Seit 00:05 Uhr Neue Musik

Dienstag, 10.12.2019
 
Seit 00:05 Uhr Neue Musik

Vollbild | Beitrag vom 20.07.2019

Erik Schmitt über seinen Berlin-Film "Cleo""Was würde uns die Stadt erzählen, wenn sie sprechen könnte"

Moderation: Patrick Wellinski

Beitrag hören Podcast abonnieren
Mit der Unterstützung von Freunden such Cleo nach einer sagenumwobenen magischen Uhr, die die Zeit zurück dreht. (© Detailfilm GmbH/Johannes Louis/Janine Marold)
Mit der Unterstützung von Freunden sucht Cleo nach einer sagenumwobenen magischen Uhr, die die Zeit zurück dreht. (© Detailfilm GmbH/Johannes Louis/Janine Marold)

Wieder rennt eine junge Frau mit roten Haaren durch Berlin. "Cleo" sucht im gleichnamigen Film einen Schatz. Regisseur Erik Schmitt will mit dieser Geschichte auch der Seele Berlins nachspüren.

Patrick Wellinski: Noch weigert sich die rothaarige Cleo, den Schönling Bruno bei seiner seltsamen Schatzsuche zu helfen, aber es dauert nicht lange, und schon bald rennen beide durch ganz Berlin auf der Suche nach dem verborgenen Schatz der Gebrüder Sass. Das ist der grobe Handlungsrahmen für Eric Schmitts sehr verspieltes Spielfilmdebüt "Cleo". Mit sehr liebevollen Animationen erinnert der Film an die Leichtigkeit französischer Regisseure, zum Beispiel Michel Gondry oder auch Jean-Pierre Jeunet.

Neben dem romantischen Abenteuer sucht Eric Schmitt ganz nebenbei auch nach der Seele der Stadt Berlin, jenseits der ausgetretenen Touristenpfade. Als ich ihn zum Interview traf, wollte ich von dem zugezogenen Berliner wissen, was es denn genau an dieser Stadt ist, das ihn so fasziniert, dass er sich nicht nur in seinem Kurzfilm, sondern jetzt auch in seinem Spielfilmdebüt damit auseinandersetzt.

Jeremy Mockridge, Marleen Lohse und Erik Schmitt bei der Premiere von 'Cleo' auf der Berlinale 2019. (Geisler-Fotopress / picture alliance)Die Schauspieler Jeremy Mockridge, Marleen Lohse und Regisseur Erik Schmitt (r) bei der Premiere von "Cleo" auf der Berlinale 2019. (Geisler-Fotopress / picture alliance)

Erik Schmitt: Na ja, es ist einfach keine normale Stadt. Wenn man davon ausgeht, dass Städte – die These, die ich im Film stelle –, eine Seele haben, dann hat Berlin einfach was ganz Besonderes erlebt. Und die Seelen werden ja gerne mal traumatisiert, und Berlin wurde auf ganz eigene Weise traumatisiert und hat eine Geschichte, die einfach so keine andere Stadt der Welt erzählen kann. Und das hat mich von jeher fasziniert. Ich habe schon immer den Drang gehabt, hierher zu kommen. Ich bin zwar Zugezogener offiziell, aber ich hab tatsächlich in keiner anderen Stadt so lange gelebt wie hier, weil ich vorher viel umgezogen bin. Und hier ist meine Heimat.

Von allen Städten die liebste

Wellinski: Also die Seele Berlins, das ist seine Geschichte.

Schmitt: Na ja, eine Seele baut sich vielleicht zusammen aus den Sachen aus Erlebtem, und das ist so ein bisschen die These des Films, dass man sagt, Orte haben gewissermaßen … Was würde es bedeuten, wenn es so wäre, was würde es für Berlin bedeuten, so eine Stadt, die so viele, so krasse Erinnerungen hat, was würde die uns erzählen, wenn sie sprechen könnte. Das klingt jetzt alles sehr philosophisch oder tiefgreifend, es ist aber auch, auf eine eher spielerische Weise wird da irgendwie rangegangen an das Thema.

Wellinski: Ja, mit Cleo, der Hauptfigur. Junge Frau, Vollwaise, ehrlich gesagt, mit tragischen Umständen konfrontiert seit ihrer Geburt. Die Mutter stirbt bei der Maueröffnung, Vater später durch eine unterirdische Fliegerbombe. Schon in ihrer DNA scheint ja dadurch, ehrlich gesagt, sowohl das Helle als auch das Dunkle dieser Stadt festgeschrieben zu sein, Cleo ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Produkt dieser Stadt.

Schmitt: Berlin ist Cleo in dem Fall, und Cleo ist Berlin, genau darum geht’s. Das ist ja das Faszinierende eben, diese Tragik, die diese Stadt erlebt hat, und gleichzeitig ist es auch einfach mal die schönste und leichteste Stadt, die ich kenne. Das ist ja genau das, was mich fasziniert, das ist nicht einfach nur die Partystadt, von der gerade alle reden, und es ist aber auch nicht nur die Stadt, die durch eine Mauer getrennt wurde, sondern sie ist das und noch viel mehr. Und das ist wirklich, wirklich, wirklich einzigartig, von allen Städten, die ich bereist hab, hat mich das nur hier so stark faszinieren können wie in Berlin.

Berühmte Geister: Marlene Dietrich, Albert Einstein, Max Planck

Wellinski: Mit Cleo kommunizieren ja sehr bekannte Geister dieser Stadt: Marlene Dietrich, Albert Einstein, Max Planck. Was war Ihre Idee dahinter?

Schmitt: Wir wollten eben tatsächlich der Stadt irgendwie auch eine Stimme geben außerhalb des Visuellen und der Orte, die wir zeigen. Und da ging’s darum, okay, wenn Orte sich erinnern können, dann können sie sich auch an bestimmte Personen erinnern. An alle Personen, aber wir wollten natürlich Personen, die jeder identifizieren kann. In der Recherchezeit hab ich eine ganz lange Liste an berühmten Berliner Persönlichkeiten, noch nicht mal berühmt, sondern auch interessanten Berliner Persönlichkeiten angelegt. Letztendlich haben wir uns dann auf welche geeinigt, die man visuell tatsächlich auch außerhalb Berlins identifizieren kann. Deshalb fiel dann die Wahl letztendlich auf Marlene Dietrich und Albert Einstein, die beide eben hier gelebt hatten und eine besondere Beziehung zu der Stadt hatten. Auch wenn sie im Falle Albert Einsteins keine Ur-Berliner sind – trotzdem hat er hier gelebt, als er seinen Nobelpreis hier bekommen hat, und Marlene Dietrich hatte eine ganz besondere eigene Beziehung zu der Stadt.

Die schüchterne Cleo sucht in Berlin nach einer sagenumwobenen magischen Uhr, die die Zeit zurück dreht. (© Detailfilm GmbH/Johannes Louis/Janine Marold)Cleo jagt durch die Stadt. (© Detailfilm GmbH/Johannes Louis/Janine Marold)

Wellinski: Im Grunde ist der Film ja eine Art Schatzsuche in Berlin. So eine Stadt mit der Seele und mit den ganzen Geheimnissen, von denen wir ja gerade gesprochen haben, hat natürlich auch ihre Schätze. Cleo ist ja am Anfang, wie wir sie kennenlernen, eigentlich jemand, der Stadtführungen anbietet beziehungsweise sie schreibt die Stadtführungen, sie macht sie nicht mehr selber, wird dann gezwungen, endlich mal eine wieder zu machen. Dann gerät sie auf die Spur eines Schatzes der Gebrüder Sass. Ich glaube, dass viele die gar nicht kennen. Ich glaube, alle kennen Bonnie and Clyde, aber wer waren die Gebrüder Sass.

Gastauftritt der Gebrüder Sass

Schmitt: Das ist eine dieser faszinierenden Berlin-Geschichten. Tatsächlich so ein bisschen kann man die kennen – es gab mal so einen Film mit Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel. Tatsächlich ist es trotzdem … Für diese wahnsinnig schöne Geschichte hat die wenig Platz hier im allgemeinen Gedächtnis. Das waren zwei Brüder in den 20ern, die eher so ein bisschen schalkartig Überfälle gemacht haben, sich wirklich mit allen möglichen Tricks und Werkzeugen irgendwie Zugang zu den Berliner Banken geschafft haben und die unglaublich populär waren zu der Zeit, weil sie eben "nur", in Anführungsstrichen, das Geld der Reichen aus den Banktresors genommen haben und auch in ihrer ganzen Umgebung da im Wedding irgendwie ein paar Scheine auch in den Briefkasten gelegt hatten. Die hatten dann wiederum eine – das ist auch wieder so eine schöne Geschichte, also schön tragisch in dem Sinne – Geschichte Berlins, dass diese quasi, in Anführungsstrichen, so leicht unschuldigen, für die Berliner liebenswerten Ganoven von den Nazis dann später ohne großes Federlesen erschossen wurden im KZ Sachsenhausen.

Wellinski: Das ist ja das Schöne, dass Sie in Ihrem Film an sie erinnern, obwohl sie ja quasi nur so im Unterstrom mit da sind, die Gebrüder Sass, nicht wahr? Also Sie erinnern trotzdem an diese Geschichte. Ist das auch quasi so ne doppelte Funktion, zum einen diese unterhaltsame Geschichte von Cleo, es ist ja auch eine Liebesgeschichte, ist auch so ne schöne Sommergeschichte, auf der anderen Seite ist es ja auch eine gewisse Art von Stadtführung.

Schmitt: Ja, auf jeden Fall. Es sollte halt eine Stadtführung werden der besonderen Art. Ich meine, Berlin hat ja diesen Hype erlebt der letzten Jahre, und jetzt kommen hier irgendwie die Massen und trampeln hier so ein bisschen rum. Man kann das schön oder schlecht finden, worum es mir aber ging, war tatsächlich, auch für Leute, die hier leben, noch was zu erzählen und diese Orte, die vielleicht in Vergessenheit geraten sind oder deren Geschichte man gar nicht mehr kennt, irgendwie mitzuerzählen. Dazu gehören eben auch Geschichten wie die der Gebrüder Sass, aber es gibt auch ganz spezielle Orte, die ich interessant finde. Den Körnerpark zum Beispiel in Neukölln ist so ein Beispiel, der irgendwie so unbekannt ist, wo immer Leute dann, wenn ich den zeige, sagen, ach, das wusste ich ja gar nicht, das ist hier Neukölln, das ist ja … nie gesehen und so. Das ist eine Sache, und die zweite für mich sehr wichtige Sache bei den Orten der Stadt war der Untergrund. Das ist einmal diese Faszination, finde ich, die auch Berlin ausübt, weil es hier einfach sehr viel Untergrund gibt, und zwar aus ganz verschiedenen Epochen der Stadt. Also jede Epoche Berlins hat irgendwie ihren eigenen Untergrund, und das wollte ich irgendwie benutzen, und zwar aus genau diesem Grund. Die Leute kommen und schauen sich die Oberfläche der Stadt an, aber sie hat eben nicht nur diese schöne oder besondere hippe Oberfläche, sondern Berlin hat diesen dunklen Untergrund.

Von der Schwierigkeit, im Jahr 2019 einen Film zu machen

Wellinski: Also so eine Archäologie der Stadt, nicht wahr?

Schmitt: Genau. Und auch damit irgendwie so eine Analogie zur Psychologie der Stadt und unserer Hauptfigur, die eben auch, ich sag mal, ein dunkles Geheimnis hat oder eine dunkle Vergangenheit, und genauso ist es mit Berlin. Um die Stadt zu verstehen, müssen wir in den Untergrund gehen.

Wellinski: Aber ist das nicht auch die große Schwierigkeit im Jahr 2019, einen Berlin-Film zu machen? Es ist ja fast schon eine Art Genre, der Berlin-Film, und wir kennen diese ganzen Postkartenmotive, das Brandenburger Tor und so weiter, es haben ja ganz große Regisseure auch in Berlin gedreht. Wie schwer ist es jetzt, quasi Berlin sich filmisch noch mal so zu erschließen, dass man eben sagt, diese Orte vielleicht noch nicht und vielleicht auch den Untergrund miteinzubeziehen – ist das nicht eine Schwierigkeit auch beim Schreiben eines Stoffs über Berlin? Alle erwarten ja irgendwie die Bilder, die man aus einem Paris-Film kennt, ähnlich, nicht wahr?

Schmitt: Ja, das ist tatsächlich ein Thema gewesen, wir haben trotzdem versucht, uns davon frei zu machen, weil hier versuchen wir wirklich, Berlin nicht als Kulisse zu zeigen. Wir gehen nicht irgendwo hin und sagen, hei, hier, das sieht cool aus, hier ist Licht, um die Zeit muss man irgendwie an dem Säulengang stehen oder so, sondern was unser Versuch ist, ist, Berlin wirklich dreidimensional zu zeigen, damit man eben nicht nur … Wir zeigen auch mal kurz paar Anknüpfungsorte, die man auch kennt, wenn man irgendwie aus Madrid kommt oder so, damit wir wissen, in welcher Stadt wir sind, aber wir zeigen eben auch Orte, die so noch nicht bespielt wurden. Und wie eben gesagt, wir gehen in den Untergrund, um zu zeigen, dass es hier unten brodelt. Hier unten ist was, in Berlin ist noch irgendwie was. Das ist nicht einfach nur eine gebaute Filmkulissenstadt, sondern diese Stadt hat eben diese Seele und hat eben dieses Trauma und hat all diese Erinnerungen, die noch hier brodeln. Und um die Stadt zu verstehen, muss man da hingehen, und das macht unser Film.

Wellinski: Sie haben einen sehr verspielten Stil, Sie arbeiten auch mit Animationen, die sehr spannend sind. Ich kann jetzt versuchen, es zu beschreiben, wie da plötzlich ein großer Finger an der Stadt etwas verschiebt und dann plötzlich kleine Wolken verschoben werden – wie würden Sie selber Ihren Stil beschreiben, was sind das für Animationen?

Schmitt: Es sind in erster Linie analoge Animationen, das heißt, wir versuchen diese Tricks, die da eingebaut sind, so herzustellen, dass sie letztendlich jedermann machen kann, jederfrau, also wie so eine demokratische Art des Filmemachens eigentlich ist. Es geht nicht darum, irgendwie mit dem größtmöglichen Rechner das möglichst realistischste Trickbild herzustellen, sondern es geht darum, auch dreckig zu sein und selbst gemacht den Stil irgendwie so voranzutreiben, dass man das Gefühl hat, man hätte das irgendwie auch selber machen können. Und die Idee dahinter ist eben, dass ich diesen Stil für Berlin auch irgendwie passend finde, Berlin hat so was Selbstgemachtes, es ist keine glatte, schöne Stadt. Niemand kommt und sagt, Berlin ist so schön, das ist so eine schöne Stadt, nein, Berlin ist zusammengezimmert. Natürlich verändert sich das leider teilweise ein bisschen. Die ganzen Brachen und die kaputten Gebäude und so was verschwinden irgendwie natürlich vor unseren Augen, das ist einfach der Werdegang, aber trotzdem gehört es zu Berlin dazu, irgendwie so selbst gebaut zu sein in irgendeiner Form. Und das war auch mein Empfinden, als ich damals nach Berlin kam. Das war eine Stadt mit offenen Armen, die gesagt hat, du willst hier was bauen, dann komm, du kannst hier mitmachen, du gehörst hier dazu – eine ganz besondere Eigenheit, die Berlin damals hatte. Das spiegelt sich so im Stil dann eben wider, dass wir sagen, okay, das sind einfach Tricks, die jeder mit seinem iPhone irgendwie machen kann, wenn er oder sie möchte. Ich finde, dass das einfach zu Berlin gehört.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Neu im Kino: "Berlin Syndrome“ - Der Psychopath von Kreuzberg
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 24.05.2017)

Neu im Kino: "Yesterday" - Eine Welt ohne Beatles
(Deutschlandfunk Kultur, Frühkritik, 11.07.2019)

Lakonisch Elegant - #6 Der Beat von Berlin – Erzählen von Club-Kultur
(Deutschlandfunk Kultur, Lakonisch Elegant, 15.11.2018)

Vollbild auf Twitter

DlfKulturFilm bei Twitter

Wir twittern über alles, was flimmert.

Rang I

weitere Beiträge

Fazit

Nach dem SPD-ParteitagFortgesetzte Selbstverzwergung
Ein Schkoladen-Nikolaus steht auf einem Tisch beim SPD-Parteitag (picture alliance/Michael Kappeler/dpa)

Der SPD-Parteitag sollte der Partei Aufwind geben. Aber ist die Sozialdemokratie gerettet? SPIEGEL-Journalist Nils Minkmar hat Zweifel. Die Genossen müssten internationaler denken, die Intellektuellen zurückgewinnen und die Selbstzweifel bekämpfen. Mehr

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur