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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.01.2009

"Er hat uns den Weg geebnet"

Volker Koepp zum Tod von DEFA-Regisseur Karl Gass

Volker Koepp im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Karl Gass, der "Nestor des DEFA-Dokumentarfilms", ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Gass, der 1917 in Mannheim geboren wurde, hat in zahlreichen Filmen den Alltag und die Probleme der DDR filmisch festgehalten. Der Filmemacher Volker Koepp betonte, Gass habe ihm "die Liebe zum Dokumentarfilm beigebracht und hat dann auch schützend die Hand über uns gehalten".

Liane von Billerbeck: In fünf Tagen wäre er 92 Jahre alt geworden, der "Nestor" des DEFA-Dokumentarfilms Karl Gass. 1917 in Mannheim geboren, hat er nach fünf Jahren in Wehrmachtsuniform auf einen radikalen Neubeginn in Deutschland gehofft und als Radiojournalist in Köln auch gegen all jene angeschrieben, die trotz ihrer Verstrickung in die NS-Zeit unbelastet weitermachten. Als er gespürt hat, wie unerwünscht solche Beiträge waren, hat er die Konsequenz gezogen und ging von Westdeutschland nach Ostberlin. Und dort landete er nach dem Berliner Rundfunk bei der DEFA und begann, Dok-Filme zu drehen. Bis in die 60er-Jahre hinein durchaus propagandistisch, aber dann immer mehr Filme über den Alltag in der DDR. Und als das Ende der 70er-Jahre nach der Ausbürgerung von Biermann nicht mehr ging, da wandte er sich historischen Streifen zu. "Das Jahr 45" oder "Jeder konnte es sehen" beispielsweise, die Sie vielleicht auch noch in Erinnerung haben und die eine ganze Generation von Dokumentarfilmern geprägt haben. Winfried Junge beispielsweise, dessen Langzeitreportage "Die Kinder von Golzow" ja fast legendär ist, und auch den Filmemacher Volker Koepp, dessen Filme Sie kennen, "Wittstock, Wittstock" über die Näherinnen, die nach der Wende eine Odyssee von Umschulungsmaßnahmen durchlebten, "Die Wismut" oder "Herr Zwilling und Frau Zuckermann", "Die Uckermark" und im vorigen Jahr "Söhne" und "Holunderblüte". Und mit Volker Koepp bin ich jetzt verbunden, um mit ihm über Karl Gass zu sprechen. Herr Koepp, ich grüße Sie!

Volker Koepp: Ja, guten Tag!

von Billerbeck: Die "Berliner Zeitung" hat Ihren Nachruf auf Karl Gass mit der Zeile überschrieben, "Ein Visionär des Realismus". Wer war Karl Gass für Sie?

Koepp: Ja, als ich das heute früh in der "Berliner Zeitung" las, also dann geht es ja erst mal immer zurück in die Zeit, in der man sich kennenlernte, und es war bei mir also die Filmhochschulzeit in den 60er-Jahren und es war eine ziemlich politisch komplizierte Zeit. Also es war an der Filmhochschule 67/68, also es war nach dem 11. Plenum, es gab auch relativ wenig Studenten.

von Billerbeck: Das 11. Plenum, vielleicht erinnern Sie noch mal dran, was da beschlossen wurde, das wissen, glaube ich, nicht mehr alle Hörer.

Koepp: Das war das Plenum, auf dem beschlossen wurde, viele Filme zu verbieten, die bei der DEFA gemacht wurden, die gewissermaßen einen Aufbruch, wenn man so will, auch eine parallele Entwicklung zu Prag waren. Da war ich da, und Karl Gass leitete damals eine Klasse an der Filmhochschule für Dokumentarfilmer. Ich war in so einer Parallelklasse, das war eigentlich eine Spielfilmausbildung. Und ich habe dann aber mit Sibel und Konrad Weiß, mit denen ich befreundet war, die in seiner Klasse waren, auch zusammen gearbeitet und habe mit Sibel dann meinen ersten Dokumentarfilm damals auch gemacht. Und dann war eine ganz merkwürdige Zeit, es war dann Prag … Gerade war in Babelsberg vor zwei Wochen so eine Erinnerung daran, dass 40 Jahre Exmatrikulation von Thomas Brasch, der damals in den Knast kam. Und ich flog dann auch so halb raus, und Gass, den ich dann so nach und nach kennenlernte, holte mich, nachdem ich so ein halbes Jahr nichts zu tun hatte, als Koregisseur für so einen Episodenfilm zu sich in die Gruppe, und da habe ich dann was gemacht, einen Film über eine Gießerei in der Nähe von Dresden.

von Billerbeck: Er hat sozusagen die Hand über Sie gehalten?

Koepp: Ja, ja, also es war, ja, später dann auf jeden Fall, denn es ging dann … und wir kannten natürlich seine Versuche, sich der DDR-Wirklichkeit zu nähern, also der Film "Feierabend", das war auch so eine Parallelentwicklung, wie es bei Böttcher und Gass … Also er hat uns sozusagen die Liebe zum Dokumentarfilm beigebracht und hat dann auch, ja, schützend die Hand über uns gehalten. Denn es war so, ich habe dann später mal in den Akten, die waren da zusammengefasst …

von Billerbeck: Sie müssen sich kurzfassen, Herr Koepp!

Koepp: … in einem Operativvorgang Widersacher. Und da stand drin, dass die negativen Kräfte sich schon wieder in der Gruppe Gass zusammenfinden, und er hat uns sehr, also er hat uns den Weg geebnet.

von Billerbeck: Volker Koepp war das, mein Gesprächspartner über den Dokumentarfilmer Karl Gass, der eben gestorben ist.

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