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Buchkritik | Beitrag vom 13.10.2020

Éric Plamondon: "Taqawan"Mehr als nur ein einziges Verbrechen

Von Ulrich Noller

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Das Cover zeigt zwei Menschen in einem Kanu auf einem See. Es ist nebelig. (Deutschlandradio / Lenospolar)
Ein herausragender und mutiger Roman: „Taqawan“ von Éric Plamondon. (Deutschlandradio / Lenospolar)

Eine Angehörige der indigenen Bevölkerung Kanadas wird vergewaltigt, und zwar von Polizisten. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Roman "Taqawan" allerdings ist mehr als ein Krimi: etwa ein Soziogramm und ein Bildungs- und Abenteuerroman.

Wann ist eigentlich die Geschichte eines Verbrechens noch ein Krimi? Und wann ist sie es dann schon nicht mehr? Am Interessantesten sind zeitgenössische Kriminalromane oft da, wo sie die Grenzen des Genres ausloten, denn da entstehen neue narrative Möglichkeiten. Genau das gelingt dem kanadischen Schriftsteller Éric Plamondon mit seinem Roman "Taqawan": Plamondon erzählt von der Geschichte und der Gegenwart der First Nations, der indigenen Bevölkerung Kanadas also, als Geschichte eines andauernden Verbrechens im Großen wie im Kleinen.

Indigene als Kolletaralschaden politischer Prozesse

Im Zentrum ist der Roman im Jahr 1981 angesiedelt, nahe Québec, basierend auf realen Geschehnissen: Der Ranger Leclerc, zuständig für die Überwachung von Naturschutzgesetzen, hat seinen Dienst quittiert, weil er es nicht mehr ertragen konnte mitanzuschauen, wie die Behörden die Mi’gmaq, eine indigene Bevölkerungsgruppe, auf ihrem eigentlich autonomen Stammesgebiet drangsalieren. Offiziell geht es dabei um den Artenschutz, um Fangquoten für Lachse, tatsächlich sind "die Indianer" mit ihren Interessen aber bloß ein Kollateralschaden anderweitiger politischer Prozesse.

Beim Angeln entdeckt Leclerc wenig später ein schwerst traumatisiertes Mädchen: An ihrem 15. Geburtstag wurde Océane, eine Angehörige der Mi’gmaq, von drei Männern vergewaltigt – und zwar von Polizisten. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit - Ermittlung und Thriller zugleich: Leclerc muss das Mädchen schützen und die Täter überführen, die wiederum auf der Jagd sind, um die unliebsame Zeugin zu beseitigen.

Geschichte französischer Kolonisierung

Das eine also ist die Krimiebene, die sehr reduziert erzählt wird, dabei aber strukturell wichtig ist; Dies aber ist nur ein Blick in den Maschinenraum dieses Romans. Daneben schaut "Taqawan" auf die Geschichte der französischen Kolonisierung und entführt in das auch nicht bloß idyllische Leben der Mi’gmaq davor, schwelgt in üppigen Naturgefilden aller möglichen Zeiten, erzählt alles, was man über das Fischen wissen muss, diskutiert die kulturgeschichtliche Bedeutung des Lachsfangs, belegt die strukturelle Entrechtung indigener KanadierInnen von der Kolonisierung bis heute, trotz aller gesetzlichen und gesellschaftlichen Änderungen.

Ein herausragender, mutiger Roman

Éric Plamondon bedient sich dabei verschiedenster literarischer Mittel jenseits des Genre-Narrativs: "Taqawan" ist historische Untersuchung, Nature Writing, gesellschaftspolitische Studie, Soziogramm, Bildungsroman, Essay, Abenteuergeschichte und eben auch Kriminalroman.

Interessant ist die Art, wie die verschiedenen Ebenen sich ergänzend assoziativ angeordnet sind: In Dutzenden, meist kurzen Kapiteln, die zunehmend stärker interferieren, nicht aber in einem konventionell-geschlossenen Narrativ, in dem die Themen, die mitschwingen, den klassischen Krimiplot letztlich bloß ergänzen, diesem aber immer untergeordnet sind: (K)ein Krimi also, das aber ganz hervorragend.

"Taqawan" ist ein herausragender und mutiger Roman. Und er ist es auch deshalb, weil Éric Plamondon eben nicht auf Erzählkonventionen, sondern auf die wache Intelligenz seiner aktiven LeserInnen setzt und damit natürlich voll ins Schwarze trifft.

Éric Plamondon: "Taqawan"
Übersetzt von Anne Thomas
Lenos Verlag, 2020
208 Seiten, 22 Euro

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