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Länderreport | Beitrag vom 13.06.2019

Energiewende auf BayerischMit Vollgas in die Zukunft - oder?

Von Tobias Krone

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Windräder in einem Weizenfeld (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
Bayern bräuchte mehr Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. Der Ausbau von Windrädern aber läuft langsam. (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)

Bayern steht, was den Anteil erneuerbarer Energien angeht, gut da. Das Problem ist aber: Vieles wird durch alte Wasserkraftwerke produziert. Neuere Techniken verbreiten sich nicht schnell genug. Auch wegen mangelnder politischer Unterstützung.

Energie ist in der Regel lautlos. Immerhin, das Wasser, das bei Burghausen 70 Meter den Berg herabschießt, kündigt sich mit einem Grummeln an.

Normalerweise drückt das grüne Wasser der Alz konstant und leise durch die Rohre nebenan in die Turbinen der Alzwerke. Die Strudel im Kanal lassen nur noch die Gewalt der vorangegangenen Sturzfahrt erahnen. Doch für den Radioreporter spendiert die Wacker Chemie einen Freischuss durch den Umleitungsstollen, der in einer meterhohen Gischtfontäne neben dem Kraftwerk in der Salzach mündet – gleich dem Auslauf einer gigantischen Wasserrutsche. Wer hätte vor über 100 Jahren gedacht, dass diese Energie einmal nicht mehr ausreicht?

Damals war ein Unternehmer hierhergezogen, in den allerletzten Winkel Oberbayerns, in das Grenzstädtchen Burghausen. Erklärt der heutige Werksleiter Dieter Gilles: "Der Gründervater Alexander Wacker hatte die Vision, hier eine Chemieproduktion aufzubauen und war da natürlich auf der Suche nach Energie, also, das aus dem Wald zu holen. Die Zeit war vorbei und deswegen ging es natürlich darum: Wie kann man die Wasserkraft nutzen. Und da ist es eben hier die Besonderheit, dass die Alz, die dem Chiemsee entspringt, ein sehr hohes Gefälle hat zur Salzach hin, also es sind fast siebzig Meter."

Silizium aus Norwegen wird in Bayern gereinigt

Alexander Wacker brauchte den Strom des Kraftwerks, um seine Chemiefabrik anzutreiben. Die steht bis heute hoch oben, über der Salzach – sie produziert Silikone, Kleber und chemische Stoffe, die beispielsweise dafür sorgen, dass die Zahnpasta schön fest aus der Tube kommt und stabil auf der Bürste liegt. Doch weltbekannt ist Wacker Chemie inzwischen für den Rohstoff der digitalen Zukunft: Silizium.

"Siliziumscheiben höchstreiner Qualität, die benötigt werden, um Mikroprozessoren und elektronische Speicher herzustellen, also überall in allen elektronischen Geräten finden Sie Silizium von Siltronic." Mittlerweile ist die Wacker-Tochter Siltronic Weltmarktführer für das Polysilicium in Computerchips – das Unternehmen hat die Geheimformel für höchste Reinheit – die entspricht einem klaren See, in den man ein paar Zuckerstücke wirft. Nur auf höchstreinem Silizium funktionieren die Schaltungen auf einem Chip.

Porträtaufnahme von Dieter Gilles vor einem Foto des Wacker-Werkes. (Deutschlandradio/ Tobias Krone)Dieter Gilles ist Werksleiter von Wacker Chemie Burghausen. (Deutschlandradio/ Tobias Krone)

Um das Silizium-Erz aus Norwegen so rein zu bekommen, wird es, plump gesagt, so heiß gekocht und mehrmals destilliert, bis es nur noch Gas ist – und sich dann bei 1000 Grad an glühenden Stäben anreichert. Etwa eine Woche lang.

Heraus kommen silbergraue Stangen hochreinen Polysiliziums – ein Mahlwerk bricht sie in verschiedene Größen, bevor die Brocken dann in alle Welt verschickt werden.

3,1 Terrawattstunden Strom pro Jahr - auch ohne Atomkraft?

Dass dieser Vorgang gigantische Mengen an Strom frisst, das erahnt man an den Trafos, die sich an den Außenwänden aufreihen.

Die Chemiefabrik Wacker Burghausen gleicht äußerlich einem riesigen Umspannwerk mit Raketenabschussrampe. Und seine Stromrechnung gleicht der einer Metropole.

"Im letzten Jahr hatten wir einen Bedarf von 3,1 Terrawattstunden, also das entspricht deutlich mehr als der Stromverbrauch, den die Stadt München hat. Wir haben ungefähr 0,6 Prozent des gesamten Strombedarfs in Deutschland. Den brauchen wir hier am Standort."

Der Standort ist gefährdet. Überall in Deutschland, sagt die Großindustrie. Und vor allem in Bayern. Selbst ein Grüner wie der Landtagsabgeordnete Martin Stümpfig wird unruhig bei diesen Zahlen: "Wir haben momentan 20 Terrawattstunden, also ungefähr 25 Prozent noch Atomstrom in unserem bayerischen Stromnetz."

In drei Jahren ist Schluss mit der Kernenergie. Dann tritt der Ernstfall Energiewende ein. In Bayern, wo man besonders viel Strom benötigt, steigt die Nervosität. Denn niemand hier weiß genau, wie sicher der Strom ist, in einem Bundesland, das bis jetzt noch eher wenig für die Energiewende tut. Und dessen Regierung bisher auch nicht zu wissen schien, welche Bedeutung ein Land wie Bayern überhaupt bei der Energie spielen könnte.

Mit der neuen Energie die eigenen Produkte fördern?

Auf dem Papier steht Bayern mit fast 44 Prozent Anteil an erneuerbaren Energien zwar verhältnismäßig gut da, aber den Großteil davon verdankt das bergige Bayern seinen oft uralten Wasserkraftwerken aus der Pionierzeit der Elektrizität. Beim Anteil von Windrädern ist nur Baden-Württemberg noch schlechter. Der Ausbau in Bayern stagniert, weil die CSU ein Gesetz erlassen hat, das einen großen Abstand zwischen Häusern und Windrädern vorsieht, so dass kaum noch Platz dafür übrig bleibt. Nur beim Solarstrom ist Bayern spitze. Doch das alles lindert nicht die Sorge des Chemie-Werksleiters Dieter Gilles, denn der Strom, den sein Werk frisst, muss grundlastfähig sein: "Grundlastfähig bedeutet, dass ich eben den Strom zu jeder Zeit des Tages und der Nacht anbieten kann. Im Gegensatz zu Strom, der von Schwankungen abhängt wie Wind oder Sonne."

Das ist insofern ein bisschen paradox, als das Polysilicium auch in Solarplatten steckt, die auf Dächern und Feldern Ökostrom gewinnen. Um den Stoff zu produzieren, aus dem die Energiewende ist, braucht Wacker konstanten Strom. Die eine Hälfte gewinnt es mit Wasserkraft und einem eigenen Gaskraftkraftwerk. Die andere Hälfte kommt aus dem Netz – und wehe, wenn nicht! Just an diesem Morgen gab es im Werk einen Spannungsabfall – den ersten seit zwei Jahren. Zum Glück nur kurz. Die wertvollen Siliziumstäbe hörten nicht auf zu glühen, die Produktion konnte weitergehen. Doch für die Zukunft fürchtet Wacker um die Versorgungs-Sicherheit. Welche Stromquelle ihm dabei künftig am liebsten wäre – das sagt Dieter Gilles nur indirekt.

"Man muss ja sagen, wir waren ja von Anfang an Teil der Energiewende. Wir stellen Solarsilizium her, wir haben uns dafür auch eingesetzt, dass Photovoltaik ein wesentliches Standbein ist für die Energiewende, CO2-frei die Sonnenenergie zu nutzen. Das ist natürlich schon ein sehr guter Ansatz. Das Problem ist, dass wir nicht eine Energiewende formuliert haben: Wie kommen wir von dem Zustand der Vergangenheit zu einem möglichst CO2-armen Zustand, sondern es wurde verknüpft mit vielen zusätzlichen Interessen und da stellt sich heraus: Das lässt sich miteinander vereinbaren."

Wacker blickt auf günstigere Strompreise in China

Selbstverständlich hat auch ein Chemiekonzern wie Wacker sein Interesse. Der Strom soll nicht nur sicher, er soll vor allem auch günstig sein. In der Region um Burghausen, wo 10.000 Menschen bei Wacker beschäftigt sind, machten die Verlautbarungen aus der Konzernleitung die Runde. Man sorge sich darum, "dass unsere Energiekosten in Deutschland mehr als doppelt so hoch sind wie in China und das, obwohl sie von Abgaben befreit ist. Einfach in der Beschaffung. Und das ist ein Wettbewerbsnachteil, den wir so auf Dauer nicht aushalten können."

Auch in China stehen Werke von Wacker. Es darf zwar ernsthaft bezweifelt werden, dass der Chemiekonzern auch sein peinlich gehütetes Wissen um die Siliziumproduktion dorthin auslagert, doch die latente Drohung steht erst einmal im Raum.

Martin Stümpfing vor einem großflächigen bunten Gemälde (Deutschlandradio/ Tobias Krone)Martin Stümpfing, Bündnis 90/Die Grünen in Bayern, teilt die Sorgen großer Konzerne bei der Energiewende nicht. (Deutschlandradio/ Tobias Krone)

"Das gehört natürlich auch immer zum Geschäft dazu, dass man sagt: 'Ah, die Strompreise sind viel zu hoch und die Belastung für die Wirtschaft ist viel zu hoch!' Und dieses Drohen mit der Abwanderung. Also, da muss man schon genau hinschauen."

Martin Stümpfig von den Grünen war vor seiner Zeit im Landtag Ingenieur für erneuerbare Energien – und relativiert die Sorgen des Managers: "Bei den Industriestrompreisen sind wir konkurrenzfähig mit dem Ausland."

Ein Gaskraftwerk steht fast still, weil Kohle rentabler ist

Zumindest für Großbetriebe wie Wacker stimmt das. In Österreich, Irland und Frankreich etwa ist der Strompreis für sie zwar niedriger, im Vereinigten Königreich oder den Niederlanden dagegen deutlich teurer. Doch auch die Grünen wollen nicht, dass die Großindustrie abwandert. Sie würden den Strom noch günstiger machen, denn immerhin bestehe der schon zur Hälfte aus erneuerbaren Energien, so Martin Stümpfig. Doch bei der Staatsregierung sehe er wenig Willen, die Energiewende jetzt stärker voranzubringen:  "Wo ist das bayerische Konzept? Dass wir sagen: Klar, wir müssen nicht autark sein? Das ist auch nicht sinnvoll, dass jedes Bundesland für sich komplett seinen eigenen Strom erzeugt. Aber zumindest zu sagen: 60, 70 Prozent übers Jahr gesehen erzeugen wir selbst – und mit welchen Maßnahmen: Da brauchen wir einfach den Ausbau der erneuerbaren Energien."

Als Freunde der Energiewende kann man die CSU, die Bayern jahrzehntelang allein regierte, nicht bezeichnen. Im Parteiprogramm zur Landtagswahl 2018 standen zum Thema ziemlich genau zweieinhalb Sätze: An der Abstandsregel für Windräder sei festzuhalten. Und: "Die Strompreise müssen bezahlbar bleiben." Weil man sich vor der Europawahl auch in der neuen Koalition mit den Freien Wählern bei dem Thema lieber zurückhielt, beschäftigte sich die Öffentlichkeit inzwischen mit dem, was man in Bayern jenseits von verhinderten Windrädern sonst noch so von der Energiewende sehen kann.

Porträtaufnahme von Matthias Kolbe, im Hintergrund ein Acker und das Gaskraftwerk Irsching (Deutschlandradio/ Tobias Krone)Matthias Kolbe wohnt neben dem Gaskraftwerk Irsching. (Deutschlandradio/ Tobias Krone)

Zum Beispiel in Vohburg an der Donau, bei Ingolstadt. Im Ortsteil Irsching steht das Haus des Lehrers Matthias Kolbe – quasi im Schatten des Gaskraftwerks Irsching. Aus dessen Schornstein hat es im vergangenen Jahr insgesamt nur 15 Stunden lang geraucht. Was nicht nur den Nachbarn skurril anmutet: "Das ist halt wirklich schwierig, das dastehen zu haben, zu wissen, es ist eines der modernsten der Welt – und dann läuft es nicht, weil es nicht rentabel ist."

Weil die billige Kohle noch 20 Jahre qualmen darf und das Gas teuer ist, wollten die Betreiber das effiziente Kraftwerk schon dreimal stilllegen, sie dürfen es aber nicht, denn die Bundesnetzagentur braucht es für den Fall, dass Wind und Sonne schwächeln. Im Dorf hat man dafür wenig Verständnis. Der Irrsinn von Irsching, schrieb kürzlich eine Regionalzeitung. Und um diesen perfekt zu machen, wird bald ein neuer, noch modernerer Kraftwerksblock daneben gebaut, der ebenfalls so gut wie nicht laufen soll.

Anwohner wollen kein weiteres unrentables Gaskraftwerk

"Das kommt nur dann infrage, wenn überhaupt kein Windstrom da ist, wenn überhaupt keine Sonne scheint und ich sag mal, wenn es Tag und Nacht regnet möglicherweise und wenn ein paar herkömmliche Kraftwerke den Geist aufgeben. Also die Eventualität der Eventualität der Eventualität… Und, das hat der Kraftwerksleiter selbst gesagt: Vermutlich wird das Teil in den nächsten zehn Jahren überhaupt nicht laufen."

Werner Ludsteck leitet die Stadtratsfraktion der lokalen Liste "Aktive Vohburger" und steht am Rand eines Rapsfelds. Zu seiner Linken steht still das Kraftwerk, zur Rechten die Raffinerie der Bayernoil mit ihrer brennenden Gasfackel. Der pensionierte Banker hat nichts gegen das industrielle Gesicht seiner Heimatstadt, und als grün eingestellter Mensch versteht er auch, dass das neue Gaskraftwerk im Grunde einem ökologischen Zweck dient. Trotzdem: "Die Bevölkerung ist es leid, wenn sie nochmal und wiederholt Grund und Boden hergeben muss. Und die Luft verpestet wird. Wir wollen eigentlich nimmer, wir wollen gar nichts mehr an Industrie bekommen. Wir wollen unsere Heimat behalten."

Porträtfoto von Werner Ludsteck, im Hintergrund das Gaskraftwerk Irsching und ein Acker (Deutschlandradio/ Tobias Krone)Werner Ludsteck engagiert sich in der Vohburger Lokalpolitik gegen das Gaskraftwerk Irsching. (Deutschlandradio/ Tobias Krone)

Mit Heimat kennt sich Ministerpräsident Markus Söder von der CSU aus, der ja zuvor bayerischer Heimatminister war. Vergangene Woche, kurz nach der Europawahl, laden er und sein Energieminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern zur Pressekonferenz, um nun doch einmal über das unangenehme Thema Energiewende zu reden. Schließlich hat bei der EU-Wahl vor allem der Klimawandel die Menschen bewegt. In Söders Rhetorik ist die Energiewende längst Chefsache geworden: "Wir wollen, dass Bayern dabei vorangeht. Nicht den Klimawandel nur zu akzeptieren, sondern etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wir wollen Vorreiter in Deutschland sein und uns in vielen Punkten zu einer Modellregion entwickeln."

In der Sonnenenergie, wo Bayern schon Vorreiter ist, will Söder noch stärker werden und mehr als doppelt so viel landwirtschaftliche Fläche wie bisher zu Solarparks machen. Doch mit Sonnenenergie allein gibt es keinen grundlastfähigen Strom. Und hier kommt Energieminister Aiwanger auf die Gaskraftwerke zu sprechen. Bayern wolle sie – und bekommt sie vielleicht auch.

"Und wir jetzt klar wissen: Okay, es entsteht eine Bedarfslücke, dann ist der Bund bereit, auch hier diesen Weg mitzugehen und ein Anreizsystem zu installieren. Damit Reservekraftwerke im Süden gebaut werden. Damit wir eben nicht nach dem Atomausstieg feststellen, wir bräuchten ein paar Gigawatt und sind zu spät dran."

Gaskraftwerke für versäumte Energiepolitik? Möglicherweise wird sie Bayern gar nicht brauchen. Der Wind, der auch nachts über Nord- und Ostsee weht, wird möglicherweise sogar die Grundlast der Industrie im Süden decken können, denn auch von ihrem jahrelangen Protest gegen die geplanten Stromleitungen aus dem Norden verabschiedet sich die bayerische Regierung so langsam, nachdem sie endlich zugibt, dass die Leitungen längst in Berlin beschlossen sind. "Ich sehe die bundespolitische Beschlusslage und kann nichts dagegen machen."

Doch wenn der Fremdstrom am Ende nicht reichen sollte, dann wird Bayern wieder Gas verbrennen dürfen. Immerhin, der Schornstein im Gaskraftwerk Irsching würde dann wieder rauchen.

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