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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.05.2018

Éric Vuillard: "Die Tagesordnung"Hitlers willige Helfer

Éric Vuillard im Gespräch mit Andrea Gerk

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Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (r)  Adolf Hitler (M)  (picture alliance/dpa)
Der deutsche Industrielle Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (r) mit Adolf Hitler (M) während eines Besuchs der Kruppwerke in Essen (undatierte Aufnahme). (picture alliance/dpa)

Für "Die Tagesordnung" hat Éric Vuillard im vergangenen Jahr den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, bekommen. Darin zeigt Vuillard, wie die deutsche Wirtschaft mit Hitler paktierte und in den Hinterzimmern der Macht gedealt wurde.

Andrea Gerk: Zugespitzt und pointiert erzählt der französische Schriftsteller Éric Vuillard von den ersten Jahren der Nazi-Diktatur in seinem Roman "Die Tagesordnung", für den er im Herbst den Prix Goncourt, Frankreichs wichtigsten Literaturpreis, erhalten hat. Das war einigermaßen überraschend, denn normalerweise zeichnet die Jury dickleibige, umfangreiche Romane aus. Vuillards Buch hat in der gerade erschienenen deutschen Übersetzung nur knapp 120 Seiten, auf denen es dem Autor aber virtuos gelingt, die Geschichte des Nationalsozialismus zu erzählen, fokussiert auf wenige Momente in den Jahren zwischen 1933 und 38. Éric Vuillard, Jahrgang 1968, dessen konzentrierte, mitunter auch filmisch genannte Schreibweise in Frankreich mittlerweile eine Art neues Genre begründet hat, ist jetzt bei mir im Studio. Guten Tag, bonjour, Monsieur Vuillard!

Éric Vuillard: Bonjour!

Gerk: Ihr Buch beginnt mit dem berühmten Geheimtreffen der NS-Führung mit den Chefs der wichtigsten Industrieunternehmen in Deutschland im Februar 1933, also wenige Tage nach Hitlers Machtergreifung. Warum war den ausgerechnet dieser Tag, der 20. Februar, aus Ihrer Sicht so entscheidend?

Vuillard: Also es gibt zwei Gründe: Der erst ist, dass die Literatur ja immer die Geschichte auch zum Objekt hat, und seit der Französischen Revolution geht es immer darum, die Geschichte auch in der Literatur lebendig zu machen, und der zweite Grund ist der, Sie müssen sich ja klar machen, dass die Wirtschaft überall und immer im Zentrum unseres gesellschaftlichen Lebens steht. Wir werden alle bezahlt von der Wirtschaft, von den Unternehmen, letztlich unsere Autos, unsere Medikamente. Das heißt, die Wirtschaft und die Wirtschaftsführer, die sind einfach ein ganz, ganz wichtiger Teil der Geschichte.

Eine Literatur, die diese Tatsache nicht zur Kenntnis nimmt, das ist eine Literatur, die uns zerstreuen will, die uns eigentlich abführt vom eigentlichen Wesen der Literatur, eben sich mit der Realität und in diesem Fall eben auch mit der Wirtschaft zu beschäftigen. Um jetzt konkret auf dieses Geheimtreffen zurückzukommen, muss man einfach sagen, wir kennen das ja heute: Viele Entscheidungen werden von Wirtschaftsleuten und von Politikern in geschlossenen Räumen gefällt, sodass wenig nach außen dringt – wenn wir an G20 oder G7 denken –, und deswegen ist dieses Treffen vom 20. Februar 1933, bei dem 42 Unternehmensführer aus ganz Deutschland zusammengetroffen sind, so wichtig, denn dort kann man rekonstruieren, was passiert ist und was gesagt wurde, denn das wurde später in den Nürnberger Prozessen dokumentiert, und so kann man heute in diese Geschichte hineinschauen und sehen, wie das Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft in diesem Fall mit den Nazis funktioniert hat.

(Cover: Verlag Matthes & Seitz, Foto: picture alliance / dpa)Mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet: Eric Vuillards "Die Tagesordnung". (Cover: Verlag Matthes & Seitz, Foto: picture alliance / dpa)
Gerk: Würden Sie denn auch sagen, dass in diesem Pakt zwischen Hitler und der Wirtschaft so eine Art Schlüssel oder, dass das quasi diese ganze Katastrophe mit verursacht hat?

Vuillard: Zumindest kann man sagen, dass dieser Pakt Hitler sehr, sehr stark geholfen hat. Das war eine ganz positive Vereinbarung für ihn, denn ohne die Unterstützung der Wirtschaft, wäre wahrscheinlich der Aufstieg der Nazis zumindest nicht so leicht gefallen. In einem zweiten Aspekt: Wenn man betrachtet, dass natürlich in dem Moment, wo sich die Nazis in die Logik des Krieges begeben haben, war die Unterstützung der Wirtschaft natürlich enorm. Ohne die Wirtschaft hätte man diesen Krieg nicht führen können, und umgekehrt, die Wirtschaftsunternehmen haben ja enorm profitiert von der Kriegsindustrie. Es hat beiden Seiten geholfen, die Wirtschaftsleute wollten einerseits von der Politik erklärt bekommen, dass sie ihren Geschäften weiterhin ungestört nachgehen können – das war für sie das Positive aus diesem Treffen –, und umgekehrt, die Nazis hatten ja leere Kassen zu dem Zeitpunkt, sie mussten ihren weiteren Aufstieg finanzieren und vor allem die Wahlen vom 5. März, diese Kampagne dafür. Ohne die Unterstützung und ohne die finanziellen Zusicherungen der deutschen Industrie wäre das zumindest sehr, sehr viel schwieriger gewesen. Also beide haben davon profitiert von diesem Pakt.

Angst, Ohnmacht und Unterwerfung

Gerk: Anschließend springen Sie ja direkt fünf Jahre in die Zukunft in Ihrem Buch, nämlich auf den 12. Februar 1938, der Tag, an dem der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg von Hitler auf den Obersalzberg zitiert wird, um sich die Bedingungen für den Anschluss diktieren zu lassen, und Sie beschreiben dieses Treffen so, dass man sieht, dass es sehr von persönlichen Befindlichkeiten geprägt ist, von Angst und Ohnmacht, von charakterlichen Eigenschaften und Mängeln. Da ist ein ganz aggressiver Hitler, dem gegenüber der schwächliche Schuschnigg, der sich eigentlich nur unterwerfen kann. Wie ist Ihnen das gelungen, sich so stark in diese Figuren hineinzudenken?

Vuillard: Es gibt zwar keine Zeugen dieser Begegnung, aber es gibt die Memoiren von Schuschnigg, und die habe ich sehr genau studiert, und darin findet sich alles das, was ich beschreibe. Ich habe also auch keine Dialoge erfunden, ich habe alles aus den Erinnerungen von Schuschnigg genommen. Dann gibt es die schon erwähnten Prozesse von Nürnberg. In diesen Protokollen ist genau beschrieben, was es sonst um dieses Treffen zwischen Schuschnigg und Hitler gab, wer da sonst noch auftrat und was da so gesprochen wurde.

Der höfliche Mr. Chamberlain – gefangen im eigenen Naturell

Gerk: Heißt das, dass Sie in Ihrem ganzen Roman doch sehr auch auf historischen Fakten erst mal aufgebaut haben, auch wenn es um so herrliche Details geht wie in der Szene mit Ribbentrop und Chamberlain, wo Sie so eine Menüfolge schildern – da gab es Poulardenkeule und danach Karamellpudding –, gab es das tatsächlich oder haben Sie dieses Menü zusammengebraut?

Vuillard: Natürlich sind alle diese Details jetzt historisch nicht überliefert, aber ich habe mich informiert, wie denn damals so gekocht wurde, in Downing Street zum Beispiel, das war klassische französische Küche, also konnte ich mir das ausdenken mit einer gewissen Boshaftigkeit vielleicht auch, um dadurch auch etwas in Gang zu setzen im Verhältnis zwischen den Figuren oder auch, wenn die Nazis, wenn Ribbentrop Tennis spielte, wenn ich das versuche, einzuführen. Wenn ich mir das ausdenke, das passt dann ganz gut in die Beschreibung der Personen, um sie, wie gesagt, mit einer ganz besonderen, vielleicht auch Hinterhältigkeit zu charakterisieren.

Es geht mir ja darum, etwas zu inszenieren, also eine Szene zu entwickeln, aus der heraus man dann besser verstehen kann, worum es geht. Wenn man zum Beispiel sieht, während Chamberlain eine Note zugeschoben bekommt, in der die Rede davon ist, dass der Anschluss stattgefunden hat, und Ribbentrop versucht aber, ihn nicht reagieren zu lassen, und Chamberlain reagiert deswegen nicht, weil er viel zu höflich ist. Also er bewegt sich in so einer Form der Höflichkeit, sodass er seinen deutschen Widersache in dem Fall einfach nicht entlassen kann, um wirklich schnell zu reagieren. Da sieht man also die Gebundenheit in seine Rolle, auch in seiner sozialen Klasse, auch bei Chamberlin. Es verhindert, wirklich schnell die politischen Entscheidungen zu treffen, und das ist auch so eine Art der Taktik, der sich Ribbentrop bedient, der sich die Deutschen bedienten in diesem Fall.

Das literarische Erzählen kann also auf diese Weise bestimmte Dinge viel deutlicher machen. Man könnte ja auch sagen, diese Höflichkeit, die in Chamberlain so eingewachsen ist, dass er sich gar nicht daraus befreien kann, ist auch so etwas wie ein Symbol für die Beschwichtigungspolitik, denn Chamberlain ist ja einer der Beschwichtigungspolitiker, die nicht streng und scharf reagiert haben auf Hitler, sondern, die eigentlich alles mit sich haben machen lassen, vielleicht, weil sie einfach in sich, im Naturell, zu höflich und zu diplomatisch waren.

Der französische Schriftsteller Eric Vuillard (AFP / Eric Feferberg)Der französische Schriftsteller Eric Vuillard (AFP / Eric Feferberg)
Gerk: Sie haben schon ein paar Vokabeln benutzt, die man auch aus dem Film kennt, dass die Zeit gedehnt scheint oder dass es wie so ein Schlaglicht ist, und diese Kürze, die Sie gewählt haben für die Erzählung, wie viel hat es mit Ihrer Arbeit als Filmemacher zu tun, wie Sie schreiben?

Vuillard: Also eine Sache, die uns das Kino beigebracht hat ist ja die Montage, der Schnitt, also auch Szenen und Elemente stark gegeneinander, gegenüberzustellen und dadurch auch den Sinn oder die Bedeutung zu verändern. Man kann beim Film natürlich auch sich sehr stark bestimmten Elementen oder Menschen annähern. Also wenn man die Distanz verringert, dann sieht man zum Beispiel …            In Texten oder in Personen sieht man oft ganz andere Dinge, die sich dann plötzlich auftun, die eben nicht mehr so vordergründig sind, sondern die sich dahinter verstecken und eine ganz andere Person oder eine ganz andere Situation vielleicht hervorbringen.

Wenn wir jetzt Politiker in ihrem alltäglichen Handeln oder politische Ereignisse, Gegenwartsereignisse, betrachten, dann hat man ja oft das Gefühl, das ist alles sehr inszeniert, das ist wie eine Komödie, das ist oft auch sehr lächerlich, und wenn man aber zurückgeht und eine gewisse Distanz einnimmt, dann sieht man die Dinge eben anders, klarer und vielleicht in ihrer wahren Gestalt. Wenn wir jetzt noch mal kurz auf dieses Mittagessen in Downing Street zurückkommen: In dieser Szene ist es halt wirklich so, dass die Literatur oder auch der Film so eine Szene in ihrer ganzen Komik, in ihrer ganzen Lächerlichkeit einfach auch viel, viel besser zeigen kann, wenn die Distanz da ist, die eine Kamera oder das Auge eines Schriftstellers hat, da zeigt es so ein historisches Ereignis in diesem ganz anderen entlarvenden Zustand.

"Es gibt eine unbestimmte Angst vor der Zukunft"

Gerk: Éric Vuillard, Sie haben für dieses Buch den Prix Goncourt bekommen, und ein anderer Roman wurde auch mit dem zweiten wichtigen Literaturpreis ausgezeichnet, nämlich "Das Verschwinden des Josef Mengele", auch ein Buch, was sich so mit der deutschen Vergangenheit stark beschäftigt. Ist das Zufall, oder sind die Franzosen gerade sehr damit beschäftigt, sich mit deutscher Geschichte auseinanderzusetzen?

Vuillard: Einerseits ist das natürlich ein Zufall, aber ich glaube nicht nur in Frankreich, sondern in vielen Teilen Europas gibt es so eine unbestimmte Angst vor der Zukunft, davor, dass sich etwas verändert, vielleicht nicht unbedingt, dass sich der Nationalsozialismus wiederholt, aber dass sich irgendwie etwas verändert, diese Unruhe, diese Unbestimmtheit, vielleicht ist das mit ein Grund. Dann ist es aber auch so, dass der Zweite Weltkrieg und die Schoah das Wissen über das, was einen Menschen ausmacht oder was Menschen sind, sehr, sehr stark verändert haben, rekonfiguriert haben, und die moralische und politische Veränderung, die durch diese Ereignisse stattgefunden hat, ist eben bis heute spürbar.

In meinem Buch geht es ja auch darum, wie man so ein falsches Bewusstsein von seiner Zeit haben kann, was konnten die Leute damals über ihre Zeit wissen, aber das geht ja bis heute. Wenn wir heute mit Freunden am Tisch sitzen und diskutieren, dann denken wir nicht jederzeit an den Zweiten Weltkrieg oder die Schoah, aber die Fragen sind doch ganz ähnlich: Wir fragen uns, was können wir wissen, was ist richtig, was ist falsch, was können wir überhaupt über die Ereignisse unserer Zeit wissen, und darum geht es doch, und das versuche ich, in meinem Buch auch deutlich zu machen.

Gerk: Éric Vuillard, vielen Dank für dieses Gespräch! Merci beaucoup, Monsieur Vuillard!

Vuillard: Merci à vous!

Gerk: Vielen Dank auch an Dirk Fuhrig für die Übersetzung, und Éric Vuillards Buch, das mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, "Die Tagesordnung", ist beim Verlag Matthes und Seitz erschienen. 128 Seiten kosten 18 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Das Gespräch mit Eric Vuillard (Original auf Französisch)
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