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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.07.2011

"Er hört nie auf zu arbeiten"

Hans Ulrich Obrist über seine Gespräche mit Ai Weiwei

Moderation: Klaus Pokatzky

Der chinesische Künstler Ai Weiwei (picture alliance / dpa)
Der chinesische Künstler Ai Weiwei (picture alliance / dpa)

Im Laufe von zehn Jahren hat Hans Ulrich Obrist immer wieder Interviews mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei geführt. Fünf dieser Gespräche erscheinen nun in einem Buch. Im Interview beschreibt Obrist Ai Weiweis Arbeitseifer und sein Verhältnis zur Kultur des Westens.

Klaus Pokatzky: "Er ist Künstler, Dichter, Architekt, Kurator, Fachmann für altchinesisches Kunsthandwerk, Verleger, Stadtplaner, Sammler, Blogger, und so weiter." So schreibt Hans-Ulrich Obrist, der seit den 1990er-Jahren Ai Weiwei so nahe war wie kaum jemand, in seinem Buch "Ai Weiwei spricht". Das Letzte, was wir vom chinesischen Künstler Ai Weiwei gehört haben, war, dass er die Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste angenommen hat. Das war, kurz nachdem er am 22. Juni gegen Kaution aus der Haft entlassen worden war. Heute erscheint der Interviewband, und in der Londoner Serpentine Gallery, wo er Kodirektor ist, begrüße ich nun Hans-Ulrich Obrist. Guten Tag!

Hans-Ulrich Obrist: Hallo, guten Tag!

Pokatzky: Welchen Kontakt, Herr Obrist, hatten Sie denn mit Ai Weiwei seit seiner Freilassung.

Obrist: Ja, ein paar Telefonate und so, aber bisher keine Treffen, weil ich war nicht in China in den letzten Wochen. Da hat sich das bisher aufs Telefon beschränkt.

Pokatzky: Und was hat er da so erzählt? Wie geht es ihm jetzt?

Obrist: Er arbeitet – er arbeitet ja immer! Seit ich ihn kenne, hat er immer gearbeitet. Er hört nie auf zu arbeiten!

Pokatzky: Also wie Sie ihn beschrieben haben, sozusagen als eine multiple Kultur- und Kunstfigur. Wenn wir jetzt mal in die Jugend dieser Figur hineingehen – Sein Vater war ja einer der wichtigsten Literaten seiner Zeit, erhielt dann aber in der schlimmen Mao-Zeit Schreibverbot, wurde verbannt, und dort in der Verbannung – nicht weit von der russischen Grenze entfernt – hat der junge Ai Weiwei dann 16 Jahre seines Lebens verbracht; ohne Schulbildung im Grunde. Wie ist er da trotzdem mit Kunst und Literatur in Berührung gekommen?

Obrist: Es ist so, sein Vater war einer der großen Dichter der modernen Poesie in China und hatte natürlich trotz Schreibverbot die ganzen Erinnerungen. Und gerade auch dieses Bücherverbot, mit dem er aufgewachsen ist, hat, denke ich mir, einen ganz speziellen Bezug auch zu Büchern hergestellt. Er hat ja bereits kurz nach seiner Rückkehr von Amerika – er war ja im Exil in Amerika in den 80ern und ist dann in den 90ern nach China zurückgekommen – hat er ja drei wichtige Bände veröffentlicht, die er als Kurator quasi über die chinesische Kunstszene geschrieben hat, das sind Katalogbücher auch zu Ausstellungen. Seither hat eigentlich das Buch als Medium immer wieder eine wichtige Rolle bei ihm gespielt. Es gibt oftmals Künstlerbücher, Fotografiebücher.

Ein anderer Aspekt auch ist, dass sehr früh eben der Bezug durch den Vater zur Literatur zustande kam, und der hat sich ja dann auch nahtlos fortgesetzt bei seinem Exil in Amerika, weil er hat dann sofort auch bei seiner Ankunft in New York die ganzen Dichter der Beat-Generation getroffen. Alan Ginsberg stand er nahe, und diese Begegnungen mit diesen Dichtern der Beat-Generation sind ja auch in seinen frühen Fotos. Sein erster Werkkomplex, wenn man so will, sind ja diese Fotos, die entstanden sind, zum Teil Reportagen. Man sieht da amerikanischen Wahlkampf, man sieht da Politiker, aber zum Teil eben auch Dichter, die er getroffen hat, Künstler, und – natürlich auch ganz wichtig – die chinesischen Autoren, Autorinnen, Künstler, Künstlerinnen damals in New York im Exil hat er quasi dokumentiert und festgehalten. Diese Fotografien sind ja ein sehr großer Teil seines Werks, und das ist zurzeit in Winterthur ausgestellt in der Schweiz.

Pokatzky: Dieses Privileg, sozusagen, Westkultur aus erster Hand aufzusammeln, das hatte ja nicht jeder in China. Ai Weiwei gehört ja zu einer Avantgarde, die sich in den 70er- und 80er-Jahren in China entwickelt hat. Wie beschreibt er nun in den Interviews mit ihnen diese Entwicklung in einem Klima, wo China ja noch völlig abgeschottet war, wo es kaum Informationen und Bücher von außen gab?

Obrist: Das ist mir immer wieder aufgefallen: Bei meinen Recherchen in China wurde ja immer wieder klar, dass es eben damals sehr wenig Information gab. Es gab vielleicht ein paar Schwarzweiß-Abbildungen von Performances Josef Beuys, es gab einige Ausstellungsansichten von Daniel Buren war irgendwie früh bekannt in China, natürlich einige Bücher aus der Kunstgeschichte, aber es gab sehr, sehr wenig Information. Fast ein bisschen auch, wie das halt in Europa war in der Nachkriegszeit: Wenn man mit Künstlern spricht, die in den 50er-, 60er-Jahren begonnen haben, in Europa zu arbeiten, gab es damals eben auch noch sehr wenig Literatur. Und so war das noch extremer in China. Es gab da wirklich fast keine Information, aber die wenige Information, die es gab, die wurde natürlich aufgesaugt und hatte einen unglaublichen Einfluss. Das war immer interessant, weil viele dieser Künstler gleichzeitig eben sich nicht nur von Anfang an sich eigentlich an den Westen angelehnt haben, sondern auch sehr stark auf die eigene Geschichte eingegangen sind. Und insofern war es eigentlich immer so eine hybride Situation: Einerseits Einflüsse aus dem Osten, andererseits Einflüsse aus dem Westen, und viel, viel Arbeit auch mit der eigenen Geschichte, und gegen das Vergessen zu protestieren, und so irgendwie Erinnerungen aus dynamischem Prozess herzustellen. Das findet man bei all diesen Künstlern dieser Generation.

Pokatzky: Was hat ihn am deutlichsten, wer hat ihn am nachhaltigsten geprägt?

Obrist: Ich glaube auf jeden Fall, dass die chinesische Geschichte sehr stark geprägt hat, und gleichzeitig dann der Kontakt während seiner New Yorker Jahre mit der westlichen Kunstwelt, das Entdecken von Positionen eben wie Warhol und Beuys. Ich glaube nicht, dass es diesen einen Einfluss gibt, ich glaube, dass es irgendwie sehr viele Begegnungen gab, und irgendwann hat das ja dann auch die Architektur ausgelöst, er hat begonnen mit Architektur zu experimentieren und ist dann dem japanischen Architekten Shigeru Ban begegnet. Und Shigeru Ban sagte ihm, er fände das sehr interessant, und das war dann auch für ihn, also für Ai Weiwei, eine Ermutigung, mit dieser Architektur weiterzumachen, und er wurde ja zu einem der aktivsten Architekten in China der letzten Jahre, er hat nicht nur sein eigenes Studiohaus gebaut, sehr viele Häuser für andere Menschen gebaut, Kulturzentren gebaut, unter anderem auch einen Park, den Ai Quing-Kulturpark in China gebaut, er hat ein Museum für Topferei, also das neolythische Pottery-Museum gebaut.

Und das alles kulminierte dann in dem olympischen Stadion, also das Bird Nest, das für die Olympischen Spiele 2005 bis 2008 – das wurde während drei Jahren mit Herzog & de Meuron gebaut und ist Ai Weiweis größtes architektonisches Projekt. Und dann: Sein Kuratieren war ja immer auch wichtig, also anfänglich eben bei seiner Rückkehr nach China, das kuratieren von Kunst, aber dann im Verlaufe der 2000er-Jahre auch das Kuratieren von Architektur. Und eines der größten Projekte ist sicher auch dieses architektonische Projekt in der Mongolei. Da geht es ein bisschen fast um eine Weißenhofsiedlung des 21. Jahrhunderts, wo eben in Stuttgart diese ganzen Modellhäuser der architektonischen Moderne stehen, die man heute auch quasi als permanente Ausstellung besuchen kann. Auf ähnliche Weise versucht Ai Weiwei in der Mongolei mit an die 100 Architekten und Architektinnen unserer Zeit, vor allem einer jüngeren Generation, die bisher nicht so viel Gelegenheit haben, auch zu bauen, die da einzuladen und ein Modellhaus für das 21. Jahrhundert zu erstellen, und das ist sicher eine der faszinierendsten Gruppenausstellungen, weil so kann man sagen: Diese 100 Häuser sind quasi eine Gruppenausstellung, die dann permanent sein kann. Und das ist wiederum auch eine Zusammenarbeit mit Herzog & de Meurand, das Kuratieren dieses Projektes.

Pokatzky: Ich spreche mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist, dessen Interviewband mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei heute erscheint. Herr Obrist, Sie haben im Laufe von zehn Jahren hinweg immer wieder Interviews mit Ai Weiwei geführt. Gerade seine Beteiligung am Olympiastadion in Peking – war das vielleicht auch ein Anzeichen von Resignation oder hat er versucht, sich auch so ein bisschen so zu arrangieren in dieser Balance zwischen dem Regimekritiker und dem, der sich ja doch letztlich auch mit dem Regime gut halten muss?

Obrist: Ja, ich glaube auch, was sicher interessant ist, ist, dass es bei der Architektur halt oftmals um anwendbare Modelle geht. Es ist eben nicht wie bei einer Skulptur oder einer Installation, wo er einfach frei bauen kann. Und ich glaube, diese Constraints, diese Einschränkungen, haben ihn einerseits sehr interessiert und sind andererseits natürlich auch für einen Künstler frustrierend. Das ist ja auch etwas, was er in den Gesprächen anspricht. Aber das ist eine Spannung immer zwischen Kunst und Architektur, die er als Künstler eben nicht so in diesem Sinne gewohnt ist, mit diesen anwendbaren Modellen zu arbeiten, natürlich sehr stark empfindet. Und deshalb gab es auch immer wieder Momente, wo ihm diese ganze Sache mit der Architektur zu viel wurde und er sich eigentlich da wieder zurückziehen wollte.

Pokatzky: Gleichzeitig mit Ihrem Buch erscheint heute ein Band mit Blogs von Ai Weiwei, "Macht euch keine Illusionen über mich – der verbotene Blog". Wie wichtig sind die Blogs überhaupt im Werk von Ai Weiwei?

Obrist: Ja, über solche Blogs spricht er auch in den Interviews, da gibt es ein ganzes Kapitel. Und das ist einerseits ein Notizbuch – für einen Künstler des 21. Jahrhunderts ist das ein Ort, wo er Ideen skizziert, tägliche Notizen macht, auch seine ganzen Fotos, eben zeigt tausende und tausende von Fotos –, ist gleichzeitig aber auch ein Ort, wo das Schreiben wieder wichtiger wurde, weil ja angesprochen, vorher gab es sehr früh diese Schnittstelle zur Poesie, zur Literatur, und es gibt ja bei ihm auch immer das schriftstellerische Werk, und das ist sicher durch den Blog sehr stark aktiviert worden. Er hat während der Jahre, seit er den Blog macht, sehr, sehr viel mehr geschrieben. Und viele dieser Texte sind ja jetzt auch veröffentlicht.

Pokatzky: Wie schätzen Sie das ein: Hat die Inhaftierung und jetzt der Hausarrest, haben die Ai Weiweis Spontanität, oder vielleicht haben sie auch seine Radikalität verändert?

Obrist: Tja, man kann nicht über Zukunft spekulieren, weil das kann man mit der Kunst nie. Und gerade für einen Kurator wäre es völlig falsch, zu spekulieren, weil das Großartige ist ja, dass Kunst uns immer überrascht. Es gab ja diese berühmte Diskussion mit Djagilew, dem Begründer des Ballets Russes, und der sprach mit … und da ging es immer wieder um dieses Etonnez-moi, überrasche mich, und diese Idee des Unerwarteten, dass wir nie wissen, was der nächste Schritt ist, ist jetzt ja das Interessante.

Pokatzky: Danke, Hans-Ulrich Obrist. Ihr Buch "Ai Weiwei spricht" mit Interviews mit Ai Weiwei erscheint heute im Carl Hanser Verlag, aus dem Englischen von Andreas Wirtensohn übertragen. Der Band hat 144 Seiten, kostet 14,90 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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