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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 06.10.2016

Erfahrungen in Willkommensklassen in NRW"Wir erleben die Kinder als sehr bildungshungrig"

Von Vivien Leue

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 Schule in Biberach  (picture alliance/dpa/Foto: Felix Kästle)
Minderjährige Flüchtlinge in einer Schule in Biberach. (picture alliance/dpa/Foto: Felix Kästle)

Rund 90.000 Flüchtlingskinder gehen allein in Nordrhein-Westfalen zur Schule. Sowohl für die neuen Schüler als auch für die Lehrer ist das eine Herausforderung. Auch weil die meisten Schulen beim Thema "Integration" bei Null anfangen würden, sagen Gewerkschafter.

"Wir lernen hier Deutsch."

"Wir lernen Deutsch und Mathe und Englisch, aber super."

Ein Montagvormittag in Köln. An der Willi-Brandt-Gesamtschule geht gerade die vierte Stunde zu Ende – für die 18 Schüler der sogenannten Vorbereitungsklasse heißt das: Taschen packen, Stühle hochstellen und ab zum Sportunterricht.

"Wir erleben die Kinder als sehr bildungshungrig und sehr gewillt zu arbeiten. Sie nehmen Bildung ernst und haben auch für sich reklamiert, das Beste aus ihrer Situation zu machen, also wenigstens den Eindruck vermitteln sie."

Helma Rohm-Schnak ist eine der Lehrerinnen, die für die zwei Flüchtlingsklassen an der Willi-Brandt-Gesamtschule zuständig ist. Insgesamt 36 Schüler zwischen zehn und 16 Jahren lernen hier vor allem Deutsch und werden behutsam auf das hiesige Schulsystem vorbereitet.

"Das Problem ist bei der Sache, dass wir einige Kinder vor allem aus den Krisengebieten haben, die einige Zeit gar nicht mehr in die Schule gegangen sind, wo wir Regelbetrieb erstmal wieder einüben müssen."

Heißt: Die Kinder und Jugendlichen müssen lernen, pünktlich zu sein, eine Schulstunde lang ruhig zu sitzen und sich auf die Aufgaben zu konzentrieren. Gar nicht so einfach, wenn schon das gegenseitige Sich-Verstehen eine Herausforderung ist.

Autor: "Mit was für Sprachen seid ihr denn hierhergekommen?"

Kinder: "Albanisch, Arabisch, Kurdisch, Bulgarisch, Türkisch, Spanisch, Russisch, Luo, Kisuaheli…"

Jahrelange Erfahrung und geschultes Personal

Schuldirektor Dieter Fabisch-Kordt ist froh, dass er zu Beginn der aktuellen Flüchtlingswelle auf jahrelange Erfahrung und entsprechend geschultes Personal im Bereich der Integrationsklassen zurückgreifen konnte. 

"Ich glaube, seit mindestens 20 Jahren haben wir bereits eine solche Klasse. Seit jetzt, im zweiten Jahr haben wir eine zweite Klasse. Schulen, die damit neu anfangen, sind damit sicherlich völlig anders gefordert."

Nach Einschätzung von Bildungsgewerkschaften fangen die meisten Schulen beim Thema Integration von Flüchtlingskindern quasi bei Null an. Vor allem an entsprechendem Personal mangelt es, aber nicht nur, wie der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, erklärt:

"Das Land hat zwar zusätzlich Personal zur Verfügung gestellt, aber das reicht bei weitem nicht aus. Das ist der eine Aspekt. Der zweite Aspekt ist, dass wir immer noch große Raumnöte haben. Viele Schulen haben ihre Lerngruppen bis an den Rand gefüllt, haben andere Möglichkeiten gesucht, um zusätzlichen Klassenraum zu schaffen, haben zum Teil Container aufgestellt."

Weil häufig der Raum und die Lehrer fehlen, um eigene Willkommensklassen einzurichten, werden die Flüchtlingskinder an vielen Schulen direkt auf die Regelklassen verteilt. Laut einem aktuellen Erlass des NRW-Bildungsministeriums ist das auch ausdrücklich so gewünscht.

"Das setzt natürlich die Lehrerinnen und Lehrer in diesen Klassen vor riesige Herausforderungen, weil sie eine große Spannbreite dann haben. Kinder, die vielleicht der deutschen Sprache nicht mächtig sind, vielleicht noch nicht einmal Schriftsprache können, die aus einem anderen Kulturkreis kommen, die lateinischen Schriftzeichen gar nicht kennen, und vielleicht ein Kind, was hochbegabt ist."

Kaum Hilfen für Schulen

Beckmann kritisiert außerdem, dass es zusätzlich zur fachlich-pädagogischen Arbeit kaum Hilfen für die Schulen gibt:

"Wir brauchen auch noch viel mehr Unterstützung um die Schule herum, wir brauchen Netzwerke, wo Schulpsychologen sind, wo Sozialpädagogen sind, wo Menschen sind, die die Sprache können, Dolmetscher usw. All daran mangelt es, das wird alles notdürftig angeboten, aber die Schulen sind in der Regel in dieser Frage weitgehend auf sich gestellt und müssen die Probleme lösen."

Das ist selbst an der erfahrenen Willi-Brandt-Gesamtschule so, wie Direktor Fabisch-Kordt erzählt:

"Die Städte, die Kommunen stellen in dieser Beziehung nichts zur Verfügung. Wir haben hier eigene Schulsozialarbeiter, die auf Lehrerstellen sitzen und die haben auch eine Verbindung zum Schulpsychologischen Dienst. Die sind aber für die ganze Schule verantwortlich, so dass die sich eben auch nur einen begrenzten Teil ihrer Zeit mit diesen Kindern auseinander setzen können."

Tatsächlich hat das Land NRW seit 2015 gut 4000 neue Lehrerstellen und 1.200 weitere Stellen für Sprachförderung eingerichtet – aber nur 34 Stellen für Schulpsychologen. Zum Vergleich: Laut dem Schulministerium sind allein zwischen Sommer 2015 und Frühling 2016 an den Schulen in NRW gut 30.000 ausländische Schüler neu hinzugekommen. Insgesamt besuchten im letzten Schuljahr knapp 90.000 Schüler spezielle Fördergruppen für die deutsche Sprache.

Und wie reagieren die alteingesessenen Schüler auf die neuen Klassenkameraden?

"Das sind halt immer, letztlich immer noch andere Leute. Also Menschen, die man nicht so kennt und die auch nicht die gleiche Sprache sprechen…"

…sagt Cliff Odum aus Steinfurt, Vorstandsmitglied der Landesschülervertretung NRW und Schüler einer 11. Klasse. An seiner Schule hat Cliff Odum beobachtet, dass die Flüchtlingskinder häufig unter sich bleiben – und sich nur wenig mit den anderen Jugendlichen mischen.

"Natürlich geht das Ganze einfacher, wenn man die auch außerhalb der Schule trifft. Zum Beispiel haben wir zurzeit einen, oder mehrere sogar in der Fußballmannschaft, so was geht immer viel einfacher, als in der Schule auf jeden Fall und viel schneller."

Mit Patenschaften gegen Trennung 

An der Willi-Brandt-Gesamtschule in Köln versuchen Helma Rohm-Schnak und ihre Kollegen, dieser Trennung der Schülergruppen mit Patenschaften zu begegnen. Dabei kommt ihnen zu Gute, dass die Schule in einem Stadtbezirk mit relativ hohem Migrationsanteil liegt.

"Das ist das Schöne bei uns an der Schule, dass wir eben halt aus 65 Nationen Schülerinnen und Schüler haben. Und wir haben angedacht und das läuft auch schon ein bisschen, so ein Patensystem. Das heißt, es wird jedem Schüler ein gleichsprachiger Schüler zugeordnet, so dass da auch schon die ersten Hinweise, Tipps vermittelt werden können. Da wird auch so ein bisschen Heimat zurückgeholt, gleichzeitig aber auch Integration voran getrieben, so dass die Schwierigkeiten nicht ganz so groß werden."

Denn letztlich geht es bei der Integration von Flüchtlingen in den Schulalltag auch darum: Den Kindern den Zugang zur deutschen Gesellschaft zu ermöglichen. Aber dafür – da sind sich Lehrer und Schüler einig – braucht es ein Umfeld, in dem auf die besonderen Bedürfnisse der Flüchtlingskinder und den Fragen der alteingesessenen Schüler eingegangen werden kann.

Schüler: "Dankeschön"

Lehrerin: "Bitte, Tschüss"

Schüler: "Bis morgen…"

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