Lesart 30.11.2018

Erasmus von Rotterdams "Adagia"„Das ist alles völlig konträr zu dem, was die AfD sagt“Wolfgang Hörner im Gespräch mit Frank Meyer

Beitrag hören Ein Porträt von Desiderius Erasmus von Rotterdam von Hans Holbein d.J. (1530).  (picture alliance / dpa)"Der sprichwörtliche Weltbürger" heißt ein neues Buch mit Texten von Erasmus von Rotterdam. (picture alliance / dpa)

Die parteinahe Stiftung der AfD hat sich nach dem großen Humanisten Erasmus von Rotterdam benannt. Sehr befremdlich findet das der Verleger Wolfgang Hörner: Erasmus stehe für Werte und Ideen, die die AfD ablehne und bekämpfe.

Frank Meyer: "Machst du Erasmus?", "Gehst du auf Erasmus?" – so wird unter Studierenden gefragt seit mehr als 30 Jahren, wenn es ums Teilnehmen am Erasmus-Programm geht. Das internationale Austauschprogramm wurde nach Erasmus von Rotterdam benannt, dem großen Humanisten der Renaissance. Nach Erasmus hat sich auch eine politische Stiftung benannt, die im Sommer von der AfD, der Partei, als parteinahe Stiftung anerkannt wurde, und vor Kurzem ist nun ein Buch erschienen mit Sprichwörtern und kommentierenden Texten von Erasmus. "Der sprichwörtliche Weltbürger" heißt dieses Buch. Wolfgang Hörner und Tobias Roth sind die Herausgeber, und der Verleger Wolfgang Hörner ist jetzt bei uns im Studio, willkommen!

Wolfgang Hörner: Hallo!

Meyer: Ist das Buch jetzt Ihre Antwort darauf oder eine Reaktion darauf, dass die AfD sich verbündet hat mit der Desiderius-Ersasmus-Stiftung?

Hörner: Ja, natürlich schon. Das ist ja doch ein kurioser Vorgang. Wenn man sich ein bisschen mit Erasmus auskennt, dann fragt man sich, warum haben die diesen Namen gewählt. Erasmus ist nun ein äußerst friedliebender Mensch, ein Mensch, der fürs Einladen der Hilfsbedürftigen steht, ein Mensch, der für eine große Weltläufigkeit steht. Das fanden wir zuerst sehr befremdlich, und dann haben wir uns sozusagen aber gewissermaßen gefreut, weil wir sagten, das ist doch ein toller Anlass, dass man sich wieder mit Erasmus und seinem sehr, sehr schönen Denken beschäftigt und dieses Denken weiterträgt.

Gebt freigiebig, gebt Fremden

Meyer: Ein Gegensatz zur patriotisch ausgerichteten AfD steckt ja schon im Titel, "Der sprichwörtliche Weltbürger". Warum war denn Erasmus ein sprichwörtlicher Weltbürger?

Hörner: Erstens, er war ein Weltbürger, er ist in Holland geboren, und dann zog er wirklich durch Europa. In England war er sehr viel, hatte seine erste glückliche Zeit dort, ging nach Italien, wo er die Wurzeln sozusagen der europäischen Kultur gesucht hat. Dann ging er eben nach Basel, lebte da längere Zeit. Dann war er mal kurz in Freiburg. Er fühlte sich nirgends zu Hause, sondern überall. Sprichwörtlich, weil er berühmt wurde mit einer Sammlung von Sprichwörtern, den Adagia, in denen er versuchte sozusagen, das Grundsediment europäischen Denkens und Handelns anhand von Sprichwörtern rauszusieben.

Meyer: Das sollten wir uns gleich noch ein bisschen anschauen, aber erst mal einen Blick werfen, wie sich denn diese AfD-nahe Desiderius-Erasmus-Stiftung Erasmus vorstellt. Da heißt es … also die Stiftung nennt Erasmus einen Vordenker des europäischen Humanismus, Anwalt des freien Wortes, Vorkämpfer der Toleranz und Gegner der Dogmatik, und deshalb würde Erasmus zu den Anliegen der Stiftung passen. Was sagen Sie zu dieser Paarung?

Hörner: Ich sage dazu, damit haben sie völlig recht. Ich verstehe nicht, warum er deshalb zu dieser Stiftung passen soll, die versucht, Streit und Zwietracht zu säen und die versucht, tiefe Gräben zu reißen, um damit Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist, ehrlich gesagt, wenn man Erasmus liest, ziemlich unverständlich. Und vor allem, wenn man ihn danebenhält neben die Aussagen von AfD-Politikern, eben die Aussagen der AfD-Stiftung, weil sie ja eigentlich darauf sind, sich abzugrenzen. Alles, was Erasmus gar nicht will. Er sagt, gebt freigiebig, gebt Fremden, Freundesgut ist gemeinsames Gut, man muss selbst denen helfen, die uneingeladen kommen. Das ist alles völlig konträr zu dem, was sie eigentlich sagen.

Die Stiftung - eine Briefkastenfirma?

Meyer: Jetzt haben Sie listigerweise schon versucht, dieser AfD–nahen Stiftung Ihr Buch doch ans Herz zu legen und die vielleicht zu veranlassen, mit Ihrem Buch mehr über Erasmus zu orientieren. Wie ist das denn ausgegangen?

Hörner: Ja, das war eine kuriose Sache. Ich bin dann mit dem Tobias Roth, als der in Berlin war, zu der Adresse gegangen, die im Internet als Sitz der Stiftung angegeben ist, Unter den Linden 21, da findet man aber leider nichts. Unten kein Klingelschild, kein Firmenschild, nichts. Dann sind wir zum unteren Pförtner, die sagten, na ja, gehen Sie da in den fünften Stock. Dann sind wir da hin und haben gesagt, wir würden gerne mal zu dieser Stiftung, wir würden Ihnen gerne was vorstellen. Dann hieß es, na ja, da gäbe es aber nur Termine nach Vereinbarung. Für uns sah es ein bisschen nach Briefkastenfirma aus. Habe ich gleich angerufen in der Nummer, die dort angegeben ist, wo nur irgendwie ein Anrufbeantworter anspringt – also kein Spruch, kein hallo, wir sind die AfD-Stiftung oder Desiderius-Erasmus-Stiftung – und habe mein Anliegen vorgetragen, aber nie wieder was gehört leider. Ich fände es ja toll, wenn die AfD-Mitglieder ganz viel Erasmus lesen würden und rate nur jedem anderen, es auch zu tun, damit man im Gespräch gefeit ist.

Meyer: Das kann man ja jetzt mit Ihrem Buch, "Der sprichwörtliche Weltbürger". Vielleicht können wir zum Schluss noch ganz kurz mal hineinschauen. Vielleicht können Sie mal eins auswählen, eins der Sprichwörter und uns daran kurz zeigen, wie Erasmus da denkt und wie auch dieses Buch funktioniert.

Hörner: Vielleicht zwei kurze. Eins meiner Lieblinge ist gleich das erste. Man muss vielleicht sagen, das war ein Buch, mit dem er berühmt wurde, 1500 erste Ausgabe, und er hat sein Leben lang immer wieder erweitert: von 800 Sprichwörtern auf am Ende 4151 Stück. Wir haben hier nur eine ganz kleine Auswahl gemacht, aber sein Liebstes auch ist ganz am Anfang: "Freundesgut, gemeinsames Gut", wo er sagt, was man hat, soll man teilen, altes Sprichwort, nur dann wird es wirklich zum Gewinn für einen. Ein anderes Sprichwort kommt später: "Nur wer schnell gibt, gibt gut", also auch nicht lange zögern. Und ein sehr Kurioses ist zum Beispiel noch: "Wie die Mykonier" heißt es … Mykonier waren sehr arme Bewohner einer kleinen griechischen Insel, die berühmt dafür waren, dass sie auf andere Inseln fuhren, weil sie selber Not litten und sich sozusagen uneingeladen dort an die Tafel setzten und auch nicht loszukriegen waren. Er erzählt, wo dieses Sprichwort vorkommt, das ist immer so, und dann, wie man diese Sprichwörter anwenden kann, und auch gräbt oft nach ihrer tieferen Bedeutung. Und da erzählt er dann von seinem Gönner Lord Mountjoy, der ihm erzählte, dass es bei den Iren so ähnlich sei. Er habe mal einen Iren gehabt, der sei einfach erschienen, uneingeladen, an der Tafel, habe sich hingesetzt, dann sagte er, ja, er wolle hier mitessen. Dann hat man schon so ein bisschen drängend gemeint, wenn er hier nix zu tun habe, ob er nicht dann doch gehen wolle, worauf er sagte, ja, würde er gerne tun, aber erst nach dem Essen, und dann fiel bei denen der Groschen, und er sagte, na ja, ich glaube, ich bleibe jetzt so lange, weil ich merke, der, der hier das Sagen hat, der ist doch reich genug, mir ein ganz klein bisschen was abzugeben. Und das fand dann Mountjoy so gut und dachte, ja, stimmt natürlich, dass er ihn sitzen ließ.

Meyer: Dieses Sprichwort kann man sich genauer anschauen, auch immer mit den Kommentaren von Erasmus, in einer kleinen Auswahl aus einer riesigen Sprichwörtersammlung, erschienen jetzt unter dem Titel "Desiderius Erasmus von Rotterdam: Der sprichwörtliche Weltbürger", ausgewählt von Wolfgang Hörner und Tobias Roth, übersetzt von Tobias Roth und Theresia Payr, erschienen im Verlag Das kulturelle Gedächtnis mit 96 Seiten, 10 Euro ist der Preis für dieses Erasmus-Buch. Vielen Dank, Wolfgang Hörner!

Hörner: Danke fürs Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema