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Im Gespräch | Beitrag vom 25.06.2018

Enthüllungsjournalist Günter Wallraff "Bei mir ist die Methode nur Mittel zum Zweck"

Günter Wallraff im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Der Autor Günter Wallraff in seiner Wohnung in Köln, aufgenommen 2017 (imago/epd)
Die "Methode Wallraff" ist für viele Investigativjournalisten zum Vorbild geworden. (imago/epd)

Günter Wallraff ist ein Kämpfer gegen soziale Missstände und Machtmissbrauch. Bekannt geworden ist er als Reporter "Hans Esser" und als Hilfsarbeiter "Ali". Zuletzt hat er die zum Teil katastrophalen Zustände in der Pflege kritisiert.

Als Reporter Hans Esser enttarnte Günter Wallraff bei der "BILD"-Zeitung die Recherche-Methoden des Boulevardjournalismus. Für sein Buch "Ganz unten" schlüpfte er in die Rolle des Hilfsarbeiters Ali, um die gefährlichen und menschenverachtenden Verhältnisse in der Industrie anzuprangern und zu zeigen, was es bedeutet, in Deutschland Ausländer zu sein. 1974 ließ er sich in Griechenland von Handlangern der Militärdiktatur als politischer Gefangener verhaften und schilderte danach die Foltermethoden der Sicherheitspolizei.

Seine "Methode Wallraff" ist für viele Investigativjournalisten Vorbild geworden. In Schweden gibt es für seinen Recherche-Stil sogar einen Begriff: "Wallraffing". Der Journalist, der für seine Recherchen mit diversen Prozessen belegt wurde, ist auch in die Gesetzgebung eingegangen, mit der "Lex Wallraff". Seit 2012 deckt er mit der RTL-Sendung "Team Wallraff – Reporter undercover" Missstände auf.

Methode als Rückzug aus einer privilegierten Stellung

Mit einer Stiftung fördert Günter Wallraff Nachwuchs, der über Wochen und Monate Missstände in der Gesellschaft durch verdeckte Recherchen erforschen und offenlegen möchte. Den Begriff des "Undercover-Journalismus" könne er nicht leiden, sagte Wallraff. Er beschrieb seine journalistische Methode als Rückzug aus einer privilegierten Stellung in die Anonymität von Menschen, die wenig Aufmerksamkeit bekämen und kein Sprachrohr hätten. Diesen Menschen stelle er sich "zur Verfügung". Es sei versucht worden, seine Methode als Aktionskunst zu bezeichnen.

"Das habe ich aber immer abgelehnt, denn Kunst darf alles. Damit würde es verharmlost und man würde nicht mehr zur Sache reden, sondern die Methode als solche stünde dann im Vordergrund. Aber bei mir ist die Methode nur Mittel zum Zweck."

Spricht sich für Wiedereinführung der Wehrpflicht aus

Günter Wallraff sprach sich dafür aus, eine Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht zu erwägen. Wallraff hatte während seiner Zeit bei der Bundeswehr 1963 Tagebuch über seinen Dienst geführt. Als er die Veröffentlichung des Tagebuchs ankündigte wurde er 1964 von einem Militärarzt mit dem Befund "abnorme Persönlichkeit" und "untauglich für Krieg und Frieden" aus dem Dienst entlassen. Die Bundeswehr sei in den 1960ern ein Ort gewesen, an dem viele ehemalige Nationalsozialisten dienten. Wallraff sieht im heutigen Charakter der Bundeswehr als Berufsarmee die Gefahr, dass diese zu einer geschlossenen Gesellschaft werden könnte.

Inzwischen gebe es in Deutschland kaum noch Orte, an denen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zusammenkämen. Die Bundeswehr könne ein solcher Ort der Begegnung sein:

"Wir leben heute immer mehr in geschlossenen Gesellschaften, einer Art Kastengesellschaft. Wo gibt es noch jemanden aus einer Arbeiterfamilie, der Parlamentarier ist? Das war aber mal anders vorgesehen. Heute frage ich mich, ob eine Wehrpflicht nicht doch demokratischer wäre. Es hätte für die Demokratie mehr Vorteile. Wenn Menschen aus verschiedenen Schichten früh im Leben zusammenkommen, ist das oft prägend. Und das fehlt."

Nahm immer wieder Verfolgte in seinem Haus auf 

Wallraff nahm im Laufe seines Lebens immer wieder verfolgte prominente Künstler für eine Zeit in seinem Haus auf. So zum Beispiel Wolf Biermann nach dessen Ausbürgerung aus der DDR oder Salman Rushdie nachdem dieser mit einer Fatwa belegt worden war. Zurzeit hat Günter Wallraff den früheren Kunstberater Helge Achenbach bei sich zu Gast, der Anfang 2015 wegen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war und jetzt auf Bewährung entlassen wurde.

"Achenbach ist das Musterbeispiel einer Resozialisierung. Er sagt von sich, er habe sich im Gefängnis entmaterialisiert. Er ist, auch mit Hilfe einer sehr guten Gefängnis-Psychologin, ein anderer Mensch geworden. Er will sich im Rahmen einer Stiftung jetzt für verfolgte Künstlern aus dem Iran, dem Irak, Syrien und der Türkei einsetzen."

Wallraff beschrieb sich als Menschen mit einem schwachen Ego. In diesem schwachen Ego sei allerdings auch seine Fähigkeit begründet, sich in andere hineinzuversetzen.

Scharft Kritik an Zuständen in Altenpflegeheimen 

"Ich bin privilegiert und will mich nützlich machen, solange ich das noch kann."

Deshalb habe er sich vor kurzem unter falschem Namen als Demenz-Kranker in ein Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt eingewiesen.

"In diesem Pflegeheim war das Pflegepersonal sehr liebevoll und zugewandt, natürlich wie überall überarbeitet. Das Essen war schlimm, aber die Gesamtatmosphäre war so, dass ich es anonymisiert veröffentlicht habe. Aber sonst ist das, was ich täglich aus Altenpflegeheimen höre, ganz, ganz entsetzlich, gegen die Menschenwürde. Eigentlich müsste der Verfassungsschutz verdeckte Ermittler in solche Einrichtungen schicken, denn das verstößt gegen Grundgesetz Artikel 1, die Würde des Menschen ist unantastbar. Da werden Menschen Tag für Tag entwürdigt, müssen sterben, sie verrotten, das Pflegepersonal wird krank und viele halten das nicht länger als fünf, sechs Jahre aus."

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