Lynch erinnert. Im geruhsamen Fluss der Sätze entdeckt man unversehens abgründige Tiefen, wird in Gefühlsstrudel gerissen und in Parallelwelten gestoßen.

Besprochen von Carsten Hueck

Thomas Christen: Der Abend vor der Nacht
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2012
189 Seiten, 21,95 Euro

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