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Tacheles | Beitrag vom 24.10.2020

Entwicklungsforscherin Anna-Katharina Hornidge Mehr Armut und Hunger durch Corona

Moderation: Patrick Garber

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Menschen in ärmlicher Kleidung mit Tellern in der Hand warten auf eine Essensausgabe in Kalkutta (Indien), inmitten der Covid-19 Pandemie, 27. August 2020.  (Getty / NurPhoto / Debajyoti Chakraborty)
Mehr Armut und Hunger durch Corona (Getty / NurPhoto / Debajyoti Chakraborty)

In den Entwicklungsländern hat die Corona-Krise verheerende Folgen: Millionen Menschen drohen Armut und Hunger. Zeit für globale Solidarität und eine nachhaltigere Entwicklungspolitik, meint die Soziologin Anna-Katharina Hornidge.

500 Millionen Menschen weltweit werden durch die Folgen der Corona-Krise in Armut geraten, fürchtet die Entwicklungssoziologin Anna-Katharina Hornidge. In vielen ärmeren Ländern erwartet die Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik dadurch mehr Hunger und Unterernährung.

Dabei sind in etlichen Staaten Afrikas die Infektionszahlen mit Covid-19 relativ gering, wenn auch mit einer erheblichen Dunkelziffer zu rechnen ist. Die afrikanischen Gesellschaften seien sehr jung mit einem geringen Anteil betagter Menschen, erklärt Anna-Katharina Hornidge. Und: In Afrika habe man Erfahrung mit dem Eindämmen von Seuchen, etwa bei Ebola.

"Risikokaskaden", also Defizit als Folgen, die für neue Defizite sorgen

Doch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie seien gerade für den globalen Süden immens, meint die Entwicklungsforscherin. Dabei sieht sie "Risikokaskaden" im Entstehen. So kommen wegen der Lockdowns beispielsweise asiatische Bauern nicht mehr an Düngemittel oder afrikanische Fischer an Treibstoff für ihre Boote. Um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu vermeiden, reduzieren viele Staaten die Steuern, was zu höheren Staatsschulden führt. Für die Entwicklungs- und viele Schwellenländer braue sich eine gewaltige Verschuldungskrise zusammen, meint Hornidge.

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Die Institutionen der internationalen Gemeinschaft wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds helfen den Staaten des Südens mit viel Geld. Auch in den Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wurden zusätzliche Milliarden eingestellt, um besonders die Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern zu unterstützen. So wichtig diese Sofortmaßnahmen seien, so Anna-Katharina Hornidge, um die Folgen der Corona-Krise zu bewältigen sei ein langer Atem notwendig. Sorgen bereite ihr dabei, dass das Budget des Berliner Entwicklungsministeriums in den kommenden Jahren gekürzt werden soll.

Dabei stehe Deutschland als eine der führenden Ökonomien der Welt nicht nur aus humanitären Gründen in der Pflicht, den Entwicklungsländern zu helfen. Als Exportnation habe die Bundesrepublik daran auch ein Eigeninteresse: Wenn die Mittelschicht in Asien, Afrika und Lateinamerika, die in den vergangenen Jahren gewachsen ist, wegen Corona wieder "in Armut zurückfalle", dann fiele sie beim Konsum deutscher Produkte aus, gibt Hornidge zu bedenken.

Corona als Chance für die Entwicklungszusammenarbeit

Mittel- und langfristig sei beim wirtschaftlichen Wiederaufbau im globalen Süden darauf zu achten, dass "eben nicht mit den Geldern zum Beispiel in die Ölindustrie und in alle CO2-intensiven Zweige investiert wird", fordert Anna-Katharina Hornidge. Stattdessen müsse die Gelegenheit für eine Energie- und Agrarwende in den Entwicklungsländern genutzt werden, hin zu einer nachhaltigeren und klimafreundlicheren Entwicklung. Und Menschenrechte und gute Regierungsführung müssten ein höheres Gewicht haben als bisher.

(pag)

Anna-Katharina Hornidge ist seit Frühjahr 2020 Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik und Professorin für Globale Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bonn. Die Entwicklungs- und Wissenssoziologin war zuvor Professorin für Sozialwissenschaften in den marinen Tropen an der Universität Bremen und Leiterin des Fachbereichs Sozialwissenschaften sowie der Forschungsgruppe Entwicklungs- und Wissenssoziologie am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in der Hansestadt.


Das Interview im Wortlaut:

Deutschlandfunk Kultur: Die Zahlen sind alarmierend. Immer mehr Menschen in Deutschland stecken sich mit dem Corona-Virus an. Viele sterben. Unser Gesundheitssystem ist stark belastet, ebenso die Wirtschaft und Staatsfinanzen. Wenn die Pandemie schon in so einem reichen und hochentwickelten Land wie dem unseren so hart zuschlägt, wie muss sie dann erst in Entwicklungs- und Schwellenländern wüten – in Afrika, Lateinamerika, Asien? Darüber möchte ich heute mit der Entwicklungssoziologin Anna-Katharina Hornidge reden.

Sie sind Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik und Sie forschen zudem an der Universität Bonn zur Entwicklungs- und Wissenssoziologie. Wie ist generell die Infektionslage in den Entwicklungs- und Schwellenländern mit Blick auf Corona?

Corona als kollektive Krisenerfahrung der Menschheit

Anna-Katharina Hornidge: Also, zunächst einmal ist es wichtig, denke ich, festzustellen, dass wir es mit einer kollektiven Krisenerfahrung der Menschheit zu tun haben. Also, sie ist gleichzeitig und global und das auf eine Art und Weise, wie wir es so noch nicht erlebt haben, auch gerade im Zeitalter, in dem die Erfahrung eben auch digital begleitet werden kann.

Das bedeutet, dass wir Mund-Nasen-Masken und Hygieneregeln momentan genauso in Neu-Delhi oder Taschkent beobachten und sie den Alltag der Menschen prägen, wie aber eben auch in Berlin oder New York und insofern die Weltgesellschaft hier tatsächlich zusammen sozusagen diese Krise erlebt und sie gleichzeitig natürlich auch ganz unterschiedlich erlebt.

Wir haben momentan die Situation: Heute Morgen meldete die Johns-Hopkins-Universität global 41 Millionen Infizierte und 1.135.000 Tote. Zwei Drittel davon, von diesen Infektionen entfallen auf ärmere und insbesondere Mitteleinkommensländer und ungefähr auch die Hälfte der Toten. Und das berücksichtigt natürlich noch nicht die hohen Dunkelziffern. Wir haben also besonders hohe Infektionsraten in Ländern wie Peru, Chile, Brasilien und den USA.

Corona in Afrika und Lateinamerika

Deutschlandfunk Kultur: Aus Afrika werden ja relativ niedrige Infektions- und Todeszahlen gemeldet, wobei man dabei natürlich bedenken muss, dass dort im Verhältnis sicher weniger getestet wird als etwa bei uns. Aber im September sollen die Zahlen in vielen afrikanischen Staaten sogar deutlich gesunken sein. Woran liegt das? An der relativ jungen Bevölkerung dort?

Hornidge: Genau. Das ist ein Erklärungsansatz. Also, die afrikanische Bevölkerung ist eine sehr junge Bevölkerung. Nur drei Prozent sind über 65 Jahre alt. Gleichzeitig ist das natürlich nicht die einzige Erklärung. Andere Aspekte sind hier zu nennen, nämlich einmal, dass wir einen hohen Anteil an ländlicher Bevölkerung haben. Wir haben eine weniger globalisierte Gesellschaft. Also, es ist natürlich nicht eine Gesellschaft, sondern 54 Länder, aber viele von denen sind weniger globalisiert. Und wir konnten beobachten, dass einige Staaten sehr schnell reagierten und hier auch zurückgreifen konnten auf vorherige Erfahrungen im Umgang mit Ebola beispielsweise.

Deutschlandfunk Kultur: Also einer Seuche, die da ja immer wieder ausbricht, aber dann doch auch relativ gut eingedämmt wird.

Anders sind die Zahlen in Lateinamerika. Das haben Sie ja schon angedeutet mit dem Blick auf Peru. Die sind sehr schlimm. – Was ist da anders als in Afrika oder auch in Asien, wo es ja auch Länder gibt mit erstaunlich niedrigen Todeszahlen?

Hornidge: Ja also, in Lateinamerika muss man sagen, dass eben einige Regierungen doch relativ zögerlich reagierten. Brasilien ignorierte den Virus ja einige Zeit. Gleichzeitig haben wir auch eine etwas ältere Gesellschaft als auf dem afrikanischen Kontinent. Etwas unter neun Prozent sind über 65 Jahre alt. Wir haben ein Zusammenleben in größeren Familienverbünden, häufig auch auf engem Raum. Das sind aber jetzt Aspekte, die wir auch in afrikanischem Kontext durchaus vorfinden.

Wir haben in vielen Kontexten keine umfassend gute Gesundheitsversorgung und eben auch doch relativ schwache administrative Kapazitäten, um sich auf das Krisenmanagement einzustellen.

Die Volkswirtschaften brechen ein

Deutschlandfunk Kultur: Was die Folgen der Corona-Krise für Wirtschaft und Gesellschaft angeht, da sieht es ja in vielen Ländern des globalen Südens sehr düster aus. Für die gesamte Weltwirtschaft wird in diesem Jahr mit einer Rezession von mehr als vier Prozent gerechnet. Wie wirkt sich das auf die Entwicklungsländer aus, also, dieser wirtschaftliche Abschwung?

Hornidge: Der IWF, der Internationale Währungsfonds, geht davon aus, dass das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in den Niedrigeinkommensländern – und gerade hier auch Afrika – nach bisher um die fünf Prozent Wachstum wirklich zum Erliegen kommt, also zum Stillstand kommt. In den Mitteleinkommensländern werden Einbrüche von etwa fünf bis zehn Prozent erwartet. Gleichzeitig legen Prognosen nahe, dass im Jahr 2021 die Erholung eher zunächst in den wenigsten entwickelten Ländern, also den least developed countries, zu erwarten ist und eben nicht in Mitteleinkommensländern, die ganz besonders Einbrüche momentan erfahren.

Und gleichzeitig sind wir in einer Situation, in der viele Länder auf Steuereinnahmen verzichtet hatten, um Unternehmen und Privathaushalte zu entlasten, um Liquidität zu ermöglichen. Das heißt, wir haben sehr wenig Steuereinnahmen und gleichzeitig ein Steigen von Ausgaben zur Abfederung der Krise. Das bedeutet, dass wir hier im Grunde genommen eine Situation vorfinden, in der viele der Länder, fast die Hälfte der Niedrigeinkommensländer ja auch schon vor der Krise hochverschuldet waren und nun diese Krise ganz klar als Beschleuniger sozusagen fungiert und wir entsprechend von Risikokaskaden eigentlich ausgehen müssen.

Deutschlandfunk Kultur: In Afrika trifft es ja selbst Länder, die potenziell eigentlich reich sind. Die Ölstaaten Nigeria und Angola leiden unter dem niedrigen Ölpreis. Sogar der große Diamantenproduzent Botswana wird seine Edelsteine nicht mehr los. Rächt sich nun, dass sich viele Länder sehr stark auf Rohstoffexporte verlegt haben?

Hornidge: Also, es ist natürlich so, dass wir ja die Auswirkungen von wenig diversifizierten Ökonomien im Moment einer solchen Krise besonders beobachten können. Das gilt für die Länder, die sozusagen ganz klar den Fokus auf Rohstoffexporte gelegt haben. Aber das gilt auch für andere Bereiche. Insofern ist es zentral wichtig, eine Diversifizierung der Ökonomien voranzutreiben und hier auch ganz besonders unterstützend für Klein- und mittelständische Unternehmen Maßnahmen zu gestalten, die hier Liquidität zunächst einmal sicherstellen, aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, um diesem Rückgrat sozusagen der afrikanischen Wirtschaft die Möglichkeit im Umgang mit der Krise auch zu geben.

Deutschlandfunk Kultur: Stichwort "Ferntourismus": Durch die Reisebeschränkungen ist ja Tourismus weitgehend zum Erliegen gekommen. Das betrifft auch viele Reiseländer in der sogenannten "Dritten Welt", gerade auch in Afrika. Hatten die denn eigentlich überhaupt so viel von dem Geld der Touristen bisher, oder ist das nicht sowieso schon zum großen Teil hängen geblieben bei den Reiseunternehmen, den Hotellerie-Unternehmen, die ihren Sitz im Norden haben?

Milliarden an Kapital werden abgezogen

Hornidge: Das ist natürlich richtig, dass da ein großer Teil auch bei den eigentlichen Tourismusanbietern, in den Zentren sozusagen, hängen bleiben. Gleichzeitig ist ja, wenn wir den Tourismus ansprechen, ist ja eigentlich Teil des größeren Problems das des Mittelabflusses. Also, das Institute of International Finance geht zum Beispiel davon aus, dass bereits zwischen Januar und Mitte Mai dieses Jahres um die 103 Milliarden US-Dollar aus Mitteleinkommensländern gezogen wurden. Das können Rücküberweisungen, also diese klassischen remittances, auf gar keinen Fall auffangen. Auch diese gehen zurück. Da geht man von einem Rückgang von fast bis zu 20 Prozent aus.

Deutschlandfunk Kultur: Rücküberweisungen, das ist also das Geld, das zum Beispiel Arbeitsmigranten, die im Norden arbeiten, nach Hause schicken, abzwacken von ihrem Lohn, um ihre Familien dort zu unterstützen.

Hornidge: Genau. Das ist eine signifikante Summe. Man geht davon aus, dass im Durchschnitt diese Rücküberweisungen bis zu 2,5 Prozent des Bruttosozialprodukts der meisten afrikanischen Länder ausmacht, bei den kleineren, wie zum Beispiel Senegal, bis zu zehn Prozent. Also, das heißt: Wenn diese Rücküberweisungen um 20 Prozent einbrechen, ist das auch ein signifikanter Posten, der dazu beiträgt, dass hier Liquidität im System ein unheimlich wichtiges Thema ist, um überhaupt vor Ort dafür zu sorgen, dass die lokale Wirtschaft sich auch im Krisenmanagement sozusagen behaupten kann.

Deutschlandfunk Kultur: Also, die Corona-Folgen machen sich an vielen Stellen bemerkbar. Reden wir darüber, was das mittel- und langfristig für die Entwicklungsländer bedeuten kann. Die Weltbank schätzt, dass durch die Corona-Krise die Zahl der extrem armen Menschen weltweit um mehr als 100 Millionen zunehmen wird. Sie selbst, Frau Hornidge, haben kürzlich in einem Interview von bis zu 500 Millionen neuen Armen gesprochen. Was kommt auf uns zu?

500 Millionen Menschen werden in Armut geraten

Hornidge: Also, die Weltbank geht genau von diesen 100 Millionen allein aus, die in die absolute Armut zurückfallen, das heißt also, weniger als 1,90 Dollar am Tag haben. Wenn wir jetzt aber etwas weiter denken und uns vor Augen führen, dass man für einen angemessenen Lebensstil etwas mehr als 1,90 Dollar braucht, dann können wir von 500 Millionen ausgehen, die knapp über der absoluten Armut leben werden. Das heißt, wir gehen von neuen Armen aus, die besonders in Subsahara-Afrika und Südasien zu finden sind, aber auch Teilen von Ostasien und der Pazifikregion.

Wir gehen von einer Zunahme an eben Einkommensarmut aus. Das bedingt dann Hunger. Das übersetzt sich ganz zentral in eine Zunahme von Hunger und Unterernährung. Die FAO geht davon aus, dass 14 bis 80 Millionen Menschen mehr unterernährt sein werden. Das kommt zu den ohnehin schon 690 Millionen Menschen, die im Jahr 2019 zum Beispiel unterernährt waren, hinzu.

Das sind Dimensionen, wenn man sich das vor Augen führt, dass wir bei Unterernährung ja von wirklich sozusagen dauerhafter Unterernährung sprechen, die sich auf die Gehirn-Entwicklung, auf die Intelligenzentwicklung von Kindern massivst auswirkt. Gleichzeitig, auch wenn man da auch von der strengen Kategorie der Unterernährung etwas abgleitet und beguckt, wie viele Menschen denn insgesamt nicht adäquat ernährt sind, da spricht das World Food Programme von zwei Milliarden, das heißt, jeder vierte Mensch. Das sind natürlich Dimensionen, die einfach ernst zu nehmen sind.

Krisen, die ineinander greifen

Hier kommen natürlich auch unterschiedliche Krisen momentan, die greifen ja ineinander. Wir hatten die Heuschreckenplagen. Wir haben weiterhin unterschiedliche politische Unruhen und Konfliktsituationen, die sich auf die Nahrungsmittelsituation auswirken. Dann hatten wir diese starken Lockdown-Maßnahmen am Anfang, die sich ausgewirkt haben auf Nahrungsmittelproduktion, also, dass plötzlich die Düngemittelverfügbarkeit aus der Provinz Hubei beispielsweise nicht gegeben war und darunter dann entsprechend die Landwirte in benachbarten Regionen litten. Oder aber auch im Senegal zum Beispiel, dass Fischern ganz einfach der Zugang zu Benzin fehlte aufgrund des Lockdowns, um entsprechend von der Fischerei weiterhin sich zu ernähren.

Das heißt, verschiedene Aspekte greifen hier ineinander und zeigen uns, wie volatil mittlerweile auch die Entwicklungen von Krisensituationen sind und wie stark wir darauf achten müssen, systemisch auf diese Krisen zu reagieren und uns auch weiter darauf einzustellen.

Deutschlandfunk Kultur: Wenn da so vieles ineinandergreift und vor allem so viele negative Aspekte, bis hin zur Frage, ob senegalesische Fischer genug Benzin haben, um überhaupt mit ihren Kuttern auszulaufen, ineinandergreifen, kann es dann sein, dass in den Ländern des globalen Südens deutlich mehr Menschen am Ende an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sterben werden als am Virus selbst?

Hornidge: Ja also das sind natürlich Fragen, die nicht ganz so einfach mit Zahlen zu beantworten sind, da die Kausalitäten häufig gar nicht so leicht nachzuvollziehen sind und wir uns ja ohnehin momentan in einer sehr – sag' ich mal – "datenschwachen" Situation befinden, in der wir eigentlich noch vieles gar nicht genau wissen, wie sich die verschiedenen Lockdown-Maßnahmen auswirken.

Wir wissen aber, dass jährlich an Krankheiten wie Aids, Malaria und Tuberkulose um die 2,4 Millionen Menschen sterben und dass die Behandlung und auch die Früherkennung für diese Krankheiten in den letzten Monaten massivst reduziert wurden in vielen Regionen und Ländern, und können insofern deutlich davon ausgehen, dass hier sozusagen weitere Krisen sich in Entwicklung befinden. Das ist jetzt "nur" im gesundheitlichen Kontext über weitere Kausalitätsketten nachgedacht. Da sind wir noch gar nicht in dem Bereich von weiteren, zum Beispiel sich anbahnenden ökonomischen oder auch politischen Krisen.

Deutschlandfunk Kultur: Ich spreche heute mit Anna-Katharina Hornidge. Sie ist die Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik und zudem Professorin für globale nachhaltige Entwicklung an der Universität Bonn.

Frau Hornidge, vor fünf Jahren hat die Weltgemeinschaft unter Führung der Vereinten Nationen die Globalen Nachhaltigkeitsziele bis 2030 verabschiedet. Die sehen unter anderem vor, Hunger und extreme Armut weitgehend zu überwinden. Und in den letzten Jahren hat es gerade bei der Armutsbekämpfung ja durchaus Fortschritte gegeben. – Nach dem, was wir gerade besprochen haben, sieht es so aus, dass Corona diese Erfolge jetzt völlig zunichtemacht, oder?

Corona und die Agenda für Nachhaltige Entwicklung

Hornidge: Also, in vielen Aspekten ist das durchaus richtig, leider. Das sind die Tendenzen, die wir beobachten. Gleichzeitig halte ich es für sehr wichtig, darauf hinzuweisen, was auch UN Secretary General Antonio Guterres vor kurzem sagte, nämlich nochmal uns vor Augen zu führen, dass die Agenda 2030 und diese Zielvereinbarungen, zu denen sich die Weltgemeinschaft zusammengefunden hat und vielleicht auch durchgerungen hat, kann man so sagen, als Leitrahmen und auch als Zielmarge jetzt zu verstehen ist für dieses sogenannte recovery, was wir angehen müssen und was eben nicht nur ein recovery ist, sondern eigentlich gleichzeitig ein präventives darauf Einstellen, dass diese Krise eine von sehr vielen zu erwartenden und auch ganz unterschiedlich gearteten Krisen des 21. Jahrhunderts ist.

Insofern würde ich hier immer dafür plädieren, diese Agenda 2030 als das Rahmenwerk zu erkennen, das uns ermöglicht als Weltgesellschaft, eine gemeinsame Zielgröße zu haben und dass diese Zielgröße in unterschiedlichen Kontexten, sowohl in unterschiedlichen Regionalkontexten als auch auf unterschiedlichen Entscheidungsebenen und auch in verschiedenen Sektoren und sozusagen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen unterschiedlich erreicht oder auch nicht erreicht werden. Das ist so. Das ist realistisch so festzustellen. Aber wir werden auch nichts weiter erreichen, wenn wir eben nicht eine gemeinsam verhandelte Zielmarge haben.

Deutschlandfunk Kultur: Das wird sehr viel Geld kosten, gerade wenn es nicht nur darum geht, recovery, also Wiederaufbau zu betreiben, sondern auch Dinge zu ändern. Wo soll das Geld herkommen? Die Staaten im Süden sind ja, wie Sie es sagten, finanziell wirklich am Limit oder schon darunter.

"Wir steuern auf eine Verschuldungskrise zu"

Hornidge: Wir haben momentan ja eine Situation, in der zunächst einmal kurzfristig agiert wurde, kurzfristig ein Schuldenmoratorium eingesetzt wurde, kurzfristig Gelder von den internationalen Institutionen bereitgestellt wurden, um erstmal Liquidität sicherzustellen, um Währungsverfall aufzufangen und Kaufkraft aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig sind das, wie schon gesagt, eben kurzfristige Maßnahmen. Und langfristig stehen wir vor der Herausforderung, dass wir auf eine Verschuldungskrise in vielen Entwicklungsländern und Mitteleinkommensländern, na ja, vor allen Dingen Entwicklungsländern, auf diese zusteuern und uns mit dieser auseinandersetzen müssen. Das heißt, es wird wahrscheinlich nicht reichen, Schuldendienstzahlungen zeitweise einzustellen.

Wenn wir uns vor Augen führen, dass wir in Industrieländern bis zu zehn Prozent, um die zehn Prozent der Bruttosozialprodukte für Stimulus-Pakete momentan einsetzen, das in den Schwellenländern um die drei Prozent der dortigen Bruttosozialprodukte beträgt und in den ärmsten Ländern, in den least developed countries, dies lediglich ein Prozent umfasst und wir wissen, dass diese Stimulus-Pakete natürlich nicht nur das, was vor der Krise unsere alltäglichen wirtschaftlichen Wahrheiten sozusagen ausmachte, erhalten soll, sondern eingesetzt werden soll, um ein sogenanntes "green" recovery" zu möglichen, nämlich transformative Hebelwirkungen anzustreben, die unsere Wirtschaft hin in Richtung Kreislaufwirtschaften entwickeln, dann reden wir hier natürlich von massiven Modernisierungsprogrammen eigentlich.

Die soziale Schere zwischen Industrie- und Entwicklungsländern

Diese Modernisierungsprogramme, wenn die so einseitig, wie sich das momentan abzeichnet, von Industrieländern ermöglicht werden und für Industrieländer oder für die Ökonomien der Industrieländer vornehmlich eingesetzt werden, dann sehen wir natürlich hier die Gefahr einer weiter aufklaffenden sozialen Schere zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Und die müssen wir angehen.

Insofern müssen wir bei den Stimulus-Programmen im globalen Norden, in den Hocheinkommensländern, darauf achten, dass wir gleichzeitig entsprechende Stimulus-Programme auflegen und die lokal vorhandenen so unterstützen, dass auch die entsprechenden Modernisierungsprozesse in den Ökonomien vor Ort in Afrika, in Asien, in Südamerika vorgenommen werden können. Das ist natürlich auch völlig in unserem eigenen Interesse.

Deutschlandfunk Kultur: Aber unsere Staatsfinanzen in Deutschland, um jetzt mal auf Deutschland zu kommen, sind ja durch Stimulus-Programme, wie Sie sagten, also durch den Versuch, unsere Wirtschaft am Laufen zu halten oder Wegbrechen von Branchen zu verhindern, extrem angespannt. Wenn hier ganze Branchen am Abgrund stehen, wie wollen Sie dann erklären, es politisch durchsetzen, dass jetzt auch noch viel Geld in die Hand genommen werden muss, um zum Beispiel Kleinbauern in Afrika zu helfen? Also, haben wir ein Interesse daran?

Deutsche Eigeninteressen

Hornidge: Ja, es ist ja so, dass Deutschland eine Exportnation ist und ein ganz großer Teil unseres Wohlstandes auf dem Export von Gütern beruht. Diese Güter werden nicht bei uns großenteils produziert, sondern in globalen Lieferketten produziert. Das heißt, wir brauchen Mitarbeiter für diese Lieferketten, die vor Ort in Niedrigeinkommensländern gut ausgebildet sind und diese wissensintensiven Technologien, die wir ja produzieren und exportieren, auch entsprechend produzieren können oder die Einzelteile hierfür. Das heißt, wir müssen sozusagen am Anfang der Lieferkette darauf achten, dass die Produktionsverhältnisse entsprechen.

Und wir müssen gleichzeitig natürlich darauf achten, dass unsere Märkte nicht zerfallen. Wir können nur exportieren, wenn es auch Märkte gibt, die es sich leisten können, unsere Produkte zu importieren.

Das Wachstum der Mittelschichten, das wir in den letzten Jahrzehnten beobachtet haben in Asien, Afrika, Südamerika, das sind natürlich Prozesse, die für eine Exportnation wie Deutschland unheimlich wichtig sind. Und wenn diese Mittelschichten in die Armut sozusagen zurückfallen oder in Teilen in Armut zurückfallen und diese wissensintensiven Technologien, auf denen unser Wohlstand beruht, nicht mehr konsumieren können, dann ist das auch nicht in unserem Eigeninteresse.

Das heißt, wir können neben der humanitären Aufgabe und Verantwortung, die wir hier einfach als eine der größten Ökonomien weltweit zu erfüllen haben, auch rein eigeninteressenorientiert uns vor Augen führen, dass es hier nicht darum geht, unsere direkten Nachbarregionen, in denen unsere Produkte produziert werden, sozusagen der Beginn der Lieferketten, aber auch das Ende der Lieferketten, nämlich die Konsummärkte existieren, mitgedacht werden müssen.

Deutschlandfunk Kultur: Aber wenn ich jetzt in den Bundesetat für das kommende Jahr, wie er geplant ist, schaue, da sehe ich, dass das Entwicklungsministerium magere zwei Millionen Euro mehr bekommen soll. Im Auswärtigen Amt wird der Nothilfefonds für besondere Lagen sogar deutlich gekürzt. Also, sehr viel Geld scheint da ja nicht da zu sein hier in Deutschland für diese Aufgaben.

Hornidge: Es ist ja so, dass jetzt im Jahre 2020 für das Corona-Sofortprogramm des Entwicklungsministeriums nochmal extra 3,1 Milliarden Euro eingestellt wurden für den entsprechenden Haushalt des Ministeriums. Das waren kurzfristig orientierte Sofortmaßnahmen, in denen es erstmal darum ging, Gesundheitssysteme zu unterstützen. Diese Maßnahmen sind aber natürlich nicht langfristig gedacht, sie sorgen nicht langfristig dafür, dass soziale Absicherungssysteme gestützt und weiter ausgebaut werden, dass transformative Hebel-Investitionen zum Beispiel in Digitalisierung des Mittelstandes in verschiedenen afrikanischen Wirtschaftszweigen unterstützt werden. Das heißt, das ist noch keine langfristige strukturell angehende Unterstützung der Arbeitsmärkte vor Ort.

Wir hoffen natürlich jetzt sehr, dass diese zusätzlich eingestellten Mittel, Sie sprachen eben von mageren zwei Millionen, ja, aber die zwei Millionen kommen sozusagen hinzu auf die 3,1 Milliarden, die dieses Jahr bereitgestellt wurden, zusätzlich drauf. Von daher muss man schon sehen, dass wir uns 2021 nach wie vor bei 12,4 Milliarden Euro im Etat des BMZ  befinden.

Massiver Rückgang des Entwicklungsbudgets?

Deutschlandfunk Kultur: Also, des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Hornidge: Ja, des Entwicklungsministeriums. Dramatisch oder problematisch, um es so vielleicht besser zu formulieren, ist, dass dann ab 2021 nicht für 2022 ein massiver Drop sozusagen vorgesehen ist momentan, und ein Rückfall des Etats auf 9,4 Milliarden ist natürlich nicht angemessen für die entsprechenden Herausforderungen. Das sind einfach langfristige Herausforderungen. Es geht um einen Strukturaufbau. Es geht jetzt nicht mehr nur um kurzfristige Bewältigung.

Deutschlandfunk Kultur: Langfristig – Stichwort. Frau Hornidge, Sie haben eine Erklärung mitunterzeichnet, in der mehrere europäische Forschungseinrichtungen eine Neuordnung der Beziehung zwischen EU und Afrika fordern, gerade jetzt in der Corona-Krise. Warum der Fokus auf Afrika?

Hornidge: Es ist unser direkter Nachbarkontinent. Das ist zunächst einmal zu betonen. Es sind 54 Länder, die direkt sich in unserer Nachbarschaft befinden. Gleichzeitig würde ich dem nicht zustimmen, wenn Ihre Frage implizieren sollte, ob die deutsche Entwicklungszusammenarbeit sich ausschließlich auf Afrika konzentrieren sollte. Nein, das sollte sie nicht. Wir sind der festen Überzeugung im Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, dass es sehr, sehr wichtig ist, auch Kooperationsbeziehungen immer mit unterschiedlichen Partnern im asiatischen und südamerikanischen, lateinamerikanischen Kontext zu fördern und zu pflegen.

Gleichzeitig ist es, wie schon gesagt, so, dass natürlich Afrika einfach aufgrund der regionalen Nähe und den nachbarschaftlichen Beziehungen hier eine besondere Rolle einnimmt.

Deutschlandfunk Kultur: Der wirtschaftliche Wiederaufbau oder die Neuordnung nach der Corona-Krise, das haben Sie schon angesprochen und es steht auch in diesem Papier, soll nachhaltiger werden, soll klimafreundlicher werden. Wie soll das aussehen?

Corona als Vorbote kommender Krisen

Hornidge: Es ist ja das Ziel der Stimulus-Pakete und das ist auch unheimlich wichtig, wenn wir zukunftsgeleitet sozusagen und -orientiert denken wollen, hier Modernisierungsprogramme aufzulegen, die uns ermöglichen, unsere Wirtschaften und Gesellschaften entlang von ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitsstandards weiterzuentwickeln. Das heißt, wir müssen weg von einem linearen Wachstumsmodell und hin zu einer zirkularen Wohlstandssicherung.

Das ist die Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Denn die momentane Gesundheitskrise ist ein Vorbote, sie ist ein Anzeichen dafür, wie nah menschliche, tierische und planetare Gesundheit nicht nur zusammenliegen, sondern wie stark sie voneinander abhängig sind. Wir haben die momentane Pandemie einem zu großen Eingriff des Menschen in Schutzzonen, in Gebiete sozusagen, die der Natur und der Tierwelt auch vorbehalten waren, zu verdanken. Insofern müssen wir jetzt dafür sorgen, dass der Wiederaufbau hier ganz, ganz klare Schritte in Richtung Transformation zu Nachhaltigkeit unternimmt.

Wie das geschehen kann, das ist natürlich auch immer so ein bisschen wirtschafts- oder ökonomieabhängig, aber das Sustainable Development Solutions Netzwerk, dessen Geschäftsstelle auch am DIE angesiedelt ist, hatte…

Deutschlandfunk Kultur: Also, an Ihrem Institut, dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Den Wiederaufbau nachhaltig gestalten

Hornidge: Genau. … hatte in den letzten Monaten zwei Stellungnahmen vorgelegt, in denen es immer wieder darauf hinweist, dass diese Modernisierungsprogramme auf Schlüsseltransformationen ausgerichtet sein sollten, also zum Beispiel die Energiewende oder die Agrarwende, also Bereiche, die einen Schlüsselcharakter sozusagen einnehmen in der Transformation von Wirtschaft, aber auch eben greifen in gesellschaftliches Handeln und Tun ein.

Dieser Fokus auf diese Schlüsseltransformationen muss eigentlich einhergehen oder wird ermöglicht über transformative Hebel. Finanzen ist ein solcher transformativer Hebel. Deswegen sind diese Stimulus-Pakete momentan so unglaublich wichtig, dass man darauf achtet, dass eben nicht mit den Geldern zum Beispiel in die Ölindustrie und in alle CO2-intensiven Zweige investiert wird, sondern dass mit den Mitteln eine Transformation, und zwar eine Energiewende auch ermöglicht wird.

Aber weitere transformative Hebel, die auch oder genauso wichtig sind, sind natürlich einmal der große Bereich von Governance, also Regierungsführung. Was für Institutionen pflegen wir? Wie transparent agieren wir? Ermöglichen oder fördern wir inklusive Institutionen, die demokratischen Entscheidungsstrukturen und Mustern entsprechen, die werteorientiert die Menschenrechte anerkennen? Oder entscheiden wir uns hier für andere Verhaltensmuster?

Ein weiterer Hebel, der unheimlich wichtig ist, ist Forschung, Innovation, Bildung, also die Investition in die Grundbildung genauso wie Sekundär- und Tertiärbildung ganz besonders im Entwicklungskontext, ist ein transformativer Hebel in die Zukunft. Und da spielen Schulen eine unheimlich wichtige Rolle.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Tacheles

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