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Länderreport | Beitrag vom 15.12.2020

Entlastung im VerkehrStuttgart plant neue Seilbahn

Von Sebastian Krämer

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Das Foto zeigt die Standseilbahn in Stuttgart. Die Standseilbahn Stuttgart verbindet seit dem 30. Oktober 1929 den Südheimer Platz im Stadtteil Heslach (Talstation 48° 45′ 21,2″ N, 9° 8′ 32″ O) ohne Zwischenhalt mit dem Waldfriedhof im Stadtbezirk Degerloch  (imago images / Westend61)
Seit 1929 fährt die Stuttgarter Standseilbahn, im Volksmund auch "Witwen-Express" genannt, hinauf zum Waldfriedhof. Zum 75. Jahrestag wurde sie erneuert. (imago images / Westend61)

In Stuttgart wird diskutiert, ob man mit einer Seilbahn für Entlastung im Verkehr und bessere Luft sorgen kann. Eine Machbarkeitsstudie liegt vor, doch es gibt Vorbehalte gegen das Projekt. Dabei sind Seilbahnen in Stuttgart nichts Neues.

Sie ist das Schmuckstückle Stuttgarts: Die Standseilbahn, liebevoll Erbschleicher-Express genannt. Seit 1929 fährt sie von Heslach hinauf zum Waldfriedhof und überwindet fast 90 Höhenmeter. Zum 75. Geburtstag wurde sie runderneuert.

"Stuttgart hat eine Standseilbahn. Es hat eine Zahnradbahn, da wäre eigentlich eine Luftseilbahn die logische Folge, und da könnte man durchaus mutig sein, so was anzugehen hier", sagt Entwicklungsingenieur und Hobby-Historiker Matthias Engel. Mutig waren die früheren Stadtväter, was bergtaugliche Verkehrsmittel angeht, beträgt doch der Höhenunterschied im Stadtgebiet gut 350 Meter. Zu den beiden noch bestehenden Bergbahnen wurde zur Bundesgartenschau 1950 auf dem Killesberg eine Sesselbahn errichtet: die dritte Bergbahn in Stuttgart. Und die war innovativ.

Die gelbe Zahnradbahn, auch Zacke genannt, fährt vom Marienplatz in Richtung Stuttgart-Degerloch. (picture-alliance/ dpa / Marc Müller)Die Zahnradbahn, auch Zacke genannt. Die Strecke wurde 1884 eröffnet und verbindet die Stadtbezirke Süd und Degerloch miteinander. (picture-alliance/ dpa / Marc Müller)

"Das war die erste Sesselschwebebahn Deutschlands. Also eine Sesselbahn, die im Flachland im Einsatz war. Und das Besondere waren die kuppelbaren Sessel. Man konnte in Ruhe einsteigen, dann wurden die Sessel beschleunigt, ans Seil gekuppelt und konnten schnell über den Park schweben", sagt Engel.

Rückbau der Sesselbahn

​Vom ehemaligen Messe-Haupteingang führte sie über das Tal der Rosen bis ans Freibad, gute 700 Meter lang. Die Sesselbahn wurde in den 1990er-Jahren abgebaut, zum Bedauern vieler Stuttgarter, wie Matthias Engel weiß. Er vermisst die Entscheidungsfreudigkeit früherer Jahre:

"Heute sind die Wege ein bisschen länger. Man hat die Höhenlagen, die Halbhöhenlagen ringsrum, könnte man schön erschließen mit solchen Bahnen und bestehende Verkehrsprobleme entlasten."

Eine Entlastung wäre im Stuttgarter Stadtteil Vaihingen auf der Filder-Hochfläche bitter nötig. Der Vaihinger Bahnhof gewinnt deshalb an Bedeutung. Stuttgarts Stadtplaner Stephan Oehler: "Beim Vaihinger Bahnhof haben wir hier das Thema, dass ein Regionalbahnhof entstehen wird. Hier werden künftig Bus, S-Bahn, Stadtbahn und der Regionalzug halten. Das heißt, der ÖPNV-Standort wird weiter aufgewertet."

Entstehung eines neuen Stadtviertels

Weiter aufgewertet wird Stuttgart-Vaihingen durch ein neues Stadtviertel als Beitrag zur Internationalen Bau-Ausstellung 2027: Ein Wohn- und Gewerbequartier für 7.000 Menschen entsteht auf dem denkmalgeschützten Eiermann-Areal am Autobahnkreuz, wo einst ein US-amerikanisches IT-Unternehmen seinen Deutschlandsitz hatte.

Der Eiermann-Campus mitten in einem Wald in Vaihingen steht leer. (imago images / Arnulf Hettrich)Die ehemalige IBM-Zentrale in Stuttgart-Vaihingen, 2016. Auf dem sogenannten Eiermann-Areal wird ein neues Stadtviertel gebaut. (imago images / Arnulf Hettrich)

"Der Bereich ist heute nur durch einen Bus angebunden mit einem relativ schlechten Takt. Da wird es sich darum drehen, ob das quasi mehr ein Kfz-lastiger Verkehrsschwerpunkt oder städtebaulicher Bereich wird, der dann überwiegend mit Autos eben angefahren wird. Oder ob eben ein attraktiver ÖPNV dazu führt, dass die Leute doch eben mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können", sagt Oehler.

Das Fahrgastpotenzial für eine Luftseilbahn ist aus der Sicht des Stadtplaners groß: "Wenn man die Alternative hätte, den Eiermann-Campus durch einen attraktiveren Busverkehr anzubinden, würde es heißen, dass man den Bustakt auf zehn Minuten bringen müsste. Und klar, die Busse stehen gegebenenfalls im Stau. Das kennt natürlich die Seilbahn nicht, da gibt es keinen Stau." Die Fahrgäste schweben oben drüber.

Vorteile der Seilbahn

Dabei kann eine Seilbahn je nach Bauart und Kabinengröße bis zu 3.000 Personen pro Stunde und Richtung transportieren. Das schaffen Bus und Stadtbahn nicht.

"Sobald die Seilbahn parallel zu einem anderen ÖPNV-Verkehrsmittel, ob es Bus oder Bahn ist, fährt, ist die Seilbahn deutlich im Nachteil, weil sie relativ langsam fährt. Aber wenn die Seilbahn dadurch schneller ist, indem sie Hindernisse überwindet und sie den direkteren Weg macht in dem Fall, hat sie dadurch dem Bus gegenüber den Vorteil", sagt Oehler.

Die Vorteile der nun auserkorenen Pilotstrecke zeigt eine umfassende Machbarkeitsstudie auf, die im Oktober dem Stuttgarter Verkehrsausschuss vorgestellt wurde. Vier unterschiedliche Strecken wurden im Stadtgebiet untersucht. Mit zweieinhalb Kilometern hat die Anbindung zum Eiermann-Areal eine ideale Länge, die Reisezeit beträgt gut neun Minuten, mit einem Zwischenhalt am Freibad Rosental. Dabei werden nur Wald- und Wiesenflächen sowie Straßen überflogen. Der Bahnhof Vaihingen wird zum Mobilitätsknoten.

"Es ist schon so gedacht, dass wir perspektivisch auch überlegen, über die Gleisanlagen rüber zu gehen mit dem System. Den Synergiepark mit anzubinden, spielt bei den Planungen auch eine Rolle. Und das hätte auch die Möglichkeit, von der Seilbahn-Station oder von einem Steg, den wir über die Gleisanlagen machen müssten, direkt auf die Bahngleise zu kommen. Das heißt, einen relativ kurzen Weg von der S-Bahn oder Regionalbahn in die Seilbahn umzusteigen. Das wäre schon eine attraktive Verbindung. Da gibt es in manchen Stationen deutlich längere Umsteigewege, als es hier der Fall wäre", so Oehler.

Auch touristisch attraktiv

Der Weg zur Umsetzung einer Seilbahn ist jedoch noch lang. "Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir keine Erfahrung haben mit dem System. Wir fangen im Grund fast bei null an. Da betreten wir bei ganz vielen Fragen Neuland", sagt Oehler.

Neuland ist das auch für den Verband Region Stuttgart. Er bündelt als Zusammenschluss mehrerer Landkreise und der Stadt Stuttgart das Engagement im S-Bahn-Verkehr sowie bei Bus- und Bahnlinien, die als Zubringer zur S-Bahn und zu Gewerbegebieten dienen. Zusätzliche Zubringer braucht es im topografisch anspruchsvollen Neckartal ohnehin, so zum Beispiel auch in Esslingen.

"Also wenn ich hier oben mich umschaue, dann wäre das ideal, eine Seilbahn hinzubauen", sagt Armin Serwani. "Von hier oben hat man einen zauberhaften Blick auf die Burg und die Weinberge." Armin Serwani ist von Beruf Eisenbahner und sitzt für die FDP im Parlament des Verbands Region Stuttgart. In einer Untersuchung hat die Region mehrere Korridore für Seilbahnen ausgemacht: In Schwieberdingen und Sindelfingen, wo große Mobilitätsunternehmen sitzen, aber eben auch drei Strecken in Esslingen.

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"Man hätte hier oben den Scharnhauser Park angebunden, man fährt hier mit einer Seilbahn über die Weingärten drüber, eine optimale Aussicht. Ich glaube, da würden sehr viele touristisch interessierte Leute auch hier hochkommen. Man hätte dann unten Esslingen angebunden, man kann den Bahnhof anbinden. Es ist ideal hier. Also ich verstehe nicht, weshalb die Stadt Esslingen nicht sofort hingeht und plant", sagt Serwani.

Neue Dimension von Infrastruktur

Höher liegende Stadtteile werden bisher von Bussen angefahren, wie der Zollberg im Süden oder Rüdern und die Neckarhalde im Norden. "Ja, wunderbares Beispiel 'Neckarhalde'." Esslingens Erster Bürgermeister Wilfried Wallbrecht hat das Thema Seilbahn wiederholt im Gemeinderat erörtert:

"Es wird immer wieder angeführt, dass es solche Seilbahnsysteme gibt in Amerika, in Millionenstädten. Neckarhalde hat ein paar Hundert Einwohner und Sie können sich vorstellen, da gibt es vielleicht 200 bis 300 Fahrten am Tag. Und das würde eine neue Dimension an Infrastruktur erfordern, und da bin ich sehr skeptisch, ob das nur annähernd wirtschaftlich betreiben werden kann dauerhaft."

Ob ÖPNV auf Schiene, Straße oder in der Luft: Die Wirtschaftlichkeit hat bei neuen Verbindungen Priorität, um von Bund und Land gefördert zu werden. Auch bei Seilbahn-Strecken müssen Kosten und Nutzen gegeneinander abgewogen werden. Bei den rechtlichen Fragen hat der Baudezernent ebenfalls Vorbehalte, "weil es in Deutschland für ein solches Konzept mindestens ein Planfeststellungsverfahren geben muss und private Grundstücke, und zwar nicht nur der Boden, sondern auch die Luft oben drüber, gesetzlich geschützt sind. Das heißt, es wird massive Probleme geben, Baugrundstücke, gewerbliche oder private Wohnbau-Grundstücke zu überfahren."

Vorbehalte und Bürgereinsprüche

Bürgereinsprüche sind Alltag für Verkehrs- und Stadtplaner. "Egal, in welche Dimension sie gehen", sagt Jürgen Wurmthaler, Verkehrsdirektor beim Verband Region Stuttgart, "es ist immer so, ob sie über der Erde schweben oder unter der Erde durchfahren. Anwohner haben aus meiner Sicht ein berechtigtes Interesse zu hinterfragen, ob das mit Beeinträchtigungen verbunden ist und ob die Beeinträchtigungen in Maßen zu akzeptieren sind, für das es auch von Nutzen ist. Und das müssen Sie bei der Seilbahn, wenn sie über der Erde schwebt, genauso machen wie wenn ein Zug unter die Erde durchfährt, Stichwort Tunnel."

​Der Verband hat keine Vorbehalte gegen Seilbahn-Projekte und unterstützt die Städte und Gemeinden, die über Ortsgrenzen hinweg Seilbahntrassen bauen wollen. Die Kommunen müssen jedoch das Projekt selbst vorantrieben – wie in Stuttgart.

Stadtplaner Stephan Oehler ist für das Thema sehr aufgeschlossen, er hat aber auch Verständnis für die Skeptiker: "Es ist auch klar, dass solche Trassen nicht überall Beifall auslösen, das, was die Leute da bewegt, das nehmen wir ernst und das wird im weiteren Verfahren auch behandelt."

Das gilt auch für die Bedenken der Bürgerinitiative, die sich um das Naherholungsgebiet Rosental in Stuttgart-Vaihingen sorgt. Dort wird auch eine alternative Stadtbahn-Verbindung geprüft. Was viel Zeit benötigt. "Der Bau der Seilbahn ist nämlich auch einem Schienensystem haushoch überlegen, weil die Seilbahn relativ schnell umgesetzt werden kann." Die Uhr jedoch tickt. Das weiß man in der Verwaltung wie in den Parlamenten von Stadt und Region.

Armin Serwani hofft, "dass wir in Stuttgart die Seilbahn bis 2027 zur IBA fertig bekommen. Das wird ein Ziel sein. Auch wenn es in Deutschland noch keine Erfahrung als ÖPNV-Mittel gibt, sollen wir in Stuttgart anfangen. Wir wollen die Hauptstadt der Mobilität werden und damit auch der neuen Mobilität. Und da gehört eine Seilbahn dazu."

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