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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.01.2014

EntwicklungshilfeGlobale Senioren-Solidarität

Alfred Hoffmann spricht über seinen Verein zur Unterstützung älterer Menschen in Kamerun

Moderation: Nana Brink

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Traditionelle Rundhütten in einem kleinen Potokwu-Dorf nahe Mora im Norden von Kamerun. Die Hütten sind aus Steinen, Lehm und Stroh gefertigt.  (picture-alliance / dpa / Foto: quadrat)
Traditionelle Rundhütten im Norden von Kamerun - hier kam Alfred Hoffmann auf seine Idee, einen Verein für Senioren zu gründen. (picture-alliance / dpa / Foto: quadrat)

Laut UN wird es 2050 mehr Menschen über 60 als Kinder unter 15 Jahren geben. In Afrika ist das Leben älterer Menschen oft von bitterer Armut bestimmt. Alfred Hoffmann von der "Seniorenhilfe Kamerun" hilft mit Versorgungszentren und Hilfsgütern vor Ort.

Nana Brink: Wenn wir Bilder von Hilfsorganisationen aus Afrika sehen, dann blicken uns meistens Kinder an. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist auch das Leben älterer Menschen von bitterer Armut bestimmt. Nach den Berechnungen der Vereinten Nationen wird es 2050 erstmals mehr Menschen über 60 als Kinder unter 15 Jahren geben und erst langsam stellen sich auch die Hilfsorganisationen darauf ein. Ein Verein macht das schon seit 2011: die Seniorenhilfe für Kamerun, und Alfred Hoffmann arbeitet für sie. Schönen guten Morgen, Herr Hoffmann!

Alfred Hoffmann: Guten Morgen, Frau Brink.

Brink: Sie waren selbst in Kamerun. Mit welchen Eindrücken sind Sie zurückgekommen?

Hoffmann: Ich war mehrmals jetzt in Kamerun, und zwar im Nordwesten Kameruns - das ist der englischsprachige Teil -, ja, und bin mit vielen Fragen, mit vielen Zweifeln, mit vielen Ideen wiedergekommen, ob der unglaublich bitteren Armut, unter der insbesondere die älteren Menschen dort leben. Für uns nahezu unvorstellbar, wie das Leben dort sich gestaltet.

Brink: Können Sie uns das ein bisschen beschreiben? Was haben Sie erlebt?

Hoffmann: Ein Beispiel: Wir haben eine Dame besucht, etwas über 70. Die lebt in einer Hütte. Und da es in Kamerun tagsüber sehr warm ist, ist das vom Klima her okay. Aber in der Nacht geht die Temperatur schon auf deutlich unter 20 Grad. Das heißt, wir erleben das als kühl. Weil sie keine Decken hat und weil sie auf dem Boden schläft, auf dem lehmigen Boden, hat sie sich in der Hütte eine Feuerstelle geschaffen, um einfach Wärme zu haben. Aber es gibt keinen Kamin, der Rauch ist einfach im Raum und das schlägt unmittelbar auf die Augen und man kann es kaum aushalten. Aber das ist die einzige Möglichkeit, die sie sieht, irgendwie die Nacht zu überstehen.

Eine bundesweite Organisation

Brink: Waren das denn unter anderem, auch diese Eindrücke, die Sie jetzt geschildert haben, der Beweggrund, diesen Verein zu gründen?

Hoffmann: Ja, weil wir gesagt haben, immer mehr Menschen werden weltweit alt, was eine wunderschöne Perspektive für uns alle ist, zumal die meisten Jahre ja auch gesunde Jahre sind. Aber die Bedingungen, unter denen Menschen alt werden, sind höchst unterschiedlich, wenn ich da die deutsche Diskussion vergleiche mit dem, was ich dort in Kamerun erlebt habe. Da entstand die Idee, etwas Globales auf den Weg zu bringen in Richtung globale Seniorensolidarität. Da ist so die Idee geboren: Wenn Senioren hier nur einen Euro pro Monat geben würden, dann würde das dort den Menschen unendlich viel mehr Möglichkeiten eröffnen.

Brink: Jetzt habe ich die Zahl der Senioren, es kommt aber immer darauf an, ab wann man sich als Senioren bezeichnet und zählt, da käme bestimmt eine ganz hohe Summe zusammen. Wie muss ich mir denn diese Gründung vorstellen? Sind Sie in Ihre Nachbarschaft gegangen, oder haben Sie Kollegen, ehemalige Arbeitskollegen gefragt? Wie hat das funktioniert?

Hoffmann: Ich bin beruflich im Seniorenbereich eh tätig und habe dann einfach von diesen Erfahrungen berichtet und habe dann Heimleiter gewinnen können, Geschäftsführer gewinnen können, einen Steuerberater. Es ist eine bundesweite Organisation und wir sind eine Gruppe von knapp 20 Personen, die sich engagieren für dieses Projekt.

Brink: Was tun Sie konkret in Kamerun? Oder vielleicht anders gefragt: Was können Sie tun?

Hoffmann: Wo wir im Moment den größten Hilfebedarf sehen, ist im Bereich der Sehfähigkeit. Sehen ist eine wesentliche Voraussetzung für Lebensqualität, um sein Alter einigermaßen meistern zu können, und dort gibt es sehr, sehr viele Senioren, die sehbeeinträchtigt sind. So haben wir als eine erste Aktion zusammen mit vielen Optikern etwa 5000 Brillen gesammelt und die nach Kamerun gebracht und dort sind die auch entsprechend an Senioren verteilt worden. Aber das waren Brillen, die man hier in den Schubladen hält, die einfach nicht mehr gebraucht werden, aber man schmeißt ja keine Brille weg.

Die haben wir gesammelt und dort ist es für viele Menschen eine deutliche Hilfe, auch wenn natürlich die Anpassung nur begrenzt ist. Da haben wir gesagt, es ist besser, wenn wir da vor Ort ein augenoptisches Versorgungszentrum aufbauen, wo dann auch die Brillen selbst vor Ort hergestellt werden können. Da schaffen wir im Moment die Voraussetzungen: einmal vor Ort, dass die Räumlichkeiten dort geschaffen werden und dass wir die Geräte und Materialien einsammeln, oder versuchen, in Form von Spenden …, um dann dort ein solches Zentrum aufzubauen, das erst mal lokal ist, und in einem zweiten Schritt sollen dann auch die Menschen, die im ländlichen Bereich dort leben, auch versorgt werden durch eine mobile Augenhilfe.

Aufbau kleiner Betriebe

Brink: Das heißt aber, Sie müssen dort mit den lokalen Organisationen oder den Behörden auch kooperieren. War das schwierig am Anfang?

Hoffmann: Es war insofern nicht schwierig, als wir von Anfang an einen Kooperationspartner hatten, der nennt sich, wenn ich das übersetze, heißt das "Regionale Zentren für die Wohlfahrt von Senioren in Kamerun", und die unterhalten bereits etwa so 52 kleinere Gruppen im ländlichen Bereich. Dort ist der Ansatz wirklich auch ganz interessant, dass man mit Hilfe von Freiwilligen die Menschen animiert, wieder etwas zu tun, etwas herzustellen. Es werden kleine Betriebe aufgebaut, wobei man Betriebe jetzt nicht so im deutschen Sinne verstehen darf, sondern, Betriebe sind kleine Werkstätten, wo Tischlerei gemacht wird oder wo eine kleine Hühnerfarm oder eine Schweinezucht, Ingweranbau stattfindet, so dass die älteren Menschen dort etwas Sinnhaftes tun, das auch verkaufen können auf dem Markt und dann entsprechend sich kennen, gemeinsam den Alltag gestalten, gemeinsam feiern, gemeinsam tanzen, gemeinsam singen, also auch ein soziales Leben sich dann wieder entwickelt. Das fand ich eine sehr, sehr überzeugende Arbeit, und dort ist sozusagen die Kooperation. Dann haben wir mittlerweile mehrere Container mit Hilfsgütern nach Kamerun geschickt, da entstanden erhebliche Kosten durch Zoll und Einfuhrgebühren, und da haben wir mit dem dortigen Gesundheits- und Sozialministerium eine Vereinbarung getroffen, dass in Zukunft keine öffentlichen Gebühren mehr erhoben werden.

Brink: Ganz kurze Frage noch zum Schluss, wie hat diese Arbeit Ihr Leben verändert, auch Ihre Vorstellung von Lebensabend?

Hoffmann: Es hat einmal die Wertschätzung, was wir hier in Deutschland haben, deutlich verändert. Man denkt, das sei alles normal, wie wir hier Alltag leben und was bei uns da ist, dass wir Straßen haben, dass wir Beleuchtung haben, dass wir Frischwasser haben, Abwasser da ist. Das ist eigentlich selbstverständlich, das stellt keiner mehr in Frage. Dort aber zu sehen, dass all das nicht gegeben ist, hat dermaßen meinen Blickwinkel verändert auf das, was ist wirklich wichtig im Leben, und daraus stammt dann die Idee, ob wir nicht ein bisschen mehr teilen können von dem, was wir hier im Überfluss und Überschuss haben.

Brink: Alfred Hoffmann arbeitet für die Seniorenhilfe in Kamerun. Herr Hoffmann, schönen Dank, dass Sie mit uns gesprochen haben.

Hoffmann: Ja! Ich danke Ihnen!

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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