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Studio 9 | Beitrag vom 09.08.2016

Erdogan besucht PutinDas ungleiche Treffen zweier Autokraten

Von Christian Buttkereit

Putin und Erdogan schütteln sich die Hände während eines Treffens in Moskau (dpa / picture alliance / Ivan Sekretarev)
Putin und Erdogan schütteln sich die Hände während eines Treffens in Moskau im Herbst 2015. (dpa / picture alliance / Ivan Sekretarev)

Ihr Regierungsstil mag ähnlich sein, ein Freundschaftstreffen ist die Begegnung zwischen Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin trotzdem nicht. Denn die Rollenverteilung ist bei diesem Treffen ziemlich eindeutig.

Auch wenn sich beide in Regierungsstil ähneln mögen, gute Freunde sind Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin nicht. Gerade deshalb gibt es viel zu bereden. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges an der türkisch-syrischen Grenze im vergangenen November herrschte Eiszeit zwischen Ankara und Moskau.

Leichtes Tauwetter hatte eingesetzt, nachdem sich Erdogan für den Abschuss entschuldigte. Zwar nicht wie von Russland gefordert bei Putin - aber immerhin bei der Familie des getöteten Soldaten. Seitdem erlaubt Russland seinen Bürgern zumindest wieder Pauschalreisen in die Türkei.  

Für Ministerpräsident Binali Yidirim war das ein erster wichtiger Schritt, dem nach Erdogans Besuch in Sankt Petersburg weitere folgen sollen.

Russland-Tourismus um 90 Prozent eingebrochen

Der Russland-Tourismus war im Juni im Vergleich zum Vorjahr um 90 Prozent eingebrochen. Ähnlich sieht es mit dem Export von türkischem Obst und Gemüse aus, nachdem Russland ein Handelsembargo verhängt hatte. Der Präsident des türkischen Industrieverbandes, Adnan Dalgakiran, verbindet mit dem Treffen Erdogan-Putin große Hoffnungen – und nicht nur er:

"Zahlreiche türkische Unternehmen warten mit Spannung auf das Treffen Erdogan-Putin. Und niemand zweifelt daran, dass die Beziehungen zu Russland weit über den Stand von vor dem Flugzeugabschuss hinaus gehen werden. Wir sind voller Erwartungen."

Auch im Energiesektor ist Russland ein wichtiger Partner für die Türkei. Deshalb wird es bei den Gesprächen in Sankt Petersburg auch um die geplante Erdgaspipeline "Turkish Stream" von Russland durchs Schwarze Meer in die Türkei.

Außerdem baut Russland an der türkischen Südküste derzeit das erste Atomkraftwerk des Landes. Wie wichtig das Verhältnis zu Russland ist, zeige sich beim Blick in die türkische Nachbarschaft, sagt Industrieverbandspräsident Dalgakiran:

"Werfen wir einen Blick auf unsere Nachbarn: Bulgarien und Griechenland sind wirtschaftlich zu schwach. Die Ukraine befindet sich in einer schwierigen Lage. Die Situaion in Syrien und im Irak sind ja bekannt. Der Iran befreit sich erst seit neuestem wieder aus seiner Isolation. Das wird noch eine Weile dauern. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Russland für uns sehr sehr wichtig und ein strategisch wichtiger Partner. Denn Russland verfügt nicht nur über unter- und überirdische Ressourcen, sondern ist auch technologisch weit vorangeschritten."

Erdogan kommt als Bittsteller nach Sankt Petersburg

Bei all diesen Themen ist die Rollenverteilung eindeutig. Erdogan kommt als Bittsteller nach Sankt Petersburg. Für eines ist er Putin schon vor der Reise dankbar: der russische Präsident zeigte sich nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei mit Erdogan solidarisch – ohne gleich die Einhaltung der Menschenrechte anzumahnen, wie es europäische Politiker taten.

Erdogans Reise nach Sankt Petersburg sei aber nicht der Dank dafür, heißt es aus dem Präsidialamt in Ankara. Die Reise sei bereits vor dem gescheiterten Putsch geplant gewesen.

Damit das Eis zwischen beiden Staaten wirklich schmilzt, müssten auch Differenzen im Syrien-Krieg und vor allem im Umgang mit den Kurden beigelegt werden. Russland unterstützt den syrischen Machthaber Baschar al-Assad – Ankara wollte ihn lange loswerden.

Putin sieht die Kurden als verbündete im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS), Erdogan misstraut ihnen und bekämpft sie wo er kann. Befürchtungen westlicher Politiker, das Nato-Land Türkei könnte sich Russland zu sehr annähern, scheinen da eher unbegründet.

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