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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.05.2020

Erholungspause für MeerestiereEine riesige Delfinschule plötzlich vor Teneriffa

Fabian Ritter im Gespräch mit Ute Welty

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Ein aus dem Wasser springender Delfin (imago/robertharding)
Nur sehr selten sieht man Delfine so nahe an den Küsten wie in der Corona-Pandemie. (imago/robertharding)

Für Wale und Delfine scheint die Pandemie erholsam zu sein: Sie lassen sich wie selten zuvor an den Küsten blicken. Doch wähnen sie sich nun in trügerischer Sicherheit? Der Biologe Fabian Ritter berichtet von der Lernfähigkeit der Tiere.

Ute Welty: Wale oder Delfine im offenen Meer – das ist ein besonderes Erlebnis und in der Regel ein seltenes. Inzwischen aber kommen mehr Menschen in den Genuss eines solchen Schauspiels. An der Adriaküste zum Beispiel sind in den vergangenen Wochen so viele Wale und Delfine gesichtet worden wie seit Langem nicht.

Für die Tiere scheint die Coronakrise zur Erholungspause zu werden: weniger Schiffsverkehr, weniger Verschmutzung und vor allem weniger Lärm. Fabian Ritter ist Biologe und leitet bei der "Whale and Dolphin Conservation" den Bereich Meeresschutz. Wenn jetzt mehr Wale beispielsweise in küstennahen Gebieten gesichtet werden, heißt das dann auch, dass ihre Population wächst?

Ritter: Das kann man so nicht sagen. Also, die Populationen wachsen über Jahre hinweg langsam. Die Tiere haben ja eine lange Lebensspanne und eine relativ geringe Reproduktionsrate. So ein Delfinweibchen bringt vielleicht alle zwei Jahre ein Neues zur Welt.

Natürlich ist das jetzt eine Erleichterung, aber da jetzt gleich schon von einem Populationssprung oder einem Anstieg der Zahlen der Tiere zu sprechen, ist sicher nicht ganz korrekt.

Können die Tiere in die Zukunft schauen?

Welty: Dieser Schiffsverkehr, der wird ja über kurz oder lang wieder zunehmen. Inwieweit reden wir also tatsächlich über nur eine Erholungspause?

Ritter: Das ist die Frage, wie die Tiere das auch wahrnehmen, ob die jetzt aufgrund ihrer bisherigen Erfahrung, wo sie sehr viel mit Lärm auch umgehen müssen und Verschmutzung, jetzt merken, okay, jetzt ist was anders. Offensichtlich ist das der Fall, sonst hätte man diese Berichte nicht. Die spannende Frage ist, ob sie quasi in die Zukunft schauen können und erwarten, dass der alte Zustand wiederkommt.

Welty: Dass sie sich auch erinnern.

Ritter: Dass sie sich erinnern, zweifellos, das weiß man, aber inwiefern sie nach vorne schauen und quasi jetzt eruieren, wie geht es weiter oder kommt das wieder zurück, was wir kennen, das ist die große spannende Frage.

Welty: Wie könnte man das erforschen, wie könnte man das hinterfragen?

Schwämme als Mund-Nasen-Schutz

Ritter: Das sind letztlich Beobachtungen und Experimente, die man auch machen kann beziehungsweise auch schon gemacht hat, inwiefern die Tiere so zur Handlungsplanung fähig sind. Da gibt es ein paar schöne Geschichten, und zwar zum Beispiel die Delfine in Australien, die benutzen Schwämme als Werkzeug. Das ist der erste Nachweis für Werkzeuggebrauch auch bei Walen und Delfinen.

Die stülpen sich die tatsächlich über die Schnauze und schützen sich dabei bei der Jagd, weil die auf einem Untergrund jagen, wo sie sich auch verletzen können.

Welty: Mund-Nasen-Schutz.

Ritter: Ganz genau! Es ist so, diese Schwämme sind nicht überall in ihrem Lebensraum zu finden, sondern die wachsen nur an ganz bestimmten Stellen, und bestimmte Tiere schwimmen, wenn sie auf Jagd gehen, zuerst zu der Stelle hin, wo sie einen Schwamm finden und pflücken sich dann auch da die besten da raus. Dann schwimmen sie woanders hin, um dann der Jagd nachzugehen.

Das heißt, da ist ganz klar ein Ziel und ein Zwischenschritt des Verhaltens gegeben, wo man klar sagen kann, die wissen, worauf sie hinauswollen.

Welty: Welche Risiken entstehen denn jetzt für die Tiere, wenn sich Wale und Delfine wieder vermehrt in Küstennähe und damit auch ja in Menschennähe aufhalten?

Ritter: Wenn es letztlich jetzt wieder losgeht, dann ist die Gefahr natürlich da, dass die Tiere sich dort aufhalten, wo sie normalerweise nicht sich aufhalten, wo sie vielleicht natürlicherweise schon vorkommen, aber jetzt wieder erst hinschwimmen, weil sie merken, da ist jetzt weniger los oder da ist weniger Bootsverkehr und weniger Lärm. Das kann natürlich dann zu Konflikten kommen, wenn der Verkehr wieder losgeht, also dass eine erhöhte Belastung durch den Schall passiert.

Es kommt ja ganz oft auch zu Kollisionen zwischen schnellen Schiffen und Walen und Delfinen. Die spannende Frage ist, gewöhnen sich die Tiere an den Zustand so sehr, dass sie das für das neue Normal halten sozusagen und dann überrascht werden, wenn der alte Zustand wieder eintritt.

Keine Gefahr, dass Delfine aggressiv werden

Welty: Könnten sich auch Probleme für Menschen ergeben, dass beispielsweise Leute, die den Strand besuchen, von einem aggressiven Delfin angegriffen werden?

Ritter: Die Gefahr ist nicht so groß, dass die Delfine aggressiv werden. Das kennt man so gut wie gar nicht, die sind da eher vorsichtig, und die wissen auch, dass sie vom Menschen im Grunde direkt jetzt in der Aktion beim Schwimmen zum Beispiel überhaupt nichts zu befürchten haben. Dazu sind sie einfach zu …

Welty: Zu klug.

Ritter: Zu schnell und die Menschen zu langsam! Aber es könnte so sein, dass sie … Jetzt habe ich den Faden verloren. Sagen Sie die Frage noch mal.

Welty: Es ging darum, wie Delfine womöglich reagieren, wenn sie jetzt nach einer gewissen Erholung wieder konfrontiert werden mit Menschen, die auch schwimmen wollen.

Ritter: Es ist eher dann quasi der Überraschungseffekt. Dass sie aggressiv werden, das ist eigentlich nicht berichtet.

Welty: Sie forschen auch auf La Gomera und können natürlich derzeit nicht reisen, wie alle noch nicht. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Ritter: Das heißt, dass eine Lücke entsteht. Wir haben also auf Gomera ein Programm, wo wir praktisch täglich und das ganze Jahr Daten erheben, während die Boote rausfahren, die Walbeobachtungsboote dort. Wir haben da eine sehr schöne Kooperation. Jetzt entsteht eine Lücke, weil die Boote nicht fahren und die Daten nicht erhoben werden. Das heißt, unsere Langzeitreihe wird unterbrochen.

Es wäre gerade im Moment so spannend, rauszufinden, was machen die Tiere, wie reagieren die. Ich habe vor ein paar Tagen ganz schöne Bilder gesehen von einer riesigen Delfinschule direkt an der Küste von Teneriffa. Das kommt also so gut wie nie vor. Vor Gomera sind ein paar Wale sehr nah an der Küste gesehen worden.

Um rauszufinden, ob das so außergewöhnlich ist oder was da jetzt gerade passiert, müsste man jetzt rausfahren, und da sind uns gerade die Hände gebunden, und das ist natürlich nicht optimal.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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