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Zeitfragen | Beitrag vom 15.07.2020

EndzeitfantasienWenn Du glaubst, die Welt geht unter

Von Hans von Trotha

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Dunkle Wolken über einem leeren Parkplatz. (Getty Images / Moment RF / Zhengxin)
Je unsicherer die Weltlage, desto sicherer ist das Geschäft mit Dystopien. (Getty Images / Moment RF / Zhengxin)

Sintflut, Außerirdische, Atombombe. Wenn es um den Weltuntergant geht, kennt unsere Fantasie von jeher kaum Grenzen. Zuweilen durchzieht uns ein wohliges Schaudern beim Gedanken an die Apokalypse. Aber warum?

Weltende von Jakob van Hoddis.

"Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken."

Als die Leipziger Buchmesse noch stattfand, füllten sich die Hallen im Verlauf des Wochenendes zunehmend mit Mangas, mit jungen Menschen, die sich in fiktive Heldinnen und Helden verwandelten, in die Wirklichkeit überführte Comicfiguren, die zeitgleich ihre Messe feierten, die Manga Comic Convention.

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Unter die fantasievoll inszenierten Jugendlichen mischten sich in einem der letzten Jahrgänge zwei vielleicht zwölfjährige Jungs, deren Kostümierung aus beschriebenen Pappkartons bestand, die sie vor sich hielten. Der eine zeigte das Schild "THE END IS NEAR". Der andere, immer einen Schritt dahinter: "THE END".

"Es eröffnet sich in dieser unserer Zeit…" Mit diesen Worten beginnt Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens berühmter Simplicius Simplicissimus von 1668. "Es eröffnet sich in dieser unserer Zeit, von welcher man glaubet, dass sie die letzte ist…" Die letzte? – Ja, die letzte. Und was eröffnet sich in Zeiten, von denen man glaubt, sie könnten die letzte sein? "Was ist das für ein Wesen, das über seinen selbstgemachten Untergang fabuliert?" Diese Frage stellt der Religionspädagoge Ingo Reuter in einem Essay mit dem Titel: Weltuntergänge. Vom Sinn der Endzeit-Erzählungen.
Der Essay ist im Mai 2020 als Band 19.678 von Reclams Universalbibliothek erschienen. Der Autor war in der Lesart im Deutschlandfunk Kultur Gast von Moderator Joachim Scholl – virtuell naturgemäß nur, wie die meisten in diesen endzeitlich anmutenden Monaten der Corona-Krise.

"Ich habe ja einen besonderen kulturellen Reflex an mir verspürt. Als ich Ihr Buch las, habe ich doch jetzt mal in diese Zombieserie reingeguckt: ´The Walking Dead`. Bislang bin ich da immun dagegen gewesen, aber nach gefühlten 200 auseinanderspritzenden Zombieköpfen war ich irgendwie auch bedient. Und dann habe ich gedacht: Nein, das brauche ich jetzt eigentlich gerade nicht. Ist das ein Effekt, den Sie nachvollziehen können, dass man jetzt in so einer Phase, wo es wirklich schwierig ist mit der normalen Welt, dass man keine Lust hat, dann auch noch künstlerisch den Weltuntergang vorgemalt zu bekommen?"

"Glaube ich schon. Wir haben die Situation, die wir jetzt nicht mehr uns angucken oder anlesen müssen, die erleben wir natürlich in einer abgeschwächten Variante in unserer Realität. Insofern ist die Auseinandersetzung da, und wir brauchen keinen Spiegel mehr. Wir sind praktisch, wenn man so sagen will, hinter den Spiegel getreten."

Zombies mit einer Ästhetik des Erhabenen

Je unsicherer die Weltlage, desto sicherer das Geschäft mit Dystopien. Das sind Bücher oder Filme, die das Ende dramatisch und farbig ausmalen. Wobei oft, als Stilmittel, gerade auf Farbe verzichtet wird, eher die Schwarz-, Braun-, Grautöne vorherrschen. Früher gab es prächtige Apokalypsen auf bunten Barockkirchendecken. Heute ist die mediale Vielfalt sehr viel größer. Es können zum Beispiel auch Graphic Novels sein. Oder Computerspiele wie "Detroit: Become Human".

Ob Buch oder Film oder Bild oder Spiel: Der Hintergrund ist immer derselbe: Das Ende treibt die Menschen um. Immer schon. Die Idee vom individuellen Ende, sei es das eigene oder das eines nahestehenden Menschen, löst Trauer aus. Die Vision vom ganz großen, kollektiven, dem letzten Ende sorgt dagegen für einen besonderen Kick, für Gänsehaut, für das, was man im 18. Jahrhundert erhaben genannt hat: Delightful Horror. Terrible joy. Angenehmer Schauer.

Einer der radikalsten Apologeten einer solchen Ästhetik des Erhabenen als einer Ästhetik des angenehmen Schauers war der erzkonservative irisch-britische Politiker und Philosoph Edmund Burke. Dabei war Burke davon überzeugt, lediglich eine grundlegende Funktionsweise der menschlichen Psyche zu beschreiben. So heißt es in seiner "Philosophischen Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen" von 1757:

Alles, was auf irgendeine Weise geeignet ist, unsere Ideen von Schmerz und Gefahr zu erzeugen, das heißt, alles, was irgendwie schrecklich ist oder mit schrecklichen Objekten in Beziehung steht oder in ähnlicher Weise wirkt, ist eine Quelle des Erhabenen, das heißt, es ist dasjenige, was die stärkste Bewegung hervorbringt, die zu fühlen das Gemüt fähig ist

Daher kommt die große Macht des Erhabenen; dass sie nämlich, weit davon entfernt, von unserem Räsonnement hervorgerufen zu sein, diesem vielmehr zuvorkommt und uns unwiderstehlich mit sich fortreißt.

"Hurra, wir leben noch"

Das ist, beschrieben im Jahr 1757, die Funktionsweise aller modernen Spannungsdramaturgie, gleich, in welchem Medium. Besonders eindringlich bedient sich der Film dieser physio-psychologischen Einsichten, indem er entsprechende Bilder erzeugt und diese dann zusätzlich mit einer die gewünschte Wirkung befördernden Tonspur unterlegt.

Wie konnte es kommen, dass eine solche Ästhetik des Schrecklichen, des Gefährlichen und der Spannung, die die künstlerische Produktion und vor allem die Unterhaltungsindustrie bis heute prägt, ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Aufklärung erdacht und formuliert wurde? – Nun, weil es ihr Ziel ist, das Weltbild eben dieser Aufklärung zu stabilisieren, eins ums andere Mal. Die Welt wird durch den Schrecken, durch Horror ins Wanken gebracht, zum Ende hin ist sie aber immer wieder im Lot. Und genau das wollen wir. Wir lassen uns so dramatisch wie möglich erschrecken, aber nur, um hinterher umso selbstbewusster tönen zu können:

"Hurra! Wir leben noch! Was mussten wir nicht alles überstehn?
Und leben noch! Was ließen wir nicht über uns ergehen?
Der blaue Fleck auf uns'rer Seele geht schon wieder weg
Wir leben noch Hurra! Wir leben noch!
Nach jeder Ebbe kommt doch eine Flut
Wir leben noch
Gibt uns denn dies Gefühl nicht neuen Mut und Zuversicht
So selbstverständlich ist das nicht
Wir leben noch"

Eine junge Frau mit langen Haaren steht auf einer Bühne und singt in ein Mikrofon. (imago images / teutopress)"Hurra, wir leben noch". Ansingen gegen Untergangsfantasien mit der italienischen Sängerin Milva. (imago images / teutopress)
"Hurra, wir leben noch" – das Lied der Sängerin Milva stammt aus dem Jahr 1984. Damals war es noch möglich, die Flut nach einer Ebbe als tröstlich optimistische Vision zu beschwören – ein Bild, auf das heute keiner mehr kommen würde.

Fluterzählungen gehören zu den ältesten Weltuntergangsszenarien überhaupt. In Zeiten der drohenden Klimakatastrophe ist die Flut zum Emblem des buchstäblichen Untergangs – der Menschheit und womöglich der Welt – geworden. Die alttestamentarische Sintflut ist nicht die einzige, nicht einmal die älteste dieser Weltuntergangsüberschwemmungen – aber, zumindest in unseren Breiten, die einflussreichste. Auch sie hat es in das Unterhaltungskino unserer Tage geschafft. In Darren Aronofskys "Noah" aus dem Jahr 2014 ist Russell Crowe neben Emma Watson und Anthony Hopkins der Held, der die Arche baut.

"Das Ende der Welt ist erst der Anfang." Noah – was hat er gesagt? – Er will die Welt vernichten. Die Popularität des Weltuntergansszenarios Sintflut hat auch damit zu tun, dass sie mit Noah in seiner Arche den Prototyp des Überlebenden transportiert. "Bedenke, er hat dich nicht umsonst gewählt." Eines Überlebenden zudem, der sich nicht nur um sich selbst, nicht einmal nur um seine Spezies kümmert. "Schlangen auch? – Alles, was da kreucht und fleucht." Und das ist ein entscheidender Punkt bei den Weltuntergängen, mit denen wir uns umgeben. Noch einmal Ingo Reuter:

"Genauer betrachtet erzählen die Weltuntergangserzählungen weniger vom Weltuntergang als vom Überleben… im Geschehen des Weltuntergangs." Wenn keiner den Untergang überlebt, kann auch keiner von ihm erzählen. Aber: Solange eine oder einer davon erzählen kann, war es nicht der Untergang, auch wenn es sich so angefühlt haben mag und so ausgesehen hat. Die Sonne geht jeden Tag unter. Und am nächsten Morgen wieder auf. Der Mond geht jeden Tag unter. Und am nächsten Abend wieder auf. Aber die Welt verstanden als: die Erde, die kann nur einmal untergehen. Oder?

Und morgen ist der Weltuntergang

Vor der Sintflut hat der amerikanische Publizist Otto Friedrich in den 70er-Jahren ein Porträt Berlins in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts genannt. Eine deutsche Übersetzung entschied sich für den Titel: "Morgen ist Weltuntergang".

Der Tanz auf dem Vulkan, mit dem die 20er-Jahre in Berlin oft auch verglichen werden, ist sprichwörtlich geworden für die explosive, weil nicht langfristig investierte, sondern auf kurzfristige Effekte und schnelle Lust gerichtete Energie angesichts des bevorstehenden Untergangs.

Nicht zufällig stammt aus dieser Zeit, die den drohenden Untergang quasi im Blut und ständig vor Augen hatte und gerade daraus eine ganz eigene Potenz und Dynamik bezog, eine heiter-beschwingte Version, die den Untergang beruhigend als bloße optische Täuschung entlarvt – wenn auch erst einmal nur den Untergang des Mondes:

"Wenn du denkst der Mond geht unter,
der geht nicht unter,
das scheint bloß so,
um die Erde rumkarjohlt er,
den Brennstoff holt er da unten wo,
schnell eins auf die Lampe gießt er
und langsam schießt er nach oben wieder wo,
wenn du denkst, der Mond geht unter,
der geht nicht unter, das scheint nur so"

Der Schlager, dessen Text von dem Komiker Robert Steidl alias Hermann Adolf Franke stammt, wurde auch im Berliner Sportpalast gesungen – einem der emblematischen Orte für die Verschärfung der Dynamik des Untergangs der Weimarer Republik und des Nazi-Reichs. "Wollt Ihr den totalen Krieg?"

Wer ist schuld an der Apokalypse?

Milvas "Hurra wir leben noch" diente als Titelmelodie für Peter Zadeks Verfilmung des gleichnamigen Romans von Johannes Mario Simmel. Der Film kam unter dem Titel "Die wilden Fünfziger" heraus. Es ging um die Feier des Überlebens nach eben jenem Weltuntergang, den Otto Friedrichs Buch für "morgen" annonciert hat.

Nach der Explosion einer französischen Atombombe 1971 schwebte dieser riesige Atompilz über dem Mururoa-Atoll. (picture-alliance/dpa/Fotoreport)Sieht so die Apokalypse aus? Nach der Explosion einer französischen Atombombe 1971 schwebte dieser riesige Atompilz über dem Mururoa-Atoll. (picture-alliance/dpa/Fotoreport)
"Morgen ist Weltuntergang." Die Apokalypse hatte stattgefunden in Form von Weltwirtschaftskrise, Nazi-Barbarei und Zweitem Weltkrieg. Aber, wenn du glaubst die Welt geht unter…

Als Milva "Hurra wir leben noch" sang, waren zwar die 50er-Jahre gemeint, aber es waren die 80er – selbst schon wieder eine Zeit, die sich dem Weltuntergang sehr nah gefühlt hat. Chiffre für den Weltuntergang, den im Zweifel diesmal wirklich endgültig keiner überleben würde, war noch nicht die Flut, sondern, der Atompilz.

Wer einmal Stanley Kubricks legendäre Filmsatire "Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben" gesehen hat, wird die Kombination aus Bildregie und Tonspur in der Schlusssequenz nie wieder vergessen: Vera Lynn singt "We´ll meet again", dazu ein choreographiertes Ballett von Atompilzen aus der Perspektive, in der Gott dieses Spektakel sehen würde – als Einziger vermutlich.

"Und wir singen im Atomschutzbunker / Hurra, die Welt geht unter, / Hurra, diese Welt geht unter / Hurra, diese Welt geht unter / Auf den Trümmern das Paradies!"

Das Ende des Kalten Krieges hat das beständige Bedrohungsgefühl durch die Bombe und ihre Weltvernichtungsenergie in den Hintergrund treten lassen – die Hip-Hop-Band K.I.Z projiziert das Paradies auf Erden auf die Zeit nach der Detonation. An die Stelle der drohenden Bombe als wahrscheinlichstem Auslöser des Endes ist die Klimakatastrophe getreten.

Und falls es am Ende doch nicht die Klimakatastrophe sein sollte? Was könnte ihr zuvorkommen? "Wer ist schuld am Weltuntergang?", fragt der Religionspädagoge Ingo Reuter in seinem Essay über den Sinn von Endzeit-Erzählungen. Ein beliebtes Szenario ist der Meteorit.

"Ab 1 km Durchmesser würde ein solcher Einschlag auf der Erde zum Weltuntergangsszenario. Die Wahrscheinlichkeit hierfür variiert zwischen 1 x pro 500.000 und 10 Millionen Jahren." Und sonst? "Vor allem die Außerirdischen."

Panik, wenn die Außerirdischen kommen

Am 30.Oktober 1938 strahlte der US-amerikanische Radiosender CBS ein von Orson Welles inszeniertes Hörspiel aus, eine fiktive Reportage nach dem Roman "War of the Worlds" von H.G. Wells aus dem Jahr 1898. Die Geschichte, in der Außerirdische die Kontrolle über die Erde übernehmen, wurde den amerikanischen Verhältnissen angepasst und präsentiert wie eine Radioreportage, mit dem Effekt, dass das Gesendete von einigen Bewohnern von New York und New Jersey für bare Münze genommen worden sein soll.

1978 produzierte Jeff Waynes das Konzeptalbum "Musical Version of the War of the Worlds" mit Richard Burton als Erzähler, in der deutschen Fassung synchronisiert von Curd Jürgens. Die Wahrscheinlichkeit, heißt es, dass etwas vom Mars zu uns kommt, sei eine Million zu eins. Aber sie kommen!
Meteoriten und Marsianer haben eines gemeinsam: Sie kommen von oben, aus dem All, aus der unendlichen Weite, die früher "der Himmel" hieß oder auch "das Firmament". Die Welt schien immer in Ordnung – und das hieß auch: vorläufig vor dem Untergang geschützt – solange dort oben alles in Ordnung war. Früher nannte man das das Verhältnis des Menschen zu Gott. Ingo Reuter, der Religionspädagoge:

"Schuld am Untergang ist die Störung des Verhältnisses zwischen Gott und Menschen." Die dramatischste Störung dieses Verhältnisses manifestiert sich wohl in der Idee des Menschen, dass es Gott nicht gibt. Ab 1789 arbeitet Jean Paul – noch auf dem Weg, Deutschlands beliebtester Dichter zu werden – an einem Text mit dem Arbeitstitel: "Des toten Shakespeares Klag, dass kein Gott sei" ist es so weit. Der Text erscheint. Aber der Titel lautet jetzt: "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei".

Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer Kühnheit.

"Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die elf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu.

Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Über mir hört' ich den fernen Fall der Lawinen, unter mir den ersten Tritt eines unermesslichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Misstönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder."

Jetzt sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen:

"Christus! ist kein Gott?" Er antwortete: "Es ist keiner."

Die Sintflut, Historischer Stahlstich aus dem Jahre 1860 (dpa/picture alliance/Bildagentur-online/Celeste)Die Sintflut. Historischer Stahlstich aus dem Jahre 1860. (dpa/picture alliance/Bildagentur-online/Celeste)
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt. Christus fuhr fort:

"Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: 'Vater, wo bist du?' aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Misstöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!"

Das wäre das Ende nach dem Ende, der Untergang der Welt hinter der untergegangenen Welt – der größtmögliche Alptraum für jeden gläubigen Menschen, woran auch immer einer glaubt, der endgültige Entzug jeder Basis. Natürlich erweist sich das alles bei Jean Paul am Ende als Traum. Und geschrieben wurde es nur, um die Menschen zu erschüttern.

Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer Kühnheit. Auf dass sie bloß nicht auf die Idee kommen mögen, nicht zu glauben. Aber die Gestaltung des Schauers ist so stark.

"Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott."

Freud, der Mensch und der Mittelpunkt des Weltalls

Und die Behauptung, dass nach dem Aufwachen alles wieder gut ist, so schwach… und ich erwachte. Dass die "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei", bis heute nachbebt. In einem Text mit dem Titel "Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse" hat Sigmund Freud im Jahr 1917 die Idee entwickelt, "…dass der allgemeine Narzissmus, die Eigenliebe der Menschheit, bis jetzt drei schwere Kränkungen von Seiten der wissenschaftlichen Forschung erfahren hat".

Da wäre, erklärt Freud, erstens die "kosmologische Kränkung", dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist. Zweitens die "biologische Kränkung".

"Der Mensch ist nichts anderes und nichts besseres als die Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen, einigen Arten näher, anderen ferner verwandt. Am empfindlichsten trifft wohl die dritte Kränkung, die psychologischer Natur ist… daß ´das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus`."

Dem meint nun Ingo Reuter eine vierte Form der narzisstischen Kränkung hinzufügen zu können, die sich zwar aus der biologischen ergibt, die man sich aber in aller Regel nicht klarmacht: Der Zeitraum, in dem der Mensch nicht nur als Individuum, sondern als Gattung auf diesem Planeten und im Universum existieren wird, bleibt begrenzt.

Eine Frau schaut sich eine ungewöhnliche Wolkenformation am Himmel an. (picture-alliance/dpa/Keystone/Steffen Schmidt)Falls die Welt einmal untergehen sollte, ist der Mensch natürlich mitten drin und bekommt es mit. So viel Narzissmus muss schon sein. (picture-alliance/dpa/Keystone/Steffen Schmidt)
Bei so viel narzisstischer Kränkung verwundert es nicht, wenn der Mensch im Angesicht des drohenden Untergangs der Welt einen besonders narzisstischen Gedanken besonders kultiviert: Dass nämlich die Welt, wenn sie schon untergeht, wenigstens so untergeht, dass wir dabei sind. Gerade so, wie es "Der Krieg der Welten" erzählt – und ausdrücklich formuliert, wenn sie in Jeff Waynes Version singen:

"Die Wahrscheinlichkeit, heißt es, dass etwas vom Mars zu uns kommt, ist eine Million zu eins. Aber sie kommen!"

Kommen – oder sind schon da? Eine Ausdrucksform der vorläufig letzten Kränkung des Menschengeschlechts…? Oder wird es kommen, wie es Roland Emmerich 2004 inszeniert hat, in dem Thriller "The Day after Tomorrow". 

"Es regnet inzwischen schon seit Tagen.
Mr. Vice President, wenn wir jetzt nicht handeln, ist es zu spät.
Ich fürchte, die Uhr ist abgelaufen, mein Freund.
Was können wir tun?
Retten Sie, so viele Sie können."

Die Hookline dieses Films lautet: Wo wirst Du sein?

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