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Lesart | Beitrag vom 15.06.2019

Erika Fatland: "Die Grenze"Reisebericht einer spektakulären Reise

Von Olga Hochweis

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Buchcover von Erika Fatland "Die Grenze" (Suhrkamp/ imago/ ITAR-TASS/ Sergei Malgavko)
Russischer Zug: Die Autorin Erika Fatland umrundete in einer monatelangen Reise Russland. (Suhrkamp/ imago/ ITAR-TASS/ Sergei Malgavko)

Auf mongolischen Pferden und finnischen Rentieren, in chinesischen Schnellzügen und in nordkoreanischen Propeller-Maschinen hat Erika Fatland das flächenmäßig größte Land der Welt umrundet: Russland. Entstanden ist ein detailverliebter Reisebericht.

Was für eine Reise hat Erika Fatland unternommen: einmal rund um Russland, immer entlang der Grenze, von Asien nach Europa, um das flächenmäßig größte Land der Erde. Die Schlussetappe entlang der Nordküste Eurasiens steht am Anfang des Buches: eine exklusive vierwöchige Touristen-Passage über den arktischen Ozean. Es ist wegen der Erderwärmung mittlerweile ganzjährig befahrbar. Diese Überfahrt ist das vorweggenommene Finale einer Reise voller Superlative.

Zu diesem Zeitpunkt ist die norwegische Journalistin und Schriftstellerin bereits über einen Zeitraum von neun Monaten gereist, immer entlang Russlands Grenzen: 20.000 Kilometer per Schiff und Fähre, aber auch in chinesischen Hochgeschwindigkeitszügen oder kasachischen Bummelbahnen, in klapprigen nordkoreanischen Propeller-Flugzeugen, im Taxi, mit mongolischen Pferden und finnischen Rentiere und schließlich entlang der norwegisch-russischen Grenze im Kajak.

Ein Buch mit beeindruckend viel Stoff

So heterogen wie die Transportmittel sind auch die bereisten Nachbarländer Russlands. Der Stoff dieses Buch ist überbordend und versucht Geschichte und Gegenwart abzubilden. Das Russische Imperium hat durch Eroberungsfeldzüge und geostrategische Machtpolitik über Jahrhunderte hinweg seine Fläche in alle Himmelsrichtungen durch Eroberungen benachbarter Regionen vergrößert. Ab der Machtübernahme der Romanows 1613 war das russische Imperium durchschnittlich jeden einzelnen Tag über einhundert Quadratmeter gewachsen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 verringerte sich das einstige Territorium um 20 Prozent und um die Hälfte seiner Einwohnerschaft. Um so vehementer ging es in den nachfolgenden Jahren um die Beibehaltung zentraler Einflusssphären. Beispiele liefern die Tschetschenienkriege und der Krieg gegen Georgien, aber auch die Annektion der Krim 2014 und der Konflikt in der Ostukraine. Ehemalige Sowjetrepubliken wie etwa die Baltischen Staaten sind heute unabhängige Länder. Andere neu entstandene Nachbarn stehen weiter unter russischem Einfluss - so etwa das totalitär geführte Kasachstan, mit dem Russland seine längsten Grenzabschnitt teilt (7500 Kilometer).

Hinter solchen Eckdaten stehen menschliche Schicksale: Kriegserfahrung, Migration, Deportationen, Verfolgung und Unterdrückung indigener Völler. 200 ethnische Gruppen leben heute noch innerhalb der Grenzen der Russischen Föderation – ein kleiner Beleg für die die Diversität entlang der russischen Grenzen.

Ein einziges Buch mit der Ambition, diese Komplexität auf vielerlei Ebenen abzubilden, ist ein mutiges Unterfangen. Die Autorin behilft sich mit vielen Zahlen, Namen und Fakten. Über weite Strecken führt sie in detailreichen Exkursen weit zurück in russische Grenzgeschichten, zu Städten wie Harbin, die mal russisch, mal chinesisch waren oder nach Wyborg, heute Teil Russlands, vor vielen Jahren eine finnische Stadt. Akribisch beschrieben werden die Kamtschatka-Expeditionen des dänischen "Zaren-Kolumbus" Vitus Bering im 18. Jahrhundert, genauso die vielen Feldzüge der Mongolen vor 800 Jahren. Die Hintergrundinformationen sind allerdings oft überfrachtet mit Einzelheiten, was auf Kosten lebendiger Reiseerfahrungen der Autorin geht. Unmittelbar mit Menschen in den Grenzregionen darüber ins Gespräch zu kommen, was es heute bedeutet, Russlands Nachbar zu sein – dieses erklärte Ziel des Buchs gerät zuweilen aus dem Blick.

Wie es ist, neben dem Riesen zu leben 

Die stärksten Passagen sind solche jenseits der Geschichtsbücher: In Erinnerung bleiben direkte Begegnungen mit Menschen, die am eigenen Leib die Willkür der russischen Machthaber erlebt haben. Fatlands Heimat Norwegen ist das einzige Nachbarland, gegen das Russland in den vergangenen 500 Jahren weder einen Krieg geführt noch es besetzt hat.

Der kleine Mensch in der großen Maschinerie russischer beziehungsweise sowjetischer Machtpolitik kommt angesichts der Materialfülle und der Ambitionen des Buchs ein wenig zu kurz. Trotzdem gelingt es Erika Fatland mit ihrer spektakulären Reise, beim geduldigen und aufmerksamen Leser das Interesse für die "Ränder" Russlands zu wecken. Sie dokumentieren nicht nur die denkbar schwierige Existenz an der Seite eines gefährlichen "Riesen", sondern spiegeln auch eine Art Psychogramm Russlands. Sein imperiales Selbstverständnis bleibt, allen politischen und geographischen Entwicklungen der letzten 25 Jahre zum Trotz, bis heute prägend.

Erika Fatland: "Die Grenze – Eine Reise rund um Russland"
Durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage
Suhrkamp Verlag
623 Seiten, 20 Euro

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