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Profil / Archiv | Beitrag vom 16.02.2010

Entspannter Kreativer

Porträt des neuseeländischen Regisseurs und Schauspielers Taika Waititi

Von Vanja Budde

Szene aus dem Film "Boy" mit Taika Waititi (© Paul Schiraldi)
Szene aus dem Film "Boy" mit Taika Waititi (© Paul Schiraldi)

In seiner Heimat Neuseeland ist er eine Berühmtheit, bei uns aber noch unbekannt: Taika Waititi, der es mit seinem Film "Boy" ins Jugendfilmfestival der Berlinale geschafft hat. Bei dem hat er Regie geführt, das Drehbuch geschrieben und auch gleich noch eine der Hauptrollen übernommen.

Mehr als eintausend Plätze hat der große Kinosaal des Zoo-Palastes, und er ist voll bis auf den letzten Sitz. Die Premiere des tragisch-komischen Coming of age-Dramas "Boy" von und mit Taika Waititi ist ein voller Erfolg. Die jugendlichen Autogrammjäger balgen sich in Dreierreihen.

Nicht, dass der 34-jährige Taika Waititi zum ersten Mal auf einem großen Festival wäre: Sein erster Kurzfilm "One night, two cars" brachte ihm gleich ein Ticket zum Sundance-Festival in die USA ein und wurde für den Oscar nominiert. Und sein Spielfilmdebut "Eagle versus Shark" lief 2007 auch schon auf der Berlinale, in der Sektion Panorama. Aber so ein Riesensaal voller Kids – da kann einem schon angst und bange werden.

"Ja, das war wirklich furchterregend. Zumal die ursprüngliche Fassung des Films viel dramatischer war und mehr für Erwachsene. Während der Dreharbeiten haben wir dann mehr Komödiantisches reingebracht, weil es ja schließlich ein Film über Kinder ist. Aber es geht immer noch um viele 'erwachsene' Themen – und damit schienen sie hier prima klargekommen zu sein."

Der Maori-Junge "Boy" ist elf, lebt in wunderschöner Natur in einem kleinen Ort an der Ostküste Neuseelands mit seinem jüngeren Bruder und einer Handvoll Cousins im ramponierten Haus seiner Großmutter.

Die Mutter ist früh gestorben, der Vater sitzt im Gefängnis. "Boy" hat sich den abwesenden Erzeuger zur heldenhaften Phantasiegestalt zurecht stilisiert. Als der – gespielt vom Regisseur - dann im wirklichen Leben auftaucht, ist die Enttäuschung unausweichlich. Autobiographisch sei an seinem Film nur der Drehort, betont Taika Waititi.

"Ich bin viel in der Natur herumgerannt und habe selbstbestimmt in meiner eigenen Welt gelebt. Meine Großmutter war da, aber wir blieben auch viel uns selbst überlassen. Da wir auf dem Land lebten, konnte ja auch nicht viel passieren. Ich finde das eine ziemlich ideale Art, aufzuwachsen."

Taikas Vater ist Maler, seine Mutter Schriftstellerin. Die Eltern trennten sich, als er ein Kind war. Väterlicherseits stammt Taika von den Maori ab. Die bilderreiche Kultur der Ureinwohner Neuseelands habe ihn sehr geprägt, sagt Taika. Ebenso das Gefühl enger Zusammengehörigkeit in seinem Stamm. Er ist groß, schlank, hat braune Haut, trägt Dreitagebart am markanten Kinn, reibt sich die müden dunklen Augen und fährt sich oft durch die schwarze Locken, noch reichlich geschafft vom endlos langen Flug hierher.

Die jüdische Familie seiner Mutter stammt ursprünglich aus der Ukraine. Weswegen er sich auch Taika Cohen nannte, als er während seines Studiums der Theaterwissenschaft an der Universität in Wellington begann, als Komiker aufzutreten.

"Ich habe an der Uni eine ganze Menge cooler Leute kennen gelernt. Wir haben alle die ganze Zeit versucht, Stücke zu schreiben. Das meiste war Comedy, denn bedeutsam sein – das war nicht unser Ding. Und so haben wir unseren eigenen komödiantischen Stil entwickelt."

Er selber findet die schrägen Filme von Wes Anderson extrem witzig: "Die Royal Tenenbaums" oder "Die Tiefseetaucher". Ein paar Jahre tourte Taika Cohen sehr erfolgreich als die eine Hälfte des Comedy-Duos "The Humourbeasts” über seine Heimatinsel und durch Australien. Bis er Ende der Neunziger nach Berlin zog.

"Die meisten Neuseeländer reisen um die Welt, wenn sie jung sind. Ich wollte unbedingt auch mal eine Weile runter von der Insel. Ich hatte Freunde in Berlin, es war billig hier zu leben und so bin ich zwei Jahre hier geblieben. Ich hatte ein Atelier, malte, wohnte im Prenzlauer Berg und kam mir total cool vor." (kichert)

Um Geld zu verdienen, flog er immer wieder nach Hause, denn in Neuseeland winkten die ersten Engagements als Schauspieler. Er arbeitete als Fotograf und Musiker, illustrierte Bücher und interessierte sich für Modedesign. Vielleicht alles ein bisschen viel auf einmal? Nö, meint Taika Waititi lächelnd, er komme eben aus einer kreativen Familie. Seine beschauliche Heimatinsel gibt ihm den nötigen Rückhalt, sich nicht zu verzetteln.

"Ich liebe es, in Neuseeland zu leben. Es ist viel besser dort als hier - also für mich (lacht). Es ist viel entspannter und die Leute rauchen nicht so viel. Außerdem bin ich gern am Strand – und hier gibt es nicht sooo viele Strände."

Bei aller Ironie: Der erfolgsverwöhnte Taika Waititi ist bescheiden geblieben und hat die angenehme Eigenschaft nicht verloren, sich selbst auf den Arm zu nehmen. Nominierungen und Auszeichnungen: Alles nicht so wichtig, Hauptsache, Spaß haben. Bloß kein Stress.

"Ich glaube, ich werde für eine Weile mit dem Filmemachen aufhören. Ich habe das Gefühl, ich muss zu viel von meinen anderen Passionen opfern. Der Film ist nicht unbedingt meine erste Liebe. Ich schreibe auch so gerne, nicht Drehbücher, nein einfach um des Schreibens willens. Ich werde also eine kleine Pause machen."

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