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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.06.2011

"Er frisst ratzeputz allles kahl"

Umweltexperte über den gefährlichen Eichenprozessionsspinner

Matthias Freude im Gespräch mit Joachim Scholl

Die Prozessionsspinner haben es auf Eichen abgesehen. (Armin v Werner)
Die Prozessionsspinner haben es auf Eichen abgesehen. (Armin v Werner)

Bis vor Kurzem war der Eichenprozessionsspinner noch weitgehend unbekannt, jetzt bedroht er ganze Eichenbestände. Dabei leiden die Bäume eh schon unter dem Klimawandel, sagt Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg.

Joachim Scholl: Bis vor wenigen Jahren war er in Deutschland weitgehend unbekannt, der Eichenprozessionsspinner. So nennt sich eine Raupe, die auf Baumrinden in langer Prozession ihre Nahrung sucht – vornehmlich auf Eichen, so der Name natürlich –, und diese so ratzeputz kahlfrisst, dass etwa in Sachsen-Anhalt schon ganze Eichenbestände abgestorben sind. Auch Menschen sollten sich vor dem Insekt hüten, seine giftigen Härchen können schwere Allergien auslösen. Ich bin jetzt verbunden mit Matthias Freude. Er ist Präsident des brandenburgischen Landesumweltamtes. Guten Tag, Herr Freude!

Matthias Freude: Ich grüße Sie!

Scholl: Was ist das eigentlich für ein Tier, dieser Eichenprozessionsspinner, wo kommt der her?

Freude: Der Falter selber ist ein ganz unscheinbares zwei, drei Zentimeter langes, bräunliches Schmetterlingslein, nachtlebend, fällt überhaupt keinem auf. Was uns interessiert, und was Sie auch gerade beschrieben haben, das ist die Raupe. Kleine Raupe bis große Raupe, fünf, sechs Häutungsstadien, wie das Raupen so machen, und die gab es tatsächlich vor 20, 30 Jahren extrem selten bei uns. Ich habe meine ersten Erlebnisse damit vor – was weiß ich – 20 Jahren irgendwo am Schwarzen Meer gemacht, da war das was ganz Besonderes.

Und wenn die da so hintereinander herlaufen – übrigens laufen die das nicht, wenn sie es bei der Nahrungssuche machen, die laufen, die kleinen Raupen, hintereinander her, deshalb auch der Name Prozessionsspinner, wie Prozession, immer eine Reihe, laufen die, wenn die vom Fressen kommen, in der Mittagshitze, zum Beispiel bei 20, 25, 30 Grad gehen die immer – über den Mittag – in ihr Raupengespinst. Da haben sie so ein kleines Zelt, da übersteht man die heiße Zeit gut, und da geht es den Raupen gut. Abends geht es dann wieder raus. Also das ist der Grund für die Wanderung, und meine Studenten, die machen sich mitunter den Spaß, die lassen das Ende der Raupenkette stecken sie an den Anfang, oder setzen die letzte Raupe zum Anfang, und dann laufen die immer im Kreis. So kann man sich auch Späße machen mit einem Tierchen, was nicht ganz so ungefährlich ist.

Scholl: Wäre ja vielleicht auch eine Methode, den Eichenbestand ein wenig zu schützen. Was richtet denn der Eichenprozessionsspinner denn so schreckliches an?

Freude: Erst mal bei den Eichen – Sie haben es ja beschrieben –, er frisst ratzeputz alles kahl. Er lässt die Mittelrippen meistens stehen. Ich weiß es genau, denn wenn ich hier aus dem Fenster schaue, dann schaue ich genau in Eichenwipfel rein, und da hat er das gerade gemacht in den letzten drei Wochen. Es macht der Eiche normalerweise nicht so viel aus, ein Kahlfraß, denn es gibt im Juli in der Regel noch einen neuen Austrieb, der heißt doch richtig Johanni-Austrieb, aber wenn das gleiche zwei, drei, vier Jahre hintereinander passiert – und das ist jetzt der Fall –, dann bringt es wirklich ganze Eichenbestände zum Absterben. Sachsen-Anhalt, Sie haben es gesagt, in Brandenburg sieht es in vielen Bereichen nicht viel besser aus.

Scholl: Und auch der Mensch soll sich vor diesem Spinner in Acht nehmen. Was kann passieren, wenn man mit ihm in Kontakt kommt?

Freude: Bei der Raupe des Spinners in Acht nehmen, denn diese Raupe hat – wie übrigens etliche andere Raupen von Nachtfaltern auch – eine starke Behaarung. Zuerst mal nicht sehr schlimm, ist auch nicht so gefährlich. Aber zwischen den längeren Haaren, die man als Mensch auch ganz einfach sehen kann – ein bisschen unangenehm, würde man nicht so richtig gerne anfassen –, sind so ein zehntel Millimeter lange kleine Stechborsten. Und wenn man die anfasst – oder wenn die aus dem Raupennest dann, das geht ein, zwei Jahre später auch noch, wenn die Nester zerfallen sind, wenn die vom Wind verblasen werden –, wenn man die an die Haut kriegt, dann haben die kleine Widerhäkchen, haken sich ein, und in den Härchen drin, da ist dann Nesselgift, das entleert sich und das gibt böse allergische Reaktionen. Ich weiß, wovon ich rede! Da hilft dann nur fix Kleidung wechseln, duschen und im Problemfall auch eine Kortisonsalbe – das macht der Arzt dann übrigens auch – draufschmieren, dass die allergischen Reaktionen zurückgehen. Ist also nicht ganz ohne!

Scholl: In Brandenburg soll ein Viertel der Landesfläche betroffen sein von dieser Invasion des Eichenprozessionsspinners. Was ist denn dagegen zu tun, Herr Freude?

Freude: Also, es ist nicht ein Viertel der Landesfläche, sondern ein Viertel der Waldfläche. Das ist ein Unterschied. Und gerade die Eichen, die sich eigentlich eh schon mit dem Klimawandel nicht so leicht tun, die kriegen jetzt noch einen von einem solchen gänsefüßigen Schädling übergeholfen, ist nicht so einfach.

Normalerweise hilft sich die Natur selber. Das hat sie die letzten Jahrtausende immer gemacht, macht sie auch in Südeuropa. Aber jetzt ist es eben ein neues Phänomen, kommt zusammen mit der starken Klimaerwärmung, und gerade mit den Frühjahrstrockenheiten, deshalb auch dieses Jahr wieder klassisch: ein unglaublich warmer und trockener April, das hilft diesen Raupen sehr beim Überleben. Und jetzt kommt eben mehr als früher. Man kann spritzen, es gibt da ein BT, das ist ein Bakteriengift, das extrahiert man aus den Bakterien, das wird dann gesprüht, das bringt die Raupen zum Absterben. Also, sie können sich dann nicht mehr häuten. Das kann man machen, aber es sind sehr große Flächen betroffen, und innerhalb von Ortschaften ist dieses Mittel auch nicht zugelassen. Also nicht so einfach, das Ganze.

Scholl: Der gefährliche Eichenprozessionsspinner ist auf dem Vormarsch! Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Präsidenten des Landesumweltamtes in Brandenburg, Matthias Freude. Nun heißt es aus verschiedenen wissenschaftlichen Quellen, dass diese Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners Symptom und Folge des Klimawandels sei. Inwiefern?

Freude: Liegt auf der Hand, das Ganze. Er ist ein wärmeliebendes Tier, das sich mit dem warmen Frühjahr – vor allen Dingen Frühjahr, Sommer kommt hinzu – sehr, sehr stark in den letzten 15, 10 Jahren ausgebreitet hat. 2003 hatten wir schon einen ganz, ganz gravierenden Höhepunkt hier. Gerade in Ostdeutschland ist das eh schon ein bisschen kontinentaler getönt, hier das Klima. Dieses nimmt zu – übrigens nicht nur beim Eichenprozessionsspinner, da nimmt man es nur wahr, weil das diese bösen allergischen Reaktionen gibt – übrigens, die Arztzimmer sind voll davon mit solchen Patienten – diese allergischen Reaktionen gibt.

Es gibt ganz, ganz viele, die der normale Mensch überhaupt nicht wahrnimmt: Steppengelbling ist zum Beispiel – der hat wenigstens einen deutschen Namen! Die meisten, die da zu uns kommen – und es sind Dutzende im Jahr! –, die haben noch gar keine deutschen Namen; oder die Feuerlibelle, die erkennt man auch, weil das Männchen sieht wirklich aus wie das feuerrote Spielmobil, das erkennt man. Bei uns sind ein Drittel aller Libellenarten schon neu. Es ist ein unglaublicher Artenwandel im Gange, der gerade läuft. Und an dieser einen Art – Prozessionsspinner, Eichenprozessionsspinner, nehmen wir sie gerade zur Kenntnis.

Scholl: Aber noch mal, Herr Freude, was ist sozusagen dann aus dem Gleichgewicht geraten, dass diese Insektenarten oder diese verschiedenen Insektenarten, die Sie jetzt ja schon genannt haben, sich so massenhaft dann ausbreiten können. Da muss ja irgendwie im Gleichgewicht was verschoben sein.

Freude: Na gut, so ein richtiges Gleichgewicht in der Natur gibt es nie, aber es hat sich extrem viel verschoben. Wenn Sie ein Grad oder auch nur ein Dreiviertel Grad höhere Temperaturen jetzt haben im Vergleich vor 20, 30 Jahren, und sehr, sehr viel trockenere Frühjahre, dann halten es viele Arten nicht mehr aus. Das ist – ich sage es noch mal – eine unglaubliche Artenverschiebung, die verschieben sich alle nach Norden und Nordosten. Das ist, was jetzt im Gange ist, das haben wir seit der Eiszeit nicht erlebt, und in der Größenordnung wahrscheinlich überhaupt nicht in der Geschwindigkeit, die kommt. Das betrifft Tiere, Pflanzen – und dieses Beispiel wird halt gerade auffällig bei uns.

Scholl: Was bedeuten diese Invasorenströme denn für unser Ökosystem?

Freude: Es wird wenig bleiben, wie es ist, und das ist das ausgesprochen Beunruhigende dran. Es gibt Hochrechnungen, da haben sich wirklich ganze Forschergruppen jahrelang Mühe gemacht, und die sagen: In 50 Jahren werden bei uns irgendwas zwischen 25 und 33 Prozent aller Arten weg sein. Die werden ausgetauscht sein durch südlichere Arten, werden weg … große Aussterbewelle wird kommen, jetzt nehmen die Arten übrigens noch zu! Weil sehr viele südliche und südwestliche, südöstliche Arten kommen, aber dann kommt die große Aussterbewelle. Dieses ist wahrscheinlich nicht mehr abzuwenden, das Ganze. Ist ein sehr – wenn man das so sieht – eine sehr, sehr beunruhigende Vorstellung.

Scholl: In dem Zusammenhang: Was macht eigentlich die alte Miniermotte, vor der wurde doch immer jährlich gewarnt?

Freude: Ja, klar, wenn sie draußen die Kastanien angucken, dann ist sie dieses Jahr sehr, sehr früh dran gewesen. Natürlich haben wir das Problem auch noch – wir reden jetzt aber gerade über den Prozessionsspinner, und das ist das andere Problem verdrängt! Wir haben eine Menge davon gerade! Denken Sie an die Auwaldzecke, wir haben jetzt die Auwaldzecke seit ganz wenigen Jahren neu bei uns, tödlich übrigens für Hunde, oder auch unsere üblichen Holzböcke, die sind jetzt auch im Winter oder zeitig im Frühjahr bis in den November, Dezember hinein aktiv. Die stechen natürlich auch mehr! Deshalb mehr Borreliose oder Gehirnhautentzündung. Es hängen ganz, ganz viele Probleme damit zusammen, da wird sich der eine oder andere noch wundern.

Scholl: Hat denn der Eichenprozessionsspinner, der kleine Racker, keine natürlichen Feinde? Ich meine, so eine Raupe könnte doch auch Vögeln ganz gut schmecken?

Freude: Ja, es sind ja die Vögel auch drauf programmiert, mit ihrer Jungenaufzucht gerade in die Zeit zu kommen, wo es normalerweise kleine Räupchen gibt, aber die ist so stark behaart, und mit ihrem Nesselgift – da wagt sich ein einziger Vogel ran, das ist der Kuckuck. Und die Kuckucke der ganzen Welt, die mögen so behaarte Raupen. Und der beste Schutz übrigens, den diese Brennhaare und die Haare machen, sind gegen Ameisen. Ameisen sind eigentlich die größten Räuber für Raupen von der Masse her, von der Anzahl her, dass die Vögel nicht so ins Gewicht fallen. Also: Nur der Kuckuck schafft das, ansonsten ist es ein wunderbarer Schutz. Übrigens auch genau wie die kleinen Zelte, die sich diese Prozessionsspinner spannen, da gibt es noch verwandte Arten. Die sind dann noch cleverer, die bauen sich noch bessere Zelte, wo man, wenn es heiß ist, zehn, zwölf Grad weniger hohe Temperaturen hat und in der Nacht 13, 14 Grad höhere Temperaturen, am Tag geringere Temperaturen – also die haben ausgeklügelte Überlebenssysteme. Deshalb ist es auch so schwer, die zu bekämpfen, denn Pestizide, die man auch aus der Luft anbringt, die kommen durch diese Raupengespinste einfach nicht durch, da lässt sich es als Prozessionsspinner oder als Gespinstmotte gut drin überleben.

Scholl: Vorsicht vor dem Eichenprozessionsspinner! Das war Matthias Freude. Er ist Professor für Zoologie und Präsident des Brandenburgischen Landesumweltamtes. Danke Ihnen für das Gespräch, Herr Freude!

Freude: Danke Ihnen auch, wiederhören!

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