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Tonart | Beitrag vom 03.12.2019

Engagement oder Marketing?Pop-Stars wollen das Klima retten

Von Juliane Reil

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Coldplay-Frontmann Chris Martin bei einem Auftritt in Paris 2017 (imago images / UPI Photo)
Statt großer Stadiontour gaben Coldplay nur ein Benefiz-Konzert. (imago images / UPI Photo)

Billie Eilish, Coldplay oder U2: Immer mehr populäre Musiker setzen sich für Umweltschutz ein. Massive Attack finanzieren jetzt sogar eine Studie zum CO2-Verbrauch in der Musikbranche. Kann das mehr sein als grüner Ablasshandel und Symbolpolitik?

Mit Greta Thunberg und "Fridays for Future" ist der Klimawandel seit einem Jahr verstärkt in die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Es gibt immer mehr Menschen und Initiativen, die sich für Umwelt und Nachhaltigkeit einsetzen und öffentlich ihre Stimme erheben. Auch in der Popmusik. Das Engagement geht teilweise über das musikalische Statement – etwa in Form eines Songs – hinaus.

Aber bringt das was? Und ist das mehr als grüner Ablasshandel und Symbolpolitik? Wer heute als Popstar etwas auf sich hält, hat auf seinem Album mindestens einen Greta-Song. Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind "in". "No Future" war gestern, heute geht die Zukunft demonstrieren.

Marketing mit gutem Gefühl

Auch die Popstars haben die Botschaft mitbekommen und beginnen, neben nachdenklichen Songs zum Thema, konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Teenie-Idol Billie Eilish etwa. Die 18-Jährige rief kürzlich – zusammen mit dem US-Schauspieler Woody Harrelson – in einem Video den Klima-Notstand aus.

Auf ihren Konzerten soll es keine Plastikstrohhalme und Einweg-Becher mehr geben. Dafür ein "Billie-Eilish-Ökodorf", wo sich Fans über den Klimawandel informieren können.

Das ist vor allem eins: Marketing mit dem guten Gefühl, etwas für die Umwelt getan zu haben. Denn: Wenn Eilish das Klima wirklich retten wollte und ein nachhaltiges – pardon: "nachdrückliches" – Zeichen setzen wollte, dann würde sie die Welttour mit dem Jet absagen. Zumal ihre Fans vermutlich auch nicht mit dem Fahrrad zu den Konzerten kommen.

Kleine Clubtour statt großer Stadien

Die Kollegen von Coldplay gehen schon einen Schritt weiter. Pünktlich zur Veröffentlichung des neuen Albums vor gut einer Woche gab die Band um Chris Martin bekannt, erst wieder um die Welt touren zu wollen, wenn das unter klimafreundlichen Bedingungen möglich ist. Statt großer Stadiontour gab es ein einziges Konzert im Londoner Naturkundemuseum, deren Einkünfte an eine wohltätige Organisation gingen.

Das ist löblich. Aber muss es denn die Welt sein? Und die großen Stadien? Könnte nicht gerade eine Band wie Coldplay, die sich dermaßen in Demut übt, einfach nur bescheiden sein, und mit dem Zug eine kleinere Clubtour durch Europa machen?

Das wäre mal ein Statement: Die Künstler selbst würden nämlich ihre Komfortzone verlassen – und eine anschlussfähige Alternative auch für kleinere Bands aufzeigen.

Ein Wald voller Studien reicht

Massive Attack hingegen touren weiter. Bei ihren zukünftigen Tourneen wollen die Trip-Hop-Pioniere aus Bristol ihren eigenen CO2-Fußabdruck wissenschaftlich erfassen lassen. Und haben deshalb eine Studie an der Universität Manchester in Auftrag gegeben, die ein Konzept für nachhaltiges Touren entwickeln soll.

Nur, was soll diese Studie zu Tage fördern, das wir nicht schon längst wissen? Vielleicht, dass die Abgase eines Tourbusses der Atmosphäre mehr schaden, als die Joints, die Robert Del Naja & Co. auf der Tour rauchen?

Nein, aber im Ernst: An aussagekräftigen Studien zum Thema "Umwelt" und "Klimaschutz", die sich ohne Weiteres auch auf die Live-Musikbranche übertragen lassen, mangelt es nun wirklich nicht. Insofern wirkt auch dieses Vorhaben wie eine gut platzierte Werbung, die Aufmerksamkeit bringt. Von Bands, die Bäume pflanzen, müssen wir gar nicht erst reden.

Keine Weltrettung durch die Pop-Industrie

Popkünstler und Popkünstlerinnen können sicherlich dazu beitragen, ein Bewusstsein für mehr Klimaschutz zu schaffen. Allein das Video mit dem Klima-Appell von Billie Eilish auf Instagram klickten mehr als zehn Millionen Leute an.

Die Welt beziehungsweise das Klima retten, können Popstars – zumindest in ihrem Bereich – jedoch nicht. Selbst wenn sie das ernsthaft wollten - und sich nicht nur als Retter in der Not inszenieren würden. Dazu müsste die Musikindustrie nämlich aufhören, eine Industrie zu sein.

Aber wollen die Stars, die Fans und die Musikkonzerne tatsächlich auf die Coldplay-Stadion-Tour verzichten? Nein, wollen sie nicht. Pop ist Unterhaltung und lebt vom Glamour. Das ist okay, aber dann sollte man auch dazu stehen: Also, das halbherzige Engagement, liebe Popstars, und vor allem den erhobenen Zeigefinger einfach lassen.

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