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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.08.2013

Erfrischende Quelle für Europa

Es fehlt das kulturelle Interesse an Ländern wie Rumänien und Bulgarien

Von Carmen-Francesca Banciu

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Das Gebäude der National-Bibliothek in Bukarest (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)
Das Gebäude der National-Bibliothek in Bukarest (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

Eine geeinte europäische Union muss nicht nur wirtschaftlich miteinander vernetzt sein, sie muss auch auf kultureller und sozialer Ebene zusammenwachsen. Voraussetzung dafür ist Wissen und Interesse an den anderen Ländern. Aber oftmals hapert es daran noch.

Hinter dem europäischen Gedanken steht nicht nur die Idee eines Staatenverbunds, der zusammengehalten wird durch die gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Interessen. Auch Gesellschaft, Wissenschaft, Bildung, Kunst und Kultur sollen sich verbinden.

Der geistige Austausch soll angeregt, das gegenseitige Kennenlernen gepflegt, zum Von-Einander-Lernen ermuntert werden. Damit ein vereintes Europa gestaltet werden kann, ein großer Traum, an dem sich auch Länder des ehemaligen Ostblocks beteiligen möchten.

24 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Europa immer noch gespalten. Immer noch spricht man in Kategorien wie Ost und West, konzentriert sich auf das, was trennt: Mentalitäten, kulturelle und politische Prägungen, wirtschaftliche Lage, Ethik und Arbeitsmoral.

Was verbindet, interessiert nicht. Nur wenig weiß der Westeuropäer über das reale Leben in Bulgarien oder Rumänien, seit sieben Jahren Mitglieder in der Europäischen Union. Und seine Bereitschaft, es zu entdecken, ist nicht besonders hoch.

Gerne sucht er nach Abenteuern in den entferntesten Ländern, traut sich aber nicht diesen Teil der Welt, der hier um die Ecke liegt, zu erkunden und ignoriert ein Stück europäische Geschichte und Kultur.´

Krisen, Korruption und Roma

Selbst die Medien schicken selten Korrespondenten dorthin. Und wenn sie berichten, dann von Überschwemmungen, politischen Krisen und Korruptionsskandalen – oder über Roma, weil sie wie eine Heuschreckenplage gefürchtet werden, da sie ihr Recht auf Freizügigkeit innerhalb der EU wahrnehmen.

Länder wie Rumänien oder Bulgarien sind das Sinnbild bitterer Armut. Man schaut misstrauisch auf sie, reduziert sie auf ihre kommunistische Vergangenheit. Das mächtige Potential der jüngeren Generation, ihre Kraft und überbordende Kreativität wird übersehen.

Schon gar nicht werden das geistige und kulturelle Leben, die intellektuellen Debatten oder die Entwicklungen in Gesellschaft, Kunst und Kultur beobachtet. Höchstens Spitzenleistungen im Sport- und Filmbereich werden beachtet, oder wenn eine deutsche Autorin, geboren in Rumänien, den Literaturnobelpreis bekommt.

Anregungen für eine müde Gesellschaft

Mangel an Interesse ist das Zeichen einer müden Gesellschaft, die die erfrischende Quelle übersieht. Oder vielleicht ein Zeichen der Überheblichkeit? Wie bitte, aus dem Osten sollen Anregungen zu erwarten sein? Ja, durchaus!

Dem ambitionierten Gebilde des vereinten Europas würde eine paneuropäische Initiative helfen. Da wäre ein neues Fach im Schulunterricht einzuführen: Die Geschichte und die Kultur der EU-Länder. Jedes einzelne sollte vertreten sein - unabhängig von seiner Größe, von der wirtschaftlichen Kraft oder kulturellen Zugehörigkeit.

Und für die Erwachsenen müssten die Rundfunk- und Fernsehsender sodann ihren Bildungsauftrag ernster nehmen – auch gesamteuropäisch. Denn es ist im Interesse der EU, den Zusammenhalt zu stärken und jedem Land Aufmerksamkeit zu schenken, es mit gleichem Respekt zu behandeln.

Nur die, die sich wahrgenommen fühlen, entwickeln die Bereitschaft, ihr ganzes Potential einzusetzen, um das gemeinsame Haus Europas aufzubauen. Zu konsolidieren. Im Notfall dafür Opfer zu bringen. Sich mitverantwortlich zu fühlen für das Schicksal des Kontinents.

Carmen-Francesca Banciu (Marijuana Gheorghiu)Carmen-Francesca Banciu (Marijuana Gheorghiu)Carmen-Francesca Banciu, 1955 im rumänischen Lipova geboren, studierte Kirchenmalerei und Außenhandel in Bukarest. In Rumänien hatte sie viele Jahre Publikationsverbot, nachdem sie den Internationalen Kurzgeschichten-Preis der Stadt Arnsberg für die Erzählung "Das strahlende Ghetto" (1985) gewonnen hatte. Seit 1991 lebt sie als freie Autorin in Berlin und hat Deutsch als ihre Literatursprache gewählt - erstmals für "Vaterflucht" (1998). Ihr letzter Roman "Das Lied der traurigen Mutter" (2007) erscheint 2013 auch auf Rumänisch. Mit "Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten" beendet sie derzeit die "Trilogie der Optimisten". Seit 2013 ist sie Mitherausgeberin und stellvertretende Direktorin des transnationalen, interdisziplinären und mehrsprachigen e-magazines Levure Littéraire.

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