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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 19.02.2017

Entwicklungshilfe durch SportPartner aus der Bundesliga gesucht

Von Frank Ulbricht

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(Deutschlandradio / Frank Ulbricht)
Als bisher einziger Bundesligist engagiert sich Hertha BSC bei der Kampagne "1000 Chancen für Afrika" (Deutschlandradio / Frank Ulbricht)

Sportprojekte im Dienst der Entwicklungshilfe: das gab es schon in den 1960er-Jahren, als Rudi Gutendorf im Auftrag des Auswärtigen Amts in fast 60 Ländern Fußballteams trainiert hat. Seit 2013 fördert das BMZ wieder verstärkt Sportangebote - mit welchem Erfolg?

1:0 in der ersten Minute. Gute Stimmung im Berliner Olympiastadion. Hertha BSC gegen den FC Ingolstadt. Zugegeben, keine Ansetzung, die große Fußballkunst verspricht. Aber ein Bundesligaspiel mit einer besonderen Aktion, die vor dem Anpfiff präsentiert wird. Bundesliga trifft auf Entwicklungspolitik.

Stadion-Sprecher: "Liebe Fußballfreunde, wir möchten euch jetzt die Initiative: 1000 Chancen für Afrika ans Herz legen."

"Mehr Platz für Sport" steht dazu in großen Buchstaben auf den Videoleinwänden.

"Mehr Platz für Sport" - eine Initiative des BMZ

Beim Einlaufen der Spieler werden die Flaggen aller Teilnehmer am Afrikacup geschwenkt. Es ist der Tag vor dem Finale, das Kamerun gewinnen wird.

"Mehr Platz für Sport – 1.000 Chancen für Afrika". Gestartet wurde die Initiative vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz BMZ. Um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen, suchte das Ministerium nach Partnern und konnte Hertha BSC als bisher einzigen Bundesliga-Verein für eine Zusammenarbeit gewinnen.

"Wir wollen aus dem entwicklungspolitischen Milieu der für diese Thematik Interessierten hinausgehen und auch die erreichen, die Entwicklungspolitik nicht sofort mit Sport in Verbindung bringen. Heißt, wir sind dabei auch mit Fußballvereinen der Bundesliga Partner zu finden, um zu sagen, schaut mal, richtet den Blick mal auf Afrika."

Bernhard Felmberg, leitender Beamter im Entwicklungsministerium.

Als bekennender Hertha-Fan hat er den Berliner Bundesligisten gezielt angesprochen. "Mehr Platz für Sport" - damit will das BMZ Trainer vor Ort ausbilden und Sportplätze bauen oder renovieren.

"Was hat Entwicklungspolitik eigentlich mit Sport zu tun? Oder warum muss Sport eigentlich eine wesentliche Komponente der Entwicklungspolitik sein? Ist anderes nicht eigentlich viel offensichtlicher, Bekämpfung der Armut, Hungerprävention und so weiter?"

Die Antwort liefert der 51-jährige Bernhard Felmberg gleich mit.

"Wir wissen, dass das Leben aus vielfältigen Bereichen besteht. Und der Sport gehört für junge Leute, für Kinder, auch für Erwachsene dazu. Und Sport verleiht im wahrsten Sinne des Wortes Flügel. Das heißt, ich bekomme Selbstbewusstsein, ich lerne Dinge für das Leben, in sportlichen Zusammenhängen."

Auf die Nachhaltigkeit kommt es an

Willi Lemke, bis 2016 Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport, hat weltweit viele deutsche und internationale Sportprojekte gesehen. Funktioniert hätten sie mal mehr, mal weniger:

"Da gibt es eben Projekte, die sind nachhaltig und da gibt es eben Projekte, die sind nicht nachhaltig. Ich habe von einem deutschen Projekt in Ägypten gehört, Tischtennis für Frauen in Kairo. Und bei einem Besuch in Ägypten habe ich dann darum gebeten, dass ich mir das Projekt anschauen kann. Hab dann die verantwortlichen Menschen in Kairo gefragt, wo ich mir das persönlich anschauen kann, was daraus geworden ist. Und dann wusste der zuständige Sportdirektor diese Frage nicht zu beantworten. Einen Tag später bekam ich dann die Antwort. Ja, das hätte es mal gegeben. Aber nachdem die Mittel aus Deutschland nicht mehr geflossen sind, ist das Projekt dann eingeschlafen."

Willi Lemke, UNO-Sonderberater für Sport (imago/nph)Willi Lemke, bis 2016 UNO-Sonderberater für Sport (imago/nph)

Zu viele Projekte, so Lemke, würden in Deutschland am Reißbrett geplant, ohne die Bedürfnisse der Leute vor Ort wirklich zu kennen.

"Ich würde sagen, geht bitte in die betroffenen Länder, macht entsprechende Ausschreibungen. Auf ganz unbürokratischem Weg. Bitte nicht mit 850 Seiten und vielen, vielen Fragen, die die zum Teil überhaupt nicht beantworten können. Und wenn sie dann es hinbekommen, eine unmittelbare Beteiligung der lokalen und nationalen Kräfte dort, die Verantwortung haben für Sport in den Ländern. Wenn sie die dazu kriegen, dass sie verstehen, dass das gut ist und dass sie sich auch daran beteiligen müssen, das nenne ich nachhaltig."

Vorbildlich findet Lemke zum Beispiel ein französisches Projekt in der Elfenbeinküste:

"Da ist der Staat unmittelbar daran beteiligt. Das waren auch im wesentlichen Trainer, die aus der Elfenbeinküste kamen. Und das fand ich sehr positiv. Und dieses Projekt, bin ich ziemlich sicher, das wird es auch noch heute geben. Weil die Menschen in Bouaké das angenommen haben."

47,5 Millionen in fünf Jahren für Sportprojekte

"Dieses Bild, da kommen, ich sage mal, die weißen Europäer, die alles wissen können und zeigen den Schwellen- und Entwicklungsländern, wie es geht, das war vielleicht mal der Ansatz in den 60er- und 70er-Jahren. Aber die moderne Entwicklungszusammenarbeit sieht für meine Begriffe ganz anders aus, sehr partnerschaftlich."

Karen Petry vom Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung an der Sporthochschule in Köln. Die Kritik von Willi Lemke kann sie nicht verstehen. Seit 2013 untersucht Petry Entwicklungsprojekte der Bundesregierung auf ihre Nachhaltigkeit.  

"Wir kommen mit dem Sport nicht neu in das Land und das ist nicht ein neuer Ansatz, sondern er wird integriert. Und meine Beobachtung ist die, dass die Kolleginnen und Kollegen über vielfältige Formen der partnerschaftlichen Zusammenarbeit vor Ort wirklich verfügen. Sehr viel, so genanntes lokales Personal, also Menschen die in den Ländern leben und arbeiten und dann eben im Dienste der deutschen Entwicklungszusammenarbeit diese Projekte umsetzen."

Seit 2013 fördert das Entwicklungsministerium verstärkt Projekte mit Sportangeboten. Bis zum nächsten Jahr will man dafür 47,5 Millionen Euro ausgeben.

Die integrierende Wirkung des Sports nutzen

"Der Sport hat mit Entwicklungshilfe nichts zu schaffen", meinte noch zu Beginn der 1970er-Jahre der damalige SPD-Entwicklungsminister Erhard Eppler.

Weniger Jahre später hatte sich seine Sichtweise deutlich verändert:

"Wir mussten begreifen, dass Sport im Dienste der Gesundheits- und Hygienepolitik, als Förderung des Nation-building dient. Die integrierende Wirkung des Sports sollte hier genutzt werden."

Bereits seit den 60er-Jahren werden Sportprojekte durch die Bundesrepublik im Ausland gefördert. Neben dem BMZ ist auch das Auswärtige Amt engagiert. Vor Ort werden die Projekte durch den Deutschen Fußballbund oder auch den Deutschen Olympischen Sportbund, kurz DOSB, betreut.

"In den Anfängen ging es häufig darum, Deutsche als Nationaltrainer ins Ausland zu entsenden, nach Afrika oder einige Länder Asiens. Das wird heute über öffentliche Mittel nicht mehr gemacht. Das heißt, wenn jetzt beispielsweise ein Winfried Schäfer in Kamerun, Thailand oder Jamaika trainiert, dann wird das natürlich nicht über öffentliche Mittel finanziert. Sondern das sind Privatverträge."

Katrin Grafarend, sie leitet beim DOSB das Ressort "Internationales" und ist zuständig für Sportprojekte in Entwicklungsländern.

Rudi Gutendorf: im Auftrag des Auswärtigen Amts in der ganzen Welt unterwegs

Der als Weltenbummler bekannt gewordene Rudi Gutendorf, mit Trainerstationen in fast 60 Ländern, verdankt seine Karriere weitestgehend der damaligen Praxis.

"Wenn ich in Afrika war, wollte ich eben in die Karibik. Und wenn ich in Japan Erfolg hatte, bin ich nach China. Und habe immer vom Auswärtigen Amt und vom DFB und von der FIFA diese Jobs vermittelt bekommen. Die auch nicht so toll bezahlt wurden, aber es war mir egal, der Weg ist das Ziel."

Der Ex-Profispieler und Fußballtrainer Rudi Gutendorf, aufgenommen am 11.06.2015 auf der Terasse eines Restaurants in Koblenz (picture alliance / dpa / Franz-Peter Tschauner)Der Ex-Profispieler und Fußballtrainer Rudi Gutendorf (picture alliance / dpa / Franz-Peter Tschauner)

1961 wurde Rudi Gutendorf Vereins-Trainer in Tunesien, seine erste Stelle in Afrika. Das Auswärtige Amt drängte zur schnellen Abreise aus Deutschland, denn auch die DDR hat einen Trainer angeboten, kostenlos. Ein Beamter im Auswärtigen Amt schwor Gutendorf ein:

"Wir müssen den Grotewohl-Kommunisten zuvorkommen, die unter dem Deckmantel des Sports die Jugend anderer Länder indoktrinieren möchten."

Sogar Kanzler Adenauer mischte sich ein und verabschiedete Gutendorf mit den Worten:

"Machen Se et jut da, Herr Jutendorf. Sonst nehmen die einen Trainer aus der Soffjetzone."

Entwicklungshilfe und Sport, das war zur damaligen Zeit also auch knallharte Politik.

Sport im Dienst des Systemkonflikts

(TV-Ausschnitt Heinz Florian Oertel:) "Und auch das ist ein Symbol dieses Tages, dieses internationalen Kampftages auch der Solidarität. Zwischen den Sportlern der Deutschen Demokratischen Republik, ein Sportler eines afrikanischen Nationalstaates. Seite an Seite mit ihren Sportskameraden aus der DDR, die ihnen viel Unterstützung gaben, viel Hilfe beim Aufbau eines eigenen Nationalsportes."

Reporter Heinz Florian Oertel am 1. Mai 1965. Die DDR war bereits in ihren Gründungsjahren in Afrika aktiv. Beide deutsche Staaten verfolgten hier auch diplomatische und ideologische Ziele.

"Man muss sich so ein bisschen in eine Zeitreise zurückversetzen und daran denken, dass ja insbesondere im ersten Jahrzehnt der DDR, in den 1950er-Jahren, die DDR ein immenses Interesse daran hatte, auch über den Sport international Flagge zu zeigen, sich zu positionieren, für sich zu werben, um natürlich die diplomatische Anerkennung voranzutreiben."

Der Berliner Sporthistoriker Daniel Lange.

"Das ist eigentlich die Triebfeder gewesen, die entscheidend war für die DDR im Konflikt natürlich mit der Bundesrepublik. Auch diese Suche nach Prestige war immer für die DDR eigentlich eine übergeordnete Komponente, die man beachten musste, wenn man an so ein entwicklungspolitisches Engagement im Ausland denkt."

Daniel Lange forscht seit Jahren über Sportprojekte der DDR in Afrika. Vor allem junge Nationalstaaten, die den sozialistischen Weg einschlugen, wollte man unterstützen. Hinter der Solidarität für Afrika, wie man in der DDR formulierte, steckten auch ökonomische Interessen. Auf Steinkohle aus Mosambik oder Kaffee aus Angola, darauf hoffte man im Austausch. Rohstoffe also, an denen im Arbeiter- und Bauernstaat Mangel herrschte.

Internationale Sportförderung im Fokus

In welchen Ländern heute Sportprojekte gefördert werden, dafür gibt es klare Bedingungen, nach möglichst objektiven Kriterien. Katrin Grafarend vom Deutschen Olympischen Sportbund: 

"Ganz vorne steht die Initiative aus dem Land. Das heißt, wir wollen, dass das Land Unterstützung in dem Bereich auch unbedingt möchte. Weil das Voraussetzung ist, dass sie letztlich auch mitarbeiten. Und nicht nur mitarbeiten, sondern teilweise auch mitfinanzieren, weil das nie eine 100-Prozentförderung ist, sondern die Länder sollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch mit in die Verantwortung genommen werden. Und natürlich muss eine Bedürftigkeit vorliegen. Wir folgen da der Einstufung der OECD. Das heißt, es profitieren nur die Länder von diesen Programmen, die zu den Entwicklungsländern oder Schwellenländern zählen."

Entwickelt Katrin Grafarend ein Projekt zusammen mit dem Außenministerium, steht gezielt die internationale Sportförderung im Mittelpunkt, entwicklungspolitische Erfolge sind hier nur ein willkommener Nebeneffekt. Etwa vier bis fünf Millionen Euro stellt das Auswärtige Amt in diesem Jahr dafür zur Verfügung.

Ganz anders beim Entwicklungsministerium, dem BMZ. Hier wird der Sport als Medium genutzt. Bernhard Felmberg:

"Sie haben die Möglichkeit, über Sport mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen, über Gesundheitsvorsorge, Aidsprävention. Das heißt, Sport heißt nicht nur, wir gehen auf den Platz und spielen Fußball, auch da kann man schon eine ganze Menge lernen, oder wir machen Leichtathletik zusammen. Wir verbinden das sozialpädagogisch, oder auch in Einheiten die deutlich machen, hier lernst du etwas zum Thema Gesundheit, hier wird dir deutlich, das Genderaspekte wichtig sind. Und damit ist bei informeller Bildung, ist bei Sport immer die Möglichkeit gegeben, Dinge zu schaffen, die du im schulischen Bereich nicht leisten kannst."

Genau das versucht Frank Albin umzusetzen. Von Deutschland sind es mehr als 8000 Kilometer bis zu seinem Projekt. Der Basketball-Trainer arbeitet in Windhoek, der Hauptstadt Namibias.

"Basketball Artists" in Namibia

Albin ist für den DOSB hier, seinen Einsatz fördert das Entwicklungsministerium. "Basketball Artist School" nennt sich Albins Projekt und besteht seit 2015.

"Warum heißen wir Basketball Artist? Das ist ganz einfach. Es sind zwar einerseits ganz normale Basketballspieler, also Mädchen und Jungen. Alter zwischen 11 und 18 Jahren im Moment. Und andererseits sind es aber auch Ballkünstler. Also Basketballartists, die auch mal eine Show machen, die auch mit den Bällen jonglieren, auch mal Tanz mit einbauen, Singen einbauen, auch mal ein bisschen trommeln."

Am Vormittag gehen die Kinder zunächst in die Schule, dann kommen sie zu Frank Albin. Die Abläufe sind ritualisiert, das sei wichtig, so der Trainer. Gestartet wird mit einem gemeinsamen Mittagessen, für viele die erste richtige Mahlzeit am Tag.

Bevor es auf den Platz geht, gibt es Nachhilfeunterricht, denn das Motto der Basketball-School laut: Education first, Basketball second. Also erst die Bildung, dann der Sport.

"Wobei education für uns nicht nur die Schulbildung ist, sondern auch Allgemeinbildung und auch Lifeskills. Also Kompetenzen zur Lebensbewältigung. Das ist deswegen ganz, ganz wichtig hier in Namibia, weil, jeder Zweite scheitert an der 10. Klasse. Das ist ein Riesenproblem schon seit vielen Jahren. Und deswegen sagen wir, mit Basketball alleine können wir denen nicht wirklich helfen. Sondern, die Bildung und die Ausbildung, das ist das was wirklich der Kern dieses kleinen Projektes der Basketball Artist-School ist. Aber natürlich, trotz allem sind wir eine Basketballschule, das heißt jeden Tag wird auch Basketball trainiert und gespielt."

Sport und Sozialarbeit aus einer Hand

Wer bei Frank Albin mitmachen will, der muss vor allem engagiert sein, regelmäßig und pünktlich zum Training erscheinen. Die Motivation, so der 45-Jährige, wäre bei den Kindern in Namibia, anders als bei vielen in Deutschland, kein Problem. Der gelernte Pädagoge betreut derzeit 50 Kinder und Jugendliche, vermutlich Tausende, sagt er, würden gern teilnehmen. 13 haben die 10. Klasse geschafft. Darauf ist Frank Albin stolz. Noch zwei Jahre wird seine Basketball-Artist-School aus Deutschland gefördert. Gedanken macht sich Albin vor allem über die Zeit danach. Was wird mal bleiben, wenn er weg ist? 

"Es ist eher die Herausforderung, halt diejenigen zu finden, die dann wirklich mittelfristig, ich sage jetzt noch nicht einmal langfristig, die mittelfristig, mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten wollen und die auch bereit sind sich dann auch ein bisschen ausbilden zu lassen, zu qualifizieren. Auch diese Eigenmotivation mitbringen. Das ist, sage ich mal so, die größte Herausforderung aus meiner Sicht."

Was das Projekt von Frank Albin leisten konnte, soll später untersucht werden. Das wird das Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung an der Sporthochschule in Köln übernehmen. Karen Petry, die stellvertretende Leiterin:

"Teilweise können wir sehen, dass zum Beispiel in Namibia oder Mosambik, Kinder und Jugendliche, mit denen wir arbeiten, im Rahmen der Maßnahmen Wissen ansammeln können. Also mehr Wissen haben, zum Beispiel zum Thema Schutz vor HIV-Aids-Infektionen. Wir können auch feststellen, dass sie ihre Verhaltensweisen ein Stück weit ändern können. Das ist natürlich, dass es sich um so komplexe Themen handelt, wie Gesundheitsförderung, Berufsbefähigung, Friedensförderung, ein sehr schwieriges Unterfangen zu sagen, diese Veränderungen haben jetzt nur etwas mit dem sportbezogenem Ansatz zu tun."

Auch die Sicherheitslage entscheidet über den Projekterfolg

Für das Auswärtige Amt ist auch Lutz Pfannenstiel im Einsatz. Der ehemalige Torhüter spielte als Profi auf allen Kontinenten. Das hat zuvor noch niemand geschafft. Pfannenstiels Erfahrung: Nicht immer müsste man Jahre für ein Projekt einplanen. Ob der Einsatz lohnt, sollte man direkt vor Ort ausprobieren.

"Deshalb ist es auch ganz gut, dass man erst einmal in bestimmten Ländern Kurzzeitprojekte veranstaltet. Mit zwei, drei verschiedenen Kursen eben in verschiedenen spezifischen Bereichen. Wie Torwarttraining, wie Fitnesstraining, wie Damenfußball zum Beispiel. Und wenn man halt sieht, dass da wirklich Energie im Land vorhanden ist und auch die Bereitschaft zur Mitarbeit, dann gibt es eben öfters auch die Langzeitprojekte."

Über den Erfolg von Sportprojekten entscheidet auch immer die Sicherheitslage im Land.  

Das hat Pfannenstiel bei seinen Einsätzen in Mali oder im Irak mehrfach erlebt. In Afghanistan stoppte der DOSB sein Projekt ganz. Dennoch plädiert der 43-Jährige dafür, sich auch weiterhin in diesen Ländern zu engagieren.

"Weil, ich denke da schon, der deutsche Fußball weltweit so ein hohes Ansehen hat, dass einfach diese Länder, wo politisch alles drunter und drüber geht, ja, ich will immer sagen, Fußball ist da wie Balsam auf die Seele. Teilweise für die Kinder, für die Trainer. Wenn man sich das ansieht, wie in Afghanistan oder auch im Irak,  dann glaube ich, sind solche Kurse schon notwendig. Und wenn man das als DOSB, DFB oder dem Auswärtigen Amt auch in solchen Ländern hinbekommt, dann zeugt das wirklich schon von großem Einsatz. Und diese Kurse sind auf jeden Fall etwas ganz Besonderes, weil nicht jedes Land würde seine Experten dorthin schicken."

Ausbildung zum Tischtennistrainer

(Linda Renner:) "Unsere letzte Einheit ist angebrochen, nach all den Monaten. Ihr habt ja in zwei Tagen dann die mündlichen Prüfungen, das heißt, wir werden heute dann kein neues großes Thema anfangen. Sondern wir wollen, wie wir es am Anfang gemacht haben, jetzt auch am Ende einen Abschlusswettkampf spielen."

Internationale Trainerausbildung an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Eine frisch sanierte Turnhalle, sechs Tischtennisplatten stehen hintereinander.

Im Kurs der Dozentin und ehemaligen Tischtennis-Bundesligaspielerin Linda Renner sind 12 Teilnehmer aus acht Ländern, darunter Kenia, Sri Lanka oder Nepal. Hinzu kommt auch immer ein Dolmetscher. Die Studenten hier werden zu Tischtennistrainern ausgebildet.

Tischtennistraining an der Uni Leipzig (Deutschlandradio / Frank Ulbricht)An der Universität Leipzig werden Trainer für Afrika ausgebildet (Deutschlandradio / Frank Ulbricht)

Die Teilnehmer am Internationalen Trainerkurs gelten in ihren Ländern durchaus als privilegiert, denn sie haben bereits ein Studium abgeschlossen. Das ist eine Voraussetzung, um einen Platz an der Uni in Leipzig zu bekommen. Eine weitere: bewerben kann man sich nur, wenn man aus einem Land stammt, das laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD als besonders förderungswürdig gilt, wie etwa Angola, Haiti oder der Iran.

"Unser Fokus ist Sportentwicklung in Entwicklungsländern und Schwellenländern. Wir wollen, indem wir eben Trainer und jetzt auch Sportmanager ausbilden, konkret helfen, dass sich Sport in Entwicklungsländern fortentwickelt. Wir denken und auch unser Finanzgeber denkt, dass der Sport ein sehr gutes Mittel ist, um Zivilgesellschaft auch zu formen und zu entwickeln."

Daniel-Eckert-Lindhammer, administrativer Geschäftsführer der Sportwissenschaftlichen Fakultät an der Uni Leipzig. Gefördert werden die internationalen Trainerkurse seit 1991 durch das Auswärtige Amt.

"Jeder, der ausgewählt wird für den Kurs hier in Leipzig, hat potenziell die Chance, dass sich sein Leben doch grundlegend ändert. Zum einen durch die Erfahrung und durch das Know-how, was er hier in Leipzig erfährt. Und zum anderen das Netzwerk, was sich für jeden Teilnehmer hier auftut, natürlich noch einmal eine besondere Gelegenheit im internationalen Sport Fuß zu fassen."

Die Studenten sollen nach dem Abschluss in ihre Länder zurück

Von den Studenten erwartet die Uni Leipzig vor allem:

"Dass sie wieder zurückkehren in ihr Land. Das nicht als Sprungbrett für eine Sportrainer-Karriere in Europa nutzen, sondern wir möchten konkret natürlich unser Ziel erreichen, nämlich Ausbildung von Multiplikatoren. Es soll das Know-how was hier erworben wird, auch an Freunde, Kollegen im Heimatland weiteregegeben werden."

Die Teilnehmer am Tischtennis-Kurs von Linda Renner sind von den Möglichkeiten in Leipzig beeindruckt. Clement aus Kamerun, er hat bereits eine Tischtennisschule aufgebaut, freut sich jetzt nach Hause zu kommen.

"Ich möchte alles von hier nach Hause mitnehmen, weil ich hier so viel gelernt habe. In meinem Land ist es so, dass viele als Sportlehrer ausgebildet werden, weniger als Trainer. Ich selber habe aber das Privileg, dass ich für beides qualifiziert bin. Also Trainer und Sportlehrer zu sein. Deswegen kann ich es kaum erwarten, dass ich all das Wissen zu Hause mit meinen Kollegen teilen darf."

Und was hat 27-Jährige jetzt beruflich vor? 

"Während ich noch hier bin, warten schon Leute darauf, um mit mir zu arbeiten, Vereine oder auch Schulen. Es ist deshalb eine große Herausforderung mich zu entscheiden. Die Menschen schätzen die Qualität der deutschen Ausbildung. Ich kann wirklich noch nicht sagen, was ich machen werde. Aber ich weiß, ich habe viele Möglichkeiten, wenn ich zurückkomme."

Die "Leutzscher Füchse" gibt es jetzt auch in Montevideo

Wenn die Tischtennistrainerin Linda Renner Noel aus Sambia anschaut, muss sie lächeln. Auf seinem Shirt ist ihr Name zu lesen, darunter steht: Leutzscher Füchse. Noel trägt ihr altes Vereinstrikot, ein Geschenk. Renner hat für den Club in der Tischtennisbundesliga gespielt. So lange ihre Studenten in Deutschland sind, können sie im Verein gern mitmachen. Extra-Training ist immer gut, sagt die 28-Jährige. Seit ein paar Jahren gibt es die Leutzscher Füchse nicht nur in Leipzig. Das war nie geplant, aber deshalb umso schöner, findet Linda Renner.

"Sie sind so begeistert von dieser Vereinsstruktur, weil es das in anderen Ländern nicht so gibt, dass sie in ihre Länder gehen und in ihre Heimatstadt und einen Verein aufmachen, der wie wir benannt sind. Die nennen dann ihren Verein Leutzscher Füchse Montevideo. Und da gibt es mittlerweile glaube ich Vereine in Uruguay, Chile, Honduras. Was natürlich für uns sehr schön ist, das wir eine internationale Vereinsstruktur sozusagen jetzt haben."

Genau diese Art von Entwicklungsarbeit mache Sinn, sagt Willi Lemke, der ehemalige UN -Sonderberater für Sport. Auch er hofft, dass Vereine der Fußball-Bundesliga sich mehr engagieren - wie Hertha BSC bei: "Mehr Platz für Sport – 1.000 Chancen für Afrika".

"Allerdings sollte es bitte nicht nur bei großen Veranstaltungen bleiben oder bei gesprochenen Worten. Sondern, dass muss unterlegt werden eben mit konkreten Implementierungen von Projekten und nachhaltigen Projekten in den Ländern. Und wenn irgendeiner da bei Hertha BSC auf die Idee kommen sollte, mich mal zu fragen - ich habe da eine relativ gute Erfahrung und ein riesig großes Netzwerk."

Die Handy-Nummer vom langjährigen Manager von Werder Bremen dürfte in der Bundesliga noch bekannt sein.

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