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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 14.02.2010

"Er war für mich ein wichtiger Bruder"

Die Schauspielerin Ingrid Caven über den Regisseur Daniel Schmid

Ingrid Caven im Gespräch mit Britta Bürger

Mit dem Schweizer Regisseur Daniel Schmid habe sie etwas Monströses verbunden, sagt die Schauspielerin Ingrid Caven. Sie habe bei ihm viel wagen können in ihrer Interpretation, erklärt Caven, die auch beim Filmporträt "Daniel Schmid - Le Chat qui pense" mitspielt, das während der Berlinale zu sehen ist.

Britta Bürger: Sie ist moralisch und unmoralisch zugleich, exaltiert und nervös, kalkuliert und überaus stilbewusst - die Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven. Zur Berlinale ist sie nach Berlin gekommen und hatte gestern Abend Zeit für ein Gespräch. Den meisten ist Ingrid Caven als Schauspielerin und Lebensgefährtin von Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung. Aber sie hat auch sehr intensive Filme mit dem Schweizer Regisseur Daniel Schmied gemacht. 2006 ist er an Krebs gestorben und es gibt auf dieser Berlinale ein berührendes Filmporträt über ihn, in dem der Satz fällt: "Dann trat Ingrid Caven in sein Leben". Ich hab die Schauspielerin gefragt, was Daniel Schmied in ihrem Leben bedeutete.

Caven: Er war für mich ein wichtiger Bruder. Von Anfang an hatten wir so eine Beziehung, bei der man sich kabbeln konnte und bei der man sich auch anschimpfen und ausschimpfen konnte, und man hat also eine ganze – ich hatte eine ganz starke innere Sicherheit mit ihm und er, glaube ich, auch mit mir. Und wir haben eigentlich so was gelebt wie zwei Inzestgeschwister. Wir waren uns so ähnlich, und da auf dieser Basis ist es ja sehr gut, wenn man sich in Sachen entwickeln kann, soll und will, auf so einer sicheren Basis soweit wie möglich an Unmöglichkeiten ranzukommen, an Grenzen, die man eigentlich mit anderen nicht wagt anzutippen oder auch drüber hinauszugehen. Mit Daniel konnte ich viel wagen in meiner Interpretation. Und Daniel, glaube ich, hatte so ein Vertrauensgefühl zu mir, das zu machen, was er gerne machen wollte und was normalerweise die Gesellschaft und die Umgebung nicht erlaubt.

Bürger: Mit ihm und Werner Schroeter haben Sie auch in München zusammen in einer WG gelebt, später ist er Ihnen nach Paris gefolgt und hat dort auch Ihre ersten Chansonabende inszeniert. Sie haben eben schon die besonderen Herausforderungen so ein bisschen angedeutet, was Sie sich bei ihm trauen konnten, was die Gesellschaft nicht wollte. Was meinen Sie damit?

Caven: Also mit Daniel und Werner und Rainer hatten wir so etwas gemeinsam, ich würde einfach sagen, wir waren Monster. Wir hatten etwas Monströses alle. Und ich denke, ich hab immer – das habe ich aber nicht bewusst gemacht, sondern ich hab immer Leute gesucht, mit denen ich leben wollte und arbeiten wollte, die so etwas entgegensetzen konnten, was ich bei mir als monströs erkannt hatte, monströs der Gesellschaft wiederum gegenüber. Ich denke, Künstler haben den Vorteil oder sollten ihn haben, die Ecken, die es bei jedem gibt, bei jedem normalen Menschen auch gibt, dass man die einfach rauslocken kann und darf – nämlich diese monströse Seite. Und das haben diese drei Leute ganz stark gehabt und auch gewagt, damit umzugehen und daraus etwas zu machen. Ich hab das als Frau gespürt, dass ich in ganz vielen Kreisen einfach nicht atmen kann und nicht überleben kann und schon gar nicht meine Arbeit und meine Fantasie einsetzen kann, so wie ich das möchte. Ich behaupte einfach, es sind mit Werner noch und es waren Liebesbeziehungen. Es waren Freundschaften, die Liebesbeziehungen waren, das gibt es.

Bürger: Mit Werner Schroeter?

Caven: Ja, und mit den beiden anderen auch.

Bürger: Steht der Name Fassbinder noch immer in Ihrem Ausweis?

Caven: Ja, vor allem bei meiner Bank ist er immer noch, ist der Name immer noch eingeschrieben und in meinem Ausweis auch, und ich denke, ich werde das auch nicht mehr ändern.

Bürger: Heute Abend wird bei der Berlinale die frisch rekonstruierte Fassung des Fassbinder-Films "Welt am Draht" zu sehen sein, ein Science-Fiction-Epos aus dem Jahre 1973. Viele wissen gar nicht, dass Fassbinder so was gemacht hat. Der Film lief damals als Zweiteiler in der ARD, auch das ist erstaunlich, dass er im Fernsehen zu sehen war. Inwieweit war Fassbinder mit diesem Film damals schon ein Visionär?

Caven: Ich glaube, er hat den nicht als Visionär gemacht. Im Grunde wollte er wahrscheinlich auch gar nicht viel, wie wir alle, mit Science-Fiction zu tun haben. Er hat diesen Film gemacht, weil ihn das Thema der Doppeldeutigkeit von Menschen und von der Frau auch immer interessiert hat. Also bisher hat er ja ... Vorher oder sehr oft hat er Frauen inszeniert, die also sich sehr stark fühlten, und dann wurden sie einfach kaputt gemacht oder fühlten sich in der Gesellschaft akzeptiert und schön und intelligent und alles war wunderbar, und dann brach immer zum Schluss nachher diese ganze Welt zusammen, und dann kam auch diese Ohnmacht ans Licht. Und bei diesem Film geht es ja ganz brutal zu, da ist die Frau sowieso zunächst… ist gar nicht vorhanden außer als Elektron, und man projiziert auf sie. Die Frau als Projektionsfläche war ja im Kino immer ein Thema. Und in dem Fall ist es so, dass es eigentlich eine Projektion innerhalb des Films ist und man projiziert auf jemand menschliche Eigenschaften und eine Seele und einen menschlichen Körper, und man irrt sich, es ist gar nicht so, es ist halt jemand ganz anderes. Und das ist eher interessant: Er wollte einen Unterhaltungsfilm machen.

Bürger: Und was für eine Rolle hat er Ihnen eingeräumt in diesem Film?

Caven: Eine kleine Rolle wie oft, und ich habe aber dann die – ich weiß nicht mehr warum, er wollte dann unbedingt, dass die Stimme, meine Stimme auf die Eva da legen, und dann habe ich diese Hauptrolle gesprochen.

Bürger: Haben Sie eigentlich viele Kontakte zu früheren Filmkolleginnen und -kollegen? Hanna Schygulla zum Beispiel lebt wie Sie in Paris und bekommt in diesem Jahr den Ehrenbären der Berlinale.

Caven: Ja, das, denke ich, ist auch gut, hat sie sicher verdient, aber wir haben keinen Kontakt mehr.

Bürger: Haben Sie sie als Konkurrentin empfunden damals?

Caven: Damals nein, nein, nein, nein, weil sie war sehr wichtig für alle, weil sie war ja für Rainer so eine ideale Schauspielerin, um diese deutschen Frauen zu repräsentieren. Sie war sehr diszipliniert, sie hat wenig mit uns privat zu tun gehabt, das wollte Rainer auch nicht, weil sie musste zur Verfügung stehen, um diese Sachen gut über die Runden zu bringen, und ich hätte das damals gar nicht machen können, weil ich viel zu undiszipliniert und gelebt habe. Also ich habe gerne ...

Bürger: Sie hätten diese Rollen nicht spielen können?

Caven: Auch nicht, nein, nein. Also ich bin dafür nicht ideal als deutsche Frau oder so, das hätte ich nicht machen können auch.

Bürger: Nicht nur in Paris und in New York, auch in Berlin haben Sie mehrfach das Publikum mit Ihren Chansonabenden man kann schon wirklich sagen verzaubert. Und darin singen Sie gern Texte zum Beispiel von Hans Magnus Enzensberger. Ich habe gehört, Sie arbeiten mit Werner Schroeter an einem neuen Enzensberger-Text, was haben Sie da genau vor?

Caven: Ja, ja, das ist ein wunderbares Projekt, und da wird im Moment, während der Berliner Filmfestspiele wird daran gearbeitet. Das soll ein Film werden nach einem Buch vom Hans Magnus Enzensberger, "Josefine und ich". Da geht es um eine ältere ehemalige Sängerin, die nicht mehr auf der Bühne steht und die das auch gar nicht mehr will und die mit einer ehemaligen Garderobiere zusammen in einer etwas verkommenen, ehemaligen wunderbaren Villa lebt. Und diese Garderobiere war ein jüdisches Mädchen, die die Josefine da rübergerettet hat in schrecklichen Zeiten. Und die beiden haben aber so ein ganz interessantes Verhältnis. Sie lernt dann so einen jungen Mann kennen, an dem sie gar kein Interesse hat, nur den, dass sie ihm eigentlich ihre Auffassung vermitteln will und ihre Haltungen, die manchmal sehr extrem sind. Und es ist so eine ältere Frau, die so ein bisschen wurschtig ist und die sie auch so ihren Kontakt sucht über so eine bisschen provokante Art.

Bürger: Passt zu Ihnen?

Caven: Ich hoffe!

Bürger: Sie sind jetzt bei der Berlinale in Berlin, haben Sie Ihr berühmtes schwarzes Yves-Saint-Lorent-Kleid diesmal auch im Koffer? Vorne hoch geschlossen, hinten sehr, sehr, sehr, sehr tief dekolletiert?

Caven: Nee, aber nicht wegen des Dekolletees, sondern weil das Kleid eingegangen ist in einen Roman, einen französischen Roman, der ein bisschen an mein Leben anlehnt. Und seit dieses Kleid da eine Hauptrolle drin spielt, habe ich es eigentlich nicht mehr angefasst.

Bürger: Heute tragen Sie auch schwarz, vorne dekolletiert, ist auch sehr schön.

Caven: Ach, habe ich gar nicht gemerkt. Ja, ist ein bisschen dekolletiert, ne? Könnte man schon sagen. Aber da ziehe ich mal das innen ein bisschen höher, und dann geht es wieder. Guck!

Bürger: Ingrid Caven aus Paris ist die Schauspielerin und Sängerin, zur Berlinale angereist, wo sie in zwei Filmen zu erleben ist, in Rainer Werner Fassbinders "Welt am Draht" und in dem Porträtfilm "Le chat qui pense". Frau Caven, danke für den Besuch!

Caven: Danke, Berlin, und danke dem Berliner Bär, der sich sicher freut, dass wir alle wieder da sind, und sein Tänzchen macht.

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