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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.11.2006

Erfolgsgeschichte einer deutsch-jüdischen Familie

Regina Scheer: "Wir sind die Liebermanns". Propyläen Verlag 2006, 416 Seiten

Die Liebermanns wohnten am Pariser Platz (AP)
Die Liebermanns wohnten am Pariser Platz (AP)

Wer von Liebermann spricht, der meint vor allem den Maler Max Liebermann. Doch hinter dem Namen Liebermann verbirgt sich auch die Erfolgsgeschichte einer deutsch-jüdischen Familie. Regina Scheer hat in ihrem Buch "Wir sind die Liebermanns" diese Geschichte nachgezeichnet, vom imposanten Aufstieg bis hin zur Auslöschung.

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die Regina Scheer so genau wie glänzend erzählt: Die Geschichte der deutsch-jüdischen Familie Liebermann. Von ihrem Aufstieg im 18. Jahrhundert, bis zum Ende, der Ausrottung der Liebermanns in Berlin durch die Nationalsozialisten.

Die Geschichte spielt in Preußens Residenzstadt und begann doch woanders, im westpreußischen Städtchen Märkisch Friedland. Dort waren die jüdischen Familien, anders als vielerorts, keine unterdrückte Minderheit. Etwas zu leisten, war ihnen selbstverständlich, ebenso, davon etwas abzugeben, um gesetzestreu und fromm zu leben.

Als 1812 das Hardenbergsche Emanzipationsedikt Juden die Möglichkeit eröffnet, als gleichberechtigte Bürger auch in Berlin zu leben, wagen einige jüdischen Familien aus Märkisch Friedland den Neuanfang. Zu den ersten gehörten drei Brüder Liebermann. Joseph Liebermann war einer von ihnen. Zehn Kinder werden er und seine Frau Marianne haben. Eines davon, Leiser, der sich später Louis nennt, ist der Vater des Malers Max Liebermann und seiner Geschwister Anna, Georg und Felix.

Weit weg von Berlin, in Bad Teplitz, auf der Kurpromenade, wird Joseph Liebermann 1839 dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. vorgestellt.
Als der mit dem Namen Liebermann nichts anzufangen weiß, sagt Joseph: "Wir sind die Liebermanns, die die Engländer vom Kontinent vertrieben haben." "Wir sind die Liebermanns." Dieser Satz, voller Stolz vorgetragen, meint natürlich keine militärischen Siege, sondern wirtschaftliche. Die Liebermanns hatten schon in Märkisch Friedland mit Baumwolle gehandelt und nutzten in Berlin nun die Chancen der Industrialisierung. Ihre so genannten "prussian shawls", bedruckte Schultertücher aus Kattun, ein unverzichtbarer Teil der Biedermeiermode, wurden Verkaufsrenner in ganz Europa, denn deren Muster und Farben waren schöner und deshalb begehrter als die französischen oder eben englischen Waren.

In nur etwas über zwanzig Jahren wurden die Liebermanns Marktführer, sie kauften die Firmen einstiger Konkurrenten auf und weil es mit dem Maschinenbau in Preußen nicht weit her war, später auch die Maschinenbaufabriken. Ihre Kenntnisse, die sie aus dem Ausland mitgebracht hatten, setzten sie überaus erfolgreich ein. In wenigen Jahren konnten sie großen Reichtum anhäufen. Joseph Liebermann, der Mann, der sich dem König in Teplitz so eindrücklich vorgestellt hatte, wurde Heereslieferenat und Kommerzienrat – sehr viel, für einen jüdischen Kaufmann seiner Zeit.

Der Aufstieg war den Liebermanns und den anderen Juden aus Märkisch Friedland eben deshalb geglückt, weil sie auf ganz wenige Berufe wie den Handel und das Bankwesen begrenzt, "darin ihre Talente ausgebildet und weitergegeben" hatten. Als bedrohte Minderheit hatte man sie gezwungen, schreibt Regina Scheer, "wachen Sinnes künftige Entwicklungen zu spüren und sich darauf einzurichten, nicht allzu sesshaft, nicht allzu festgelegt zu sein." Wie schon in Märksich Friedland hielten die großen jüdischen Familien auch in Berlin zusammen. Sie heirateten untereinander, achteten auf Status, Herkunft und Vermögen. "Geld und besondere Fähigkeiten waren die einzige Versicherung gegen Judenfeindschaft", schreibt Regina Liebmann.

Wie sich ein Jahrhundert später zeigen wird, wird sie beides nicht vor Verfolgung und Vernichtung bewahren.
Unter den Liebermanns sind viele Talente: Chemiker, Erfinder, Politiker, Unternehmer. Der Gründer der AEG, Emil Rathenau, gehört zum weit verzweigten Familienverband, der Chemiker Carl Theodor Liebermann, der Außenminister Walther Rathenau, die Frauenrechtlerin Josefine Levy-Rathenau und der Schöpfer der preußischen Staatsverfassung Hugo Preuß.

Doch das ist kaum noch bekannt. Wer von Liebermann spricht, der meint Max Liebermann, den Maler, der den deutschen Impressionismus prägte, die "Berliner Sezession" mitbegründete und so mit Berlin verbunden wird, wie kaum ein anderer. "In Liebermann bewundere ich Berlin", schrieb Thomas Mann.

Es scheint fast kein Zufall, dass der eine Liebermann, der AEG-Gründer Emil Rathenau, Berlin mit elektrischem Licht versorgte und der andere, der Maler Max Liebermann wegen der Lichtsetzung in seinen Bildern so berühmt wurde.

Dass Max Liebermann ein Talent hatte, das erkannte man auch in seiner Familie, nur unterschied es sich eben sehr von dem seiner Verwandten, er war anders als sein Vater, seine Onkel und Cousins. An Naturwissenschaftlichem, wirtschaftlichem, an Zahlen gar zeigte er sich nicht sonderlich interessiert. Regina Scheer nennt Max "ein seltsames Kind", dessen Gedanken in der Schule oft abschweifen.

Einmal nach dem Mond gefragt, antwortet schon der Neunjährige: "Der Mond ist in der Leipziger Straße am größten". Eine Antwort, die in dem seltsamen Kind den Maler ahnen lässt, der aus ihm werden wird, den "Augenmenschen", der "die Welt auf sich einwirken lassen und von ihr das Gebot des Handelns empfangen" wird.

Ein Liebermann als Maler? Unvorstellbar! Zwar gab man dem Knaben Max Malunterricht, aber natürlich glaubte niemand daran, dass Max seine besondere Fähigkeit zum Beruf machen wollte. Als zwei seiner Zeichnungen in einer Zeitschrift abgedruckt werden, untersagt der Vater die Nennung seines Namens.

Inzwischen war die Familie an einen sehr prominenten Ort gezogen, in das Haus, das Max Liebermann bis zu seinem Tode bewohnen wird, am Pariser Platz 7, direkt neben dem Brandenburger Tor. "Gleich links, wenn man nach Berlin ´reinkommt", jedenfalls vom Tiergarten aus gesehen, der früher noch außerhalb der Stadtmauern lag.

Eigentlich sollte Max an der Berliner Universität Chemie studieren. Nur hat man ihn dort kaum gesehen. Stattdessen ritt er lieber vormittags durch den Tiergarten, und nachmittags zeichnete er. Die Exmatrikulation "wegen Studienunfleiß" ließ nicht lange auf sich warten.

Doch als Maler wird er sich durchsetzen. Zuerst, in den 1870er Jahren, muss Max Liebermann ertragen, dass er nach seinem Bild "Die Gänserupferinnen" der "Maler des Hässlichen" genannt wird. Doch Adolph Menzel lobt das Bild. Der Millionärssohn geht ein paar Jahre nach Paris und Amsterdam, kehrt 1878 zurück und bleibt bis zu seiner Verlobung 1884 mit seiner späteren Frau Martha in München. Seit der Heirat lebt er wieder in Berlin.

Sein Durchbruch als Maler gelingt 1989, als er in die Jury der Pariser Weltausstellung berufen und für sein Bild "Netzflickerinnen" ausgezeichnet wird. Als ihm jedoch den Titel eines Ritters der Ehrenlegion verliehen werden soll, erinnert man sich in der preußischen Staatsregierung offenbar an seine Herkunft. Dem Juden Liebermann wird die Annahme des Titels verboten.

Regina Scheers Buch ist beeindruckend, weil sie eben nicht einfach und chronologisch die Geschichte einer jüdischen Familie erzählt, obwohl sie deren Spuren in Jahrzehntschritten folgt. Immer wieder verknüpft sie Ereignisse aus der Vergangenheit mit den künftigen Schicksalen und deutet an, was geschehen wird, wenn doch scheinbar noch alles normal ist.

Dass die glanzvolle Berliner Familiengeschichte der Liebermanns in der Katastrophe mündet, ahnt der Leser spätestens, als Regina Scheer von Walther Rathenau erzählt, einem Großneffen Max Liebermanns. Dessen zwiespältige Persönlichkeit war schon auf dem Gemälde zusehen, als Edvard Munch 1907 malte. Auf den ersten Blick das Bild eines sehr selbstbewussten Mannes, in lässiger Pose, die eine Hand in der Hosentasche, in der anderen eine Zigarette. Und doch haderte Rathenau, mit sich, mit dem Judentum, seiner Unfähigkeit, sich ganz auf einen Menschen einzulassen, Mann oder Frau. Von Albert Einstein stammt das Bonmot, Rathenau würde, wenn er könnte, gerne Papst werden. Auf Munchs Bild gibt es einen sehr schmalen Schatten hinter Rathenau, so gemalt, als sei er von der Person abgefallen, habe nichts mit ihr zu tun.

Von dem tödlichen Hass, mit dem er verfolgt wurde, wusste Rathenau lange vor dem 24. Juni 1922. Wenige Wochen vorher hatte er den Rapallo-Vertrag unterzeichnet. An diesem Junitag machen Offiziere der "Organisation Cosul" ihre Drohungen wahr und ermorden ihn mit fünf Schüssen und einer Handgranate aus nächster Nähe, als er zum Außenministerium unterwegs ist. "Der Tod Walther Rathenaus war wie ein Zeichen", schreibt Regina Scheer.

Die Liebermanns "hatten geglaubt, dass ihre Leistungen, ihre Häuser, ihre Bankkonten sie schützen würden. Nun ahnten sei, dass sie die Fremden geblieben waren in den Augen der anderen, dass ihre Herkunft ihnen anhing und der Hass jederzeit hervorbrechen konnte, plötzlich, tödlich." Neun Jahre später, kommen die Nazis an die Macht. Max Liebermann und seine Frau Martha in ihrem Haus am Brandenburger Tor müssen den Reichstagsbrand aus nächster Nähe gesehen haben, die Fackelzüge, den Anfang vom Ende. Der in Berlin sprichwörtlich gewordene Satz des alten Malers, dass er "gar nicht soviel essen könne, wie er kotzen möchte", ist aus diesen Tagen.

Zwei Jahre später, am 8. Februar 1935 stirbt er. Ausgerechnet Arnold Breker nimmt ihm die Totenmaske ab. Die Beerdigung Max Liebermanns auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee wird noch einmal eine kleine Demonstration des Mutes, Käthe Kollwitz ist da, Abraham Pisarek macht, versteckt vor der Gestapo, Fotos davon. Man sieht Martha Liebermann und die Tochter Käthe, beide schwarz verhüllt. Ein halbes Jahr später werden die Nürnberger Rassegesetze verabschiedet.

Einige aus der großen Liebermann-Familie können ins Ausland fliehen, manche werden auch dort von den Nazis eingeholt und in die Vernichtungslager gebracht. Ihr Eigentum war ihnen längst genommen, alle Rechte, die Freiheit, am Ende stand der Tod.

Auch Max Liebermanns Frau Martha soll 1943 nach Theresienstadt deportiert werden. 86-jährig nimmt sie sich vorher das Leben.

"Jetzt höre ich auf, die Geschichte der Familie Liebermann in Berlin zu erzählen", schreibt Regina Scheer am Ende. "Es gibt sie nicht mehr, nicht in Berlin. Begonnen hat längst die Geschichte der Erinnerung." Inzwischen heißen Berliner Straßen nach den Liebermanns und nach den Preuß und Rathenaus. Das Haus am Brandenburger Tor ist wieder aufgebaut worden. Sein Sommerhaus am Wannsee, wo viele lichte Bilder entstanden, wird von der Liebermann-Gesellschaft gepflegt.

Der Verlust ist dennoch nicht zu tilgen. Nur der Mond ist in der Leipziger Straße noch immer am größten.

Rezensiert von Liane von Billerbeck

Regina Scheer: Wir sind die Liebermanns. Die Geschichte einer Familie
Propyläen Verlag 2006
416 Seiten, 22,90 Euro

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