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Konzert / Archiv | Beitrag vom 06.04.2021

Ensemblekonzert zu Strawinskys 50. TodestagDie Schulen von Paris

Moderation: Volker Michael

Der Komponist Igor Strawinsky 1927 (digital nachcoloriert) (IMAGO/Leemage)
Der Komponist Igor Strawinsky 1927 (digital nachcoloriert) (IMAGO/Leemage)

Ein Konzert mit selten zu hörender Musik vor allem für Blasinstrumente in Kammermusikformationen des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin - Werke aus den "Pariser Schulen", auf die das Schaffen des Exilrussen und Kosmopoliten Igor Strawinsky stark gewirkt hat. Der Komponist ist am 6. April 1971 gestorben.

An seinem 50. Todestag wird Igor Strawinsky umfassend gewürdigt, soweit es die Pandemiebeschränkungen zulassen. Wir bieten Ihnen an dieser Stelle Aufnahmen von Kammermusikwerken, die das Wirken Strawinskys und seiner Zeitgenossen in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg in Paris lebendig werden lassen. Ausgehend von seinem ungewöhnlich besetzten Bläseroktett entfaltet sich ein Kaleidoskop an Musik, das die unverfälschte Frische und neuartige Sicht auf musikalische Traditionen und auf klingende Alltagskultur auf höchstem künstlerischen Niveau zeigt.

Das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie Berlin 2019 (Peter Adamik/DSO Berlin)Das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie Berlin 2019 (Peter Adamik/DSO Berlin)

Igor Strawinsky nahm auf kreativ-spielerische Weise die Herausforderungen auf, die das Kulturleben nach der Urkatastrophe des 1. Weltkrieges meistern musste. Der megalomane Überwältigunggskult der riesig besetzten Opern, Oratorien und Chorsinfonien war unpraktikabel, unbezahlbar und auch ästhetisch nicht mehr vermittelbar.

(Eda Records)Der Komponist Szymon Laks (Eda Records)

Die kleinen Besetzungen vor allem für Blasinstrumente entsprachen dem Zeitgeist, den Strawinsky maßgeblich mitbestimmt hatte. So unterschiedliche Komponisten wie Jacques Ibert, Marcel Mihalovici, George Antheil und Szymon Laks griffen die Ideen auf und setzten sie nach eigenen Maßgaben in einen neuen Musikstil um, der die jeweilige kulturelle Herkunft vielfältig widerspiegelt. Strawinsky kam aus Russland, Antheil aus den USA, Mihalovici aus Rumänien und Laks aus Polen, während Ibert einer der ganz wenigen "eingeborenen" Pariser war in den "Pariser Schulen". 

Hommage an das Europa der offenen Grenzen

Die europäische Musikgeschichte war zu allen Zeiten geprägt durch Migration, durch Kulturtransfer, durch Anregungen "von außen". Dieses Konzertprorgamm, das der Musikverleger Frank Harders-Wuthenow gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und den beiden Solistinnen Adele Bitter und Holger Groschopp entwickelt hat, ist vor allem eine Hommage an das Europa der Offenheit, der Toleranz, der Freiheit des Transfers nicht nur von Waren, sondern von Ideen und Werten. Das Paris der 1920er Jahre steht dafür bis heute exemplarisch.

Der Titel "Écoles de Paris" des Programms knüpft an den historischen Begriff der "École de Paris" an, der freundschaftliche Zusammenschluss von Komponisten aus fünf Ländern (Martinů, Tansman, Tscherepnin, Mihalovici, Beck), die in ihrem Kompositionsstil Traditionen ihrer Herkunftsländer mit den Errungenschaften der Avantgarden der Epoche zu verschmelzen wussten.

Schmelztiegel Paris

Aber im Paris dieser Zeit gab es noch andere Gruppierungen – deswegen "Écoles" im Plural – wie die "Jeunes musiciens polonais", für die Szymon Laks steht. Es gab einzelne Lichtgestalten wie Igor Strawinsky und das stark von ihm beeinflusste Kompositions-Seminar Nadia Boulangers – im Programm vertreten durch den Amerikaner George Antheil – und weltoffene französische Komponisten wie Jacques Ibert, die der deutschen Besetzung und dem Vichy-Regime Widerstand entgegensetzten.

Krieg und Verfolgung zerstörten den kulturellen Reichtum. Strawinsky rettete sich ins amerikanische Exil, Mihalovici und seine Frau, die renommierte Pianistin Monique Haas, beide jüdischer Abstammung, überlebten in der "Zone libre" in Südfrankreich, Ibert, von allen Ämtern enthoben und mit Aufführungsverbot belegt, ging in die innere Emigration, Szymon Laks überlebte das KZ Auschwitz als Mitglied und Leiter einer Männerkapelle in Birkenau, Antheil kehrte 1933 nach Amerika zurück und betätigte sich in der "Anti-Nazi League" in Hollywood.

Großer Sendesaal im Haus des Rundfunks Berlin
Aufzeichnung vom 3. April 2021

Igor Strawinsky
Oktett für Bläser

Jacques Ibert
Concerto pour violoncelle et instruments à vent

Marcel Mihalovici
"Étude en deux parties pour piano concertant, bois, cuivres, célesta et batterie" op. 64

George Antheil
Concerto for Chamber Orchestra (Octet for Winds)

Szymon Laks
"Concerto da camera" für Klavier, neun Bläser und Schlagzeug

Adele Bitter, Violoncello
Holger Groschopp, Klavier
Gergely Bodoky, Flöte
Upama Muckensturm, Flöte, Piccolo
Thomas Hecker, Oboe
Max Werner, Oboe, Englischhorn
Thomas Holzmann, Klarinette
Bernhard Nusser, Klarinette, Bassklarinette
Karoline Zurl, Fagott
Markus Kneisel, Fagott, Kontrafagott
Joseph Miron, Sarah Ennouhi, Horn
Falk Maertens, Matthias Kühnle, Trompete
András Fejer, Rainer Vogt, Posaune
Johannes Lipp, Tuba
Jens Hilse, Pauken
Roman Lepper, Henrik Magnus Schmidt, Thomas Lutz, Daniel Tummes, Schlagzeug
Majella Stockhausen-Riegelbauer, Celesta
Leitung: Johannes Zurl

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