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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.10.2005

Enthüllungen über den Pionier der Lüfte

Rudolf Schröck: "Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh"

Rezensiert von Stefan Amzoll

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Charles A. Lindbergh kurz vor seinem Atlantikflug im Jahr 1927, vor seinem Flugzeug "Spirit of St. Louis". (AP Archiv)
Charles A. Lindbergh kurz vor seinem Atlantikflug im Jahr 1927, vor seinem Flugzeug "Spirit of St. Louis". (AP Archiv)

Charles Lindbergh wurde durch seinen Atlantikflug 1927 weltberühmt. Dass die Öffentlichkeit trotz seiner Pioniertat nicht alles über den Piloten wusste, zeigt Rudolf Schröck in seinem Buch "Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh".

Um es gleich zu sagen: das Buch über den Flieger, der 1927 als erster Mensch solo den Atlantik überquerte, ist spannend zu lesen, es ist erhellend, faktenreich, argumentationsscharf und voller Beweismaterial. Beweise, wozu? Wo doch äußerlich alles stimmig scheint? Der Siegeszug des Piloten nach seiner Pioniertat, die Resonanz der Weltöffentlichkeit, nachdem Lindbergh sämtliche Unionsstaaten Amerikas überflogen hatte, die höchsten Ehrungen, die ihm zuteil wurden, die glänzende Karriere, die dem Engel der Lüfte fortan offenstand. Mit einem Wort: ein perfekter Held. Was da noch schreiben?

Zunächst: der Titel des Buches von Rudolf Schröck "Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh" zielt auf Enthüllung, aber es ist alles andere als reißerisch. Es suggeriert keine Lovestory. Noch das Privateste ist eingewoben und mit Kontexten versehen. Die Zeichnung geschichtlicher Hintergründe gibt dem Buch Profil. Stellenweise liest es sich wie ein Politthriller. Was darüber jetzt zu lesen, zu hören und sehen ist, beißt sich an einer Groschengeschichte fest, die gar nicht da ist. Tatsächlich, der Amerikaner Lindbergh besaß lange Zeit ein paralleles Liebesleben mit ehrenwerten Damen aus Europa, alles top secret zu seinen Lebzeiten und noch lange danach. Zu dem Doppelleben, das schon länger bekannt ist, nur soviel: es ging seit den 50er Jahren. Eine der Geliebten war die Hutmacherin Brigitte Hesshaimer aus München, sie gebar drei Lindbergh-Kinder. Dyrk, Astrid und David haben an dem Buch mitgeschreiben, sie lieferten Material aus dem Familienarchiv und steuerten Erinnerungen bei. In einem Lexikon steht:

"Lindbergh war zeitlebens bestrebt, sein eigenes Genmaterial weiterzugeben. Nach der Ermordung seines von Kriminellen entführten ersten Sohnes Charles kündigte er an, dass es noch viele Lindberghs geben werde. "

Wie wahr. Lindbergh liebte das Leben. Er sah die Welt von unten wie von oben, die Horizonte und Himmel, die Weite der Länder und Kontinente, er war fasziniert von der Natur und der menschlichen Natur. Sein Wissensdrang überstieg bei weitem den Durchschnitt. Nicht nur die Fliegerei und ihre Technik beschäftigten ihn, der Pilot stand in Diensten der Entwicklung der zivilen Luftfahrt, er, der sich später auch der medizinischen Forschung zuwandte und - im Glück wie Unglück - politisch einmischte, der unbequem war.

Von all dem redet das Buch. Und es argumentiert, bringt eine Fülle Fakten, klärt auf, setzt sich auseinander. Zum Beispiel mit dem unendlich wiederholten angeblichen Nazitum des Fliegerpioniers.

"Dem bäuerlichen Sturkopf aus Minnesota wollte es nicht über die Lippen kommen, dass der Nazismus eine Gefahr für die Juden, die Freiheit, den Frieden und die Menschenrechte war. "

Tatsächlich hatte sich Lindbergh, als er in Diensten der US-Botschaft in Berlin außeramtliche Spionage betrieb, einige Male verbal vergriffen, so dass es schien, er sei Hitler-Gänger und Antisemit. Schröcks Buch belegt: Im Wesen war Charles weder Nazisympathisant noch Antisemit. Er war lediglich von gewissen Dingen fasziniert, etwa von den Fortschritten der deutschen Luftfahrtechnik.

Schröck entwickelt sodann die Ereigniskette, wie Charles zum unfreiwilligen Hauptfeind Roosevelts wurde. Lindbergh focht die scheinheilige Neutralitätspolitik der US-Regierung seit 1940 an. Diese suchte in Wirklichkeit den Pakt mit England und den raschen Eintritt in den Krieg. Der US-Held trat landesweit vor hunderttausenden von Zuhörern auf, er hatte eine Resonanz, wie sie nicht einmal Präsidenten beschieden war. Lindbergh warf der Regierung vor,

"das Leben von Millionen Amerikanern opfern zu wollen für die Interessen des Großkapitals und des britischen Empires. "

1941, nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour, änderte sich das Bild.

"Amerika kannte keine Parteien mehr, nur noch Patrioten, die in den Krieg ziehen sollten. - Nur einige wurden nicht genommen. Zum Beispiel: Charles Lindbergh. "

Gleichwohl: Er meldete sich freiwillig als Pilot - wurde aber auf Veranlassung Roosevelts als "Defätist" abgelehnt. Trotzdem kam Lindbergh als "ziviler Berater" an die Pazifik-Front und flog 50 lebensgefährliche Bombereinsätze.
Schröck fragt:

"Handelt so ein "Faschisten-Freund"?"

Später erkannte er als einer der ersten Ökologen die Bedrohung des Weltklimas durch die rücksichtslose Ausbeutung des Regenwaldes. Schröck:

"Lindbergh spürte, dass westlicher Industrialismus (oder Globalisierung, wie man heute sagen würde) und Ökologie nicht kompatibel waren. "

Und der alte Lindbergh selbst:

"Wo die Zivilisation am weitesten fortgeschritten ist, leben kaum noch Vögel. Inzwischen weiß ich: Wenn ich wählen müsste, hätte ich lieber Vögel als Flugzeuge. "

Rudolf Schröck: Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh. Der berühmteste Flugpionier aller Zeiten - seine wahre Geschichte
Heyne Verlag München 2005
368 Seiten / 19.90 Euro

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