Seit 17:05 Uhr Studio 9

Dienstag, 23.07.2019
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Aktuell / Archiv | Beitrag vom 07.04.2016

Erdogan-Satire von Jan BöhmermannGrimme-Preis trotz Strafanzeigen

Collage: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Moderator Jan Böhmermann (picture alliance / dpa / Leonardo Munoz / Rolf Vennenbernd)
Collage: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Moderator Jan Böhmermann (picture alliance / dpa / Leonardo Munoz / Rolf Vennenbernd)

Für sein Erdogan-Schmähgedicht erntet TV-Moderator Jan Böhmermann Strafanzeigen. Die Staatsanwaltschaft Mainz hat Ermittlungen aufgenommen. Davon unberührt bleibt die Entscheidung des Grimme-Instituts, ihn für die Stinkefinger-Persiflage auszuzeichnen.

Der Streit um die Erdogan-Satire von Jan Böhmermann geht weiter. Bei der Staatsanwaltschaft Mainz sind nach eigenen Angaben rund 20 Strafanzeigen von Privatpersonen aus Deutschland eingegangen. Die Behörde hat Ermittlungen aufgenommen. Es gehe um den möglichen Verstoß gegen Paragraf 103 des Strafgesetzbuches, Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten.

Die Staatsanwaltschaft werde zur Beweissicherung einen Mitschnitt des in der Sendung "Neo Magazin Royale" vorgetragenen Schmähgedichts anfordern, sagte Oberstaatsanwalt Gerd Deutschler der Nachrichtenagentur AFP. Die Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe geahndet werden, bei verleumderischer Absicht sogar mit bis zu fünf Jahren Haft.

Am Donnerstag gingen außerdem auch Anzeigen gegen Verantwortliche des ZDF eing. Diese würden ebenfalls geprüft, bestätigte die Staatsanwaltschaft Mainz. 

Auch in der Türkei hat der Satiriker offenbar einige Reaktionen hervorgerufen. Nach Angaben mehrerer Medien haben einige Menschen Eier auf das Studio des Senders in Istanbul geworfen.

Twitter-Reaktionen auf die Satire

Der ZDF-Moderator hatte sich in seiner Senduung "Neo Magazin Royale" über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan lustig gemacht. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich in die Debatte eingemischt und Böhmermanns Äußerungen "bewusst verletzend" genannt.

Allerdings gab es auch Kritik an der Entscheidung des ZDF, Böhmermanns Beitrag aus der Mediathek zu löschen. Der medienpolitische Sprecher der Linken im Bundestag, Harald Petzold, kündigte in der "Welt" an, eine förmliche Beschwerde beim ZDF einzulegen: "Wir werden nachfragen und gegen die Löschung des Beitrags protestieren."

Der Satiriker Martin Sonneborn bezeichnete es als bezeichnend für den Umgang mit Satire, dass Böhmermanns Beitrag in der Mediathek gelöscht worden sei. Er habe sich "vergleichsweise harmlos mit Erdogan beschäftigt", sagte der frühere Chefredakteur von "Titanic", der mittlerweile als Abgeordneter im EU-Parlament sitzt.

Grimme-Institut ändert seine Entscheidung nicht

Während der Erdogan-Aufreger Böhmermann Kritik beschert, wird er für einen anderen Aufreger ausgezeichnet. Für seinen satirischen Umgang mit dem angeblich gefälschten Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis wird er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Das Grimme-Institut in Marl erklärte, es werde an seiner Einladung zur Preisverleihung festhalten.

mau

Mehr zum Thema

Frank Überall, Journalist: - "Grenzen der Satire sind sicherlich im Fall Böhmermann überschritten"
(Deutschlandfunk, Interview, 05.04.2016)

Aus den Feuilletons - "Böhmermanns Schmähkritik war vor allem dumm"
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 04.04.2016)

Aus den Feuilletons - Die Schwäche des Westens
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 02.04.2016)

Kommentar: - Erdogan ist nicht mehr komisch
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 05.04.2016)

Erdogan-Ausgabe von "extra 3" - Was darf Satire in der Türkei?
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 01.04.2016)

Satire und Macht: Erdogans Wut auf "extra3" - Humor ist gefährlicher als trockene Artikel
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 29.03.2016)

Studio 9

Von Menschen und ZügenAlles so schön blau hier
Ein Zug fährt in Südfrankreich entlang der Küste über ein altes Viadukt mit direktem Blick auf das offene Meer. (imago/ Panthermedia)

Die "Ligne Bleue" ist eine der spektakulärsten Bahnstrecken Frankreichs. Zwischen Marseille und Martigues führt sie direkt am Mittelmeer entlang und bietet grandiose Ausblicke. 1915 wurde die Verbindung eröffnet, doch sie ist eher ein Geheimtipp.Mehr

Strafen für Italien-TouristenBitte mehr davon!
Zwei Touristinnen sitzen am Trevibrunnen in Rom. (picture alliance / dpa / Uwe Gerig)

Baden im Trevibrunnen? Kostet 500 Euro. Schlafen in einer Hängematte in Triest, 300 Euro. Drakonische Strafen für Touristen in Italien: Richtig so, meint unser Autor Matthias Finger, denn Dummheit gefährde das Überleben der Menschheit.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur