Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview | Beitrag vom 28.11.2018

ErderwärmungMit Liebe, Zorn und Fantasie das Klima retten

Hans Joachim Schellnhuber im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Erde wird in rund einer Milliarde Jahre für höheres Leben zu heiß. (imago / Magictorch)
Wir sollten uns fragen, wie wir in 20, 30 Jahren leben wollen, wenn wir den Klimaschutz voranbringen wollen, meint Hans Joachim Schellnhuber. (imago / Magictorch)

Wachstum und Wettbewerb machen uns nicht glücklich, ist der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber überzeugt. Wenn wir den Klimawandel noch stoppen wollen, müssen wir fundamental umdenken, lautet sein Appell.

Liane von Billerbeck: Die EU-Kommission will heute ihre langfristigen Klimaschutzstrategien vorstellen, am Wochenende ist ja Klimakonferenz in Katowice. Und eigentlich müsste man, wenn man die sehr fühlbaren Veränderungen überall sieht, zu drastischen und schnellen Maßnahmen greifen und natürlich darauf pfeifen, wenn ein US-Präsident sagt, er glaube das mit dem Klimawandel alles nicht. Denn selbst der Bericht seiner eigenen Regierungsstellen hat klar und deutlich bewiesen, dass die Klimaveränderungen Tatsache sind.

Ich erzähle das, weil ich mich mit einem der renommiertesten Klimaforscher verabredet habe, mit dem langjährigen Direktor des von ihm gegründeten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, mit Hans Joachim Schellnhuber. Und ihn habe ich gefragt, ob wir überhaupt noch Zeit haben für Langfristiges.

Auf das Tempo kommt es an

Hans Joachim Schellnhuber: Ja, langfristig müssen wir auf jeden Fall denken, wir müssen sehr schnell in die Langfriststrategie eintreten, das ist genau das Dilemma. Die Wissenschaft hat ja herausgefunden so in den letzten Jahren, dass entscheidend ist das sogenannte Kohlenstoffbudget, also wie viele Emissionen wir jedes Jahr eben in die Atmosphäre jagen.

Und wenn Sie also jetzt fragen, wie kann ich verhindern, dass die Erde also in eine neue Heißzeit eintritt, dann muss ich genau fragen, wie viele Emissionen habe ich am Anfang, also im Jahr 2018 - das ist natürlich ziemlich viel -, wo möchte ich enden, bei null natürlich, möglichst vor 2050.

Aber dann kommt es entscheidend auf den Pfad an, den ich bei dieser Emissionsreduktion vornehme. Also, die Fläche unter der Kurve ist das Entscheidende, und wenn ich sehr schnell abbremsen kann und dann relativ flach austrudele am Ende, dann ist es okay. Wenn ich aber sehr lange mir Zeit lasse, also die Emissionen auf sehr hohem Niveau, sagen wir, bis 2040 halte und dann am Schluss rasch runtergehe, dann nutzt mir das auch nichts. Das heißt, ich muss alle Jahre von heute bis 2050 im Blick haben.

Billerbeck: Stand gestern 16 Uhr gab es eine neue Nachricht, da hieß es, der globale CO2-Ausstoß sei auf neuem Rekordstand und die Parisziele erfordern eine Verdreifachung der Klimabemühungen. Herr Schellnhuber, wenn jetzt aber Landesregierungen den Ausstieg aus dem Kohleabbau und der -verstromung immer weiter nach hinten schieben, um jetzt Arbeitsplätze und Wählerstimmen zu sichern, verspielen sie da nicht genau die Zukunft der Wähler, an die sie sich jetzt so herantasten?

Wir brauchen eine Erzählung vom guten Leben

Schellnhuber: Das ist das alte Dilemma, Kurzfristdenken versus Zukunftsvorsorge. Man hat ununterbrochen Warnzeichen, und Sie wissen ja, jetzt ist es fünf vor zwölf, zwei vor zwölf, fünf nach zwölf, das interessiert eigentlich gar niemanden so richtig.

Man hat, glaube ich, zwei Möglichkeiten: Das eine ist, dass man mit so massiven Naturkatastrophen konfrontiert wird – und der Dürresommer dieses Jahr in Deutschland gibt ja einen Vorgeschmack –, dass man irgendwann tatsächlich erschreckt aufwacht und sagt, so, jetzt muss ich mein Leben ändern, jetzt muss ich meine Wirtschaftsform ändern, jetzt muss ich letztendlich auch meine moralischen Einstellungen ändern.

Oder es ist eben so, dass man dann in der Lage ist - und auf die Sache setze ich inzwischen größere Hoffnung -, dass ich gar nicht sage, was ist es, was ich unbedingt vermeiden muss, wir alle wollen den Weltuntergang vermeiden, wir alle wollen das Leiden unzähliger Menschen und Kreaturen auf diesem Planeten vermeiden. Aber dass man sagt, wo möchte ich eigentlich sein in 20, 30 Jahren, wo möchte ich, dass meine Kinder sind, was ist meine Vorstellung von einem guten und glücklichen Leben – und dann würde man feststellen, dass das, was wir im Augenblick tun, Wachstum, Wettbewerb, immer schneller, weiter, höher und so weiter, das macht uns ohnehin nicht glücklich.

Also, im Grunde im genommen ist die Erzählung eines guten Lebens, und dann umgekehrt fragen, was brauche ich dafür, vielleicht sogar das Entscheidende, was die Wendung erzielt. Das haben Sie jetzt wahrscheinlich nicht erwartet, von mir zu hören, aber das ist so ein bisschen die Einsicht der letzten fünf bis zehn Jahre, wo ich mich mit dem Thema befasse.

Billerbeck: Das glaube ich gar nicht, dass ich das nicht erwartet habe. Ich bin bloß gerade so auf so einem anderen Weg bei meinem Denken über das Thema, weil mich im Moment also wirklich animiert hat, was ich da aus den USA höre, dass es da eben auch Entwicklungen gibt, die mir eigentlich wieder Hoffnung machen. Und da wird eben nicht mit gutem Leben oder moralischen Appellen gearbeitet, sondern es wird ganz knochenhart mit dem Geld gearbeitet.

Also, das Beispiel des New Yorker Bürgermeisters de Blasio, der schon während der Brände in Kalifornien, die ja so drastisch waren, dass da niemand mehr drüber hinweggucken konnte, angekündigt hat, fünf Milliarden Dollar aus Beteiligungen seiner Stadt an der Kohleindustrie abzuziehen. Ist das nicht der Weg, zu sagen, wenn ihr nicht mitmacht, dann ziehen wir euch das Geld ab und dann ist eben Schluss?

Schneller, höher, weiter macht nicht glücklich

Schellnhuber: Das ist einer der Wege natürlich. Ich glaube, es sind drei Dinge, die man braucht, und nur der Mix macht es. Das eine ist tatsächlich der moralische Zugang, was ist ein gutes Leben. Das zweite ist, ja, dass man knallhart fossile Geschäfte ins Abseits stellt, aber dann – und das ist Teil eines Berichtes, den wir zeitgleich jetzt veröffentlichen mit dem Bericht der Langfriststrategie der Europäischen Union, das ist ein Bericht über Innovationen, also technische, auch soziale Innovationen, die uns helfen.

Und das ist eigentlich das einerseits Fantastische und Quälende: Wir haben ja unglaubliche Möglichkeiten inzwischen sozusagen, Emissionen zu reduzieren und trotzdem unseren Wohlstand zu halten, und die werden einfach nicht genutzt. Warum? Weil das System eben eingefahren ist in einer Betriebsweise, die einigen wenigen nützt und den meisten schadet. Und diese Systemträgheit zu überwinden ist jetzt entscheidend.

Also insofern würde ich zusammenfassend dann sagen, man braucht so etwas wie Liebe, Zorn und Fantasie. Die Liebe zu den Mitmenschen, den kommenden Generationen, den Mitkreaturen. Man braucht den Zorn auch, damit man gewissen Geschäften das Handwerk legt. Und man braucht aber ganz viel wissenschaftliche und technische Fantasie, vielleicht auch künstlerische Fantasie – und der Mix könnte es tatsächlich noch schaffen, aber die Zeit läuft uns natürlich weg.

Billerbeck: Hans Joachim Schellnhuber war das, langjähriger Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Liebe, Zorn und Fantasie, das ist ein gutes Ende für unser Gespräch. Herr Schellnhuber, ich danke Ihnen!

Schellnhuber: Ja, gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Erderwärmung - Die ungehörten Warnungen des Weltklimarates
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 04.11.2018)

Klimaforscher Schellnhuber - "Wir müssen unsere Zivilisation neu erfinden"
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 26.09.2018)

Anthropozän und Klimaschutz - "Es passiert auf jeden Fall zu wenig"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 24.07.2018)

Interview

Die FDP und die Freiheit"Keine Macht ohne Gegenmacht"
Personen aus zwei verschiedenen Gruppen versuchen sich die Hand zu geben . (imago / Ikon Images)

Die FDP starre zu sehr auf den Staat, kritisiert Lisa Herzog von der TU München. Dabei verliere sie aus dem Blick, dass bestimmte Wirtschaftsverhältnisse die Freiheit des Einzelnen einschränken. Deshalb müsse man viel mehr demokratische Elemente in Unternehmen bringen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur