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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.06.2012

"Er hat die Trümmer gesehen"

Anselm-Kiefer-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn

Von Ulrike Gondorf

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Zwei Frauen schauen sich am Dienstag in Bonn in der Ausstellung "Am Anfang - Anselm Kiefer" das Werk "Frauen in der Antike" an. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Zwei Frauen schauen sich am Dienstag in Bonn in der Ausstellung "Am Anfang - Anselm Kiefer" das Werk "Frauen in der Antike" an. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Wie kaum ein anderer Künstler beschäftigt sich Kiefer mit dem Zweiten Weltkrieg, Holocaust und ethischen Fragen politischen Handelns. 2008 wurde er dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt die weltgrößte Kiefer-Sammlung.

"Am Anfang" muss man mal tief Luft holen. Der erste Eindruck der Bonner Anselm-Kiefer-Ausstellung ist überwältigend. Im großen Ausstellungsbereich im Erdgeschoss gibt es fast keine Trennwände, der Raum ist luftig und weit, und ringsherum hängen Kiefers monumentale, dunkel-erdig-schwere Bilder. Aus großer Distanz kann man sich jedem von ihnen nähern. Ausstellungsmacherin Susanne Kleine wollte die Sogkraft dieser traumartigen Seelen-Landschaften zur Geltung bringen:

"Das ist das Schöne, dass man Teil wird, man das Gefühl hat, man geht hinein in diesen Kosmos."

Wenn man sich dann diesen ziehenden Wolken, heranrollenden Wellen, schroff aufragenden Wipfeln, schrundigen Böden, verbrannten Wäldern nähert, verwandelt sich alles in kraftstrotzende Malerei, die so unmittelbar wirkt, als wäre die dick und reliefartig aufgetragene, von den Spuren der Malwerkzeuge durchzogene Farbe noch gar nicht trocken. Aber Farbe allein genügt Anselm Kiefer ja gar nicht, in die Oberflächen seiner Bilder hat er Metall, Teer, Haare, Pflanzen, Holz, Textilien und einmal sogar eine ausgestopfte Gans hineingearbeitet:

"Hinzu kommt, dass bestimmte Applikationen zu finden sind, Flugzeuge aus Blei vor dem Bild, Sonnenblumen oder Mohnblüten, man muss sich vom zweidimensionalen Bild verabschieden und in den Raum gehen."

Und dann beginnen die Fragen nach der Bedeutung der Bilder, oft vom Künstler angestoßen durch Inschriften oder rätselhafte Titel wie "Wege der Weltweisheit", "Böhmen liegt am Meer" oder "Jacobs himmlisches Blut." Anselm Kiefer bezieht sich auf die Kabbala und das Alte Testament, Literatur, Musik, Naturwissenschaft, Philosophie mit seiner Malerei. Und vor allem ein Thema treibt ihn um: die deutsche Vergangenheit mit Krieg und Holocaust:

"Er ist '45 geboren, er hat die Trümmer gesehen, die zerstörte Erde gesehen, für ihn war es ein Bedürfnis, das Ganze zu verstehen und auf die Spurensuche zu gehen. Und dieses zeichnet ihn bis heute aus, dass er versucht, hinter die Dinge zu schauen, zu sagen: wie kommt das dazu, dass diese Katastrophe in Deutschland passiert ist, dieses Hinterfragen, das ist aus der persönlichen Biographie, aus einem Jungen, der in diese Zeit geboren wurde, und versucht hat zu verstehen."

Diese obsessive, bohrende Geschichtsbefragung mit den Mitteln der Malerei ist in den 24 auch mehrteiligen Bildern und Bildfolgen der Sammlung Grothe konzentriert nachzuvollziehen. Daneben kann die Schau auch den Bildhauer und Installationskünstler Anselm Kiefer, der in den Museen weniger stark vertreten ist als der Maler, gut dokumentieren. Mit der "Volkszählung" von 1987 etwa, einer Arbeit, mit der Kiefer zur aktuellen Tagespolitik Stellung bezogen hat. Es ist ein Blechcontainer, in dem wie in einer riesigen Registratur Aktendeckel aus Bleiplatten hängen. Dahinein sind 60 Millionen Erbsen gepresst - so viele Einwohner hatte die Bundesrepublik zum Zeitpunkt dieser umstrittenen Volkszählung. Weitere große Installationen sind erst in den letzten Jahren entstanden:

"Ich finde, dass die Skulptur mehr in den Vordergrund gerückt ist, dass der Raum mehr im Vordergrund steht, das Thema Panorama ist ein neuer Aspekt, dass er sich mit dem Bergpanorama beschäftigt."

Das 22 Meter lange Gebirgspanorama ist die jüngste Arbeit in der Sammlung Grothe, entstanden 2011. Vier Jahrzehnte des Schaffens von Anselm Kiefer dokumentiert diese Kollektion, in repräsentativen Beispielen, die in der großzügigen Präsentation durch die Bundeskunsthalle eine starke Wirkung entfalten. Aber Ausstellungsmacherin Susanne Kleine ist sich natürlich auch bewusst, dass diese in letzter Zeit überall stark zunehmende Zusammenarbeit nicht unproblematisch ist: ein Museum adelt die Werke eines privaten Sammlers und steigert damit auch deren materiellen Wert. Der Eigentümer kann sie jederzeit verkaufen und diesen Profit mitnehmen:

"Herr Grothe hat sich entschlossen, diese Sammlung zusammenzuhalten, aber es wäre naiv zu denken, dass es nicht ein Kreislauf wäre, in den man sich da hineinbegibt."

Ein Kreislauf, den zu durchbrechen immer schwieriger wird, je mehr die Museumsetats schrumpfen:

"Aber ich muss sagen, es funktioniert nicht anders. Es gibt wenige Museen, die ohne privates Engagement auskommen, schauen Sie sich das MoMA an, was wäre das ohne Private. Die Frage ist nur, wie weit hat der private Sammler Einfluss auf den Inhalt des Museums, da muss man vorsichtig sein und präzise absprechen, wessen Bereich ist was."

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