Hörspielmagazin, vom 26.01.2020

Enis Maci über ihr Theaterstück und Hörspiel "AUTOS""Wie eine Detektivin spüre ich Indizien auf"

Enis Maci im Gespräch mit Lene Albrecht

Für die Dramatikerin Enis Maci ist ein Auto vieles: Statussymbol, mörderisches Kraftfahrzeug, schützende Blechhaut und Mittel zum Verschwinden. Im Interview spricht die Autorin unter anderem über das Sammeln und Kombinieren von Geschichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Die Theaterautorin und Essayistin Enis Maci (Foto: privat)
Wurde 2018 in der Kritiker*innen-Umfrage von "Theater heute" zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres gewählt: Enis Maci. (Foto: privat)

Deutschlandfunk Kultur: Enis Maci, Ihr Hörspiel "AUTOS" beginnt so: Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen im Auto, sie fahren die "Gastarbeiterroute" ihrer Eltern nach und erinnern sich an die Erfahrung der Elterngeneration, die ausgewandert ist. Welche Rolle spielt dieses Erinnern im Auto?

Enis Maci: Die Idee von Erinnerung zweiter Hand sozusagen, die weitergegeben wird von Generation zu Generation oder möglicherweise auch einfach nur von Person zu Person in Akten des Wiedererzählens und Auslassens und so weiter, begleitet mich schon länger. Und ich könnte gar nicht genau sagen, was mich zuerst dazu gebracht hat, "AUTOS" zu schreiben. Aber es ging stark darum, dass das Auto in dem Moment so etwas Gewaltiges, potenziell Mörderisches, war. Als ich das geschrieben habe, lebte ich in London und der Anschlag auf der Westminster-Brücke war allgegenwärtig. Und gleichzeitig steht das Auto für eine Freiheit und für ein "es geschafft haben". Irgendwie.

Deutschlandfunk Kultur: Inwiefern?

Enis Maci: Ich habe kürzlich mit dem Bus die deutsch-luxemburgische Grenze überquert. Sobald man nach Luxemburg reinfährt, sind überall Schilder, die warnen, dass man unter keinen Umständen schneller als 100 fahren darf, weil auf dieser Straße natürlich ihr Auto liebende deutsche Fahrer unterwegs sind, für die Tempo 130 der Inbegriff der Freiheit ist. Aber eben auch nicht nur diese Erzählung vom Auto als ein Versprechen, sondern natürlich auch so eine migrantische oder postmigrantische Erzählung davon, dass man dann diesen Mercedes hatte und mit dem dann nach Hause (wenn es das denn überhaupt gibt) fuhr und so weiter und so fort. Ich habe viele Geschichten zu Autos im Hinterkopf, die mir vielleicht eingeschrieben sind, weil ich sie sowohl konsumiert als auch erfahren habe.

Deutschlandfunk Kultur: In Ihrem Essayband "Eiscafé Europa" heißt es an einer Stelle: "Jeder Schreibakt begann damit, dass ich die Notizen per ‚Steuerung F‘ nach relevanten Stichwörtern durchforstete". Sind Sie eine Art Sammlerin, die unterschiedliche Stränge zueinander in ein Verhältnis bringt?

Enis Maci: Ja, das stimmt… Ich glaube, dass sich mein Verfahren zum Beispiel von einem strikt auf Recherche basierenden Schreiben unterscheidet, weil am Anfang des Arbeitens eben noch nicht klar ist, welche dieser Spuren überhaupt relevant sein werden, und weil das Sammeln der Hinweise eigentlich dem Arbeiten selbst vorausgeht. Wie eine Detektivin spüre ich diejenigen Indizien auf, die auf ein bestimmtes Verbrechen hinweisen. Und erst im Schreiben wird überhaupt herausgefunden, welches das sein könnte. Und ich denke, das strikte Recherchieren - gegenüber der auf Informationen Sammeln basierenden Methode - verlässt sich eher darauf, dass man schon vorher weiß, wo man hin will.

Deutschlandfunk Kultur: In "AUTOS" tauchen reale Fälle auf. Da ist zum Beispiel Olga Hepnarová, die im März 1973 als erste Selbstmordattentäterin mit einem LKW in Prag in einer Menschenmenge raste. Welche Bedeutung hat für Sie gefundenes Material bei der Recherche für einen Stoff?

Enis Maci: Gefundenes Material ist ein ganz zentraler Ausgangspunkt meiner Arbeit. Meistens gibt es schon vorher eine Idee oder eine Art Keim. Oder, sagen wir, vielleicht eine Spur, auf die ich mich begebe. Und in dem Moment, in dem man mit der Wirklichkeit, die über einen selbst hinaus weist, konfrontiert ist, sieht man ja die ganze Zeit weitere Hinweise oder Assoziationsfelder, die irgendwie damit zu tun haben. Und die gilt es dann zu beackern.

Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte um Olga Hepnarová ist ja eigentliche eine verschüttete. Bei einem Selbstmordattentat denken wir an erster Stelle an einen ideologischen Anschlag, oder?

Enis Maci: Genau. Als ich das Stück verfasst habe, habe ich auch teilweise in London gewohnt. Und gerade dort war das Klima geprägt von Angst vor weiteren Attentaten. Gerade solche, die mit einem Auto durchgeführt werden. Es ist viel die Rede davon gewesen, dass das ein innovativer Ansatz des sogenannten Islamischen Staats sei. Und das hat mich interessiert. Und dann bin ich auf die Geschichte von Olga Hepnarová gestoßen, die – wie ja oft eine Sache genauso wahr ist wie ihr Gegenteil – einerseits verschüttet war, andererseits aber gar nicht. Es gibt sogar einen Spielfilm über ihren Fall, der auf der Berlinale gelaufen ist, den man aber vielleicht eher als Psychogramm deuten kann. Mich interessieren aber eher die Verhältnisse, die zu einer bestimmten Tat führen können, oder die Rhetorik, die um einen bestimmten Diskurs herum stattfindet.

Enis Maci bei den Hörspielaufnahmen im Studio von Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio / Anke Beims)Enis Maci bei den Aufnahmen zu "AUTOS" im Hörspielstudio von Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio / Anke Beims)

Deutschlandfunk Kultur: Geht es Ihnen darum, wie Wirklichkeit erzählt wird?

Enis Maci: Genau. Und darum, wie Wirklichkeit im Erzählen hergestellt wird, jedes Mal aufs Neue, auch im Wiedererzählen und in den Variationen und Auslassungen, die unweigerlich stattfinden, wenn man wieder erzählt.

Deutschlandfunk Kultur: Ganz unterschiedliche Bruchstücke finden Eingang in Ihr Hörspiel. Da ist die Selbstmordattentäterin Olga Hepnarová, dann ist da der DSDS-Sänger Daniel Küblböck, der seit September 2018 verschollen ist, nachdem er vom Bord eines Kreuzfahrtschiffes in den Nordatlantik gesprungen war. Um seine Figur und die Frage, warum er womöglich Selbstmord begangen hat, ranken auch viele Verschwörungstheorien. Wie sind diese beiden Geschichten für Sie zusammengekommen?

Enis Maci: In AUTOS geht es auch um das Verschwinden. Und Daniel Küblböck ist ja gewissermaßen verschwunden. Oder er hat sich für das Verschwinden entschieden. Und die Berichterstattung darüber hat mich stark erinnert an die Geschichte von Bas Jan Ader, diesem niederländischen Künstler, der verschollen ist bei seinem Versuch, den Atlantik zu überqueren, was eigentlich Teil einer längeren Performance sein sollte. Und diese Geschichte wiederum war mir vertraut geworden durch "Schlafgänger" von Dorothee Elmiger. In dem Moment verknüpft sich also eine lange zurückliegende Lektüreerfahrungen mit der Berichterstattung über jemanden, über den eigentlich immer nur mit Häme berichtet worden ist, zu etwas anderem Dritten, das vielleicht ein Erforschen dessen ist, was Verschwinden bedeuten kann.

Deutschlandfunk Kultur: An einer Stelle taucht die Formulierung "unsere Blechhaut" auf. Was verkörpert dieses Bild für Sie? Einen Panzer, der schützt, der aber auch verletzen kann? Der einen von der Welt abgrenzt, einen gleichzeitig aber auch mit der Welt konfrontiert?

Enis Maci: So sehr das Auto selbst etwas Gefährliches sein kann, ob absichtlich oder nicht, so sehr ist sein Inneres auch ein Schutzraum, ein realer oder einer, von dem man möglicherweise träumt, wenn man in der U-Bahn sitzt und die anderen stinken und schwitzen und man hat überhaupt keinen Bock jetzt. Und dieser Übergang zwischen Innen und Außen, der ist ja wirklich nicht mehr als eine Haut. Das ist ja vor allen Dingen eine Abmachung, an die man sich hält, so wie jede Tür eigentlich auch nur ein Vorschlag ist. Die meisten von ihnen könnten sehr einfach niedergerissen werden. Und in dem Moment, in dem ich dann zum Beispiel später über die Argentinische Ameise schreibe, habe ich eben das Gefühl, dass das Material, das mir sozusagen über die Füße läuft, eigentlich danach schreit, mit eingebunden zu werden. Handelt es sich doch bei ihr auch um ein Tier mit einem Exo-Skelett.

Deutschlandfunk Kultur: Stimmt, das Exo-Skelett spielt auch eine Rolle in "AUTOS". Was ist das genau?

Enis Maci: Der Mensch hat ein Endo-Skelett, die Knochen sind innen und das Fleisch ist außen, und bei vielen Insekten, vielleicht auch bei allen, das weiß ich gar nicht genau, ist eben der knöcherne oder aus Chitin bestehende Panzer außen und schützt das Innere. Was mir irgendwie auch logischer erscheint. Aber ja, jetzt funktioniert ja die Evolution nicht nach Maßstäben der Logik… (lacht)

Deutschlandfunk Kultur: Welche Beziehung haben Sie denn zur Blechhaut? Zum Auto?

Enis Maci: Ich bin ganz lange ohne Auto aufgewachsen und habe vielleicht auch deshalb keinen Führerschein. Aber 2020 wird das Jahr, in dem ich ihn mache.

Deutschlandfunk Kultur: Wir wünschen Ihnen viel Erfolg dabei.


Das Interview für Deutschlandfunk Kultur führte Lene Albrecht.


Zum Hörspiel: 
Hörspiel über eine Reise auf der Gastarbeiterroute - AUTOS
(Deutschlandfunk Kultur, Hörspiel, 26.01.2020)