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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.02.2012

Endlich jemand, der mich versteht

Bahnhofkirche in Zürich steht seit zehn Jahren allen offen

Von Dorothee Adrian

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Hauptbahnhof Zürich (picture alliance / dpa7Alessandro Della Bella)
Hauptbahnhof Zürich (picture alliance / dpa7Alessandro Della Bella)

Im Züricher Hauptbahnhof befindet sich seit zehn Jahren eine Bahnhofkirche - die hunderte Besucher am Tag, über zweitausend Seelsorgegespräche im Jahr und genügend engagierte Ehrenamtliche vorweisen kann. Jeden Tag ist sie geöffnet - für Menschen aller Schichten und aller Religionen.

Hauptbahnhof Zürich: (Durchsage) "Intercity nach Zürich Flughafen, Winterthur, Weinfelden, Romanshorn, Gleis 9, Intercity nach Sarganz, Landquart, Chur, Gleis 6"

Der Hauptbahnhof Zürich gehört zu den geschäftigsten Orten der Stadt. Täglich schieben sich hier rund vierhunderttausend Pendler aneinander vorbei. Von der großen Halle führt eine Rolltreppe eine Etage tiefer. Auf der rechten Seite sind Schließfächer, dazwischen, auf den ersten Blick fast unscheinbar, die Bahnhofkirche. Der Besucher öffnet eine Glastür, dahinter führt eine weitere in den Andachtsraum.

Rita Inderbitzin: "Ich begrüße Sie ganz herzlich zum heutigen Wegwort hier in der Bahnhofkirche."

Die katholische Theologin Rita Inderbitzin steht vorne und hält die Andacht. Von Montag bis Freitag gibt es morgens vier Mal ein "Wegwort". Meist kommen zwischen fünf und fünfzehn Personen. Heute geht es um Wartezeiten. Rita Inderbitzin spricht über eine eigene Erfahrung in Sambia, bei der sie sechs Stunden warten musste:

"Bis der Bus fuhr, saß ich auf meinem Gepäck und studierte das Kommen und Gehen der Menschen. Ich schloss Freundschaft mit einer Frau, die ihre Cola mit mir teilte. Ich konnte ihr im Gegenzug dafür einen Bissen Brot anbieten. In Sambia habe ich gelernt, dass Wartezeit geschenkte Zeit ist."

Mit dem Vaterunser und einem Segen beendet die große, aufgeschlossen und fröhlich wirkende Frau mit den kurzen grauen Haaren den Morgenimpuls. Nach dem Wegwort steht die Kapelle aber keinesfalls leer, ständig kommen und gehen einzelne Besucher. Manche sitzen lange still da, andere bleiben nur ein paar Momente. Eine Frau geht nach vorne, liest in der aufgeschlagenen Bibel. Eine andere schreibt einen Dank in das Gebetsbuch und geht dann zur Kerzenpyramide.

Besucherinnen:

Eins: "Ich komme hierher, weil ich eine halbe Stunde Zeit hatte und ich einfach ein bisschen zu mir kommen wollte und mir Gedanken für den Tag machen und mich inspirieren lassen wollte."

Zwei: "Die Ruhe schätz ich da drinnen, von der Hektik."

Drei: "Ja, es ist einfach ein ruhiger Ort, ein Kraftort mitten im Stress des Alltags, und wenn ich kann, bevor ich auf den Zug gehe oder wegfahre, geh ich mal schnell rein. Und das tut gut! An Leib und Seele."

Vier: "Weil ich immer so zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde Zeit habe, und dann gehe ich da hin, eine Kerze anzünden. Das ist schön."

Rund zwanzig Stühle stehen in dem Raum. Das Licht ist gedimmt, zwei farbige Glasfenster lassen blaues und gelbes Licht aus dem Vorraum hinein. Links vom Eingang, neben einem der Fenster, zeigt ein Pfeil am Boden Richtung Mekka. In einer Halterung steht ein eingerollter Gebetsteppich für Muslime. Dieser werde regelmäßig genutzt, erzählen Rita Inderbitzin und ihr Kollege, der evangelische Pfarrer Roman Angst:

Rita Inderbitzin:"Das erste Mal, als ich ein Wegwort las oder einen Abendsegen und hinten in der Kapelle jemand den Teppich ausgerollt hat, empfand ich als sehr speziell. Und heute ist es schon alltäglich, weil es wirklich öfter vorkommt."

Roman Angst: "Wir haben eine junge Frau, die regelmäßig vorbeikommt, am Morgen kommt sie, langes dunkles Gewand, Kopftuch, betet, und dann macht es 'wusch wusch wusch' und dann hat sie Jeans, eine nette Bluse an und ihre Jacke und geht so zur Arbeit. Ich hab mit der mal gesprochen, sie hat gesagt: 'Zuhause wollen sie mich so, an der Arbeit so - hier kann ich das verbinden!'"

Neben dem beleuchteten Pult mit der Bibel steht am Boden eine große, brennende Kerze. Auf ihr befinden sich in verschiedenen Farben die Symbole der fünf großen Religionen Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. Der Raum der Stille steht allen Menschen offen. Ökumene leben Rita Inderbitzin und Roman Angst selbstverständlich - aber auch die interreligiöse Gastfreundschaft gehört für sie grundlegend zur Bahnhofkirche:

Rita Inderbitzin: "Ich empfinde es als ein Geschenk und auch wirklich - Kirche der Zukunft!"

Roman Angst:"Die Leute haben das Gefühl, endlich haben es die Kirchen gemerkt, dass sie offen sein müssen, ökumenisch sowieso und interreligiös gastfreundlich - das tollste positive Echo war ein Mann, der in die Kapelle kommt und sagt: 'Hier hab ich mich zum ersten Mal als Christ gefühlt, als zur gleichen Zeit der Muslim auf dem Teppich betete - aber nicht im Sinne einer Abgrenzung, sondern im Sinne einer Sicherheit, die ich erleben durfte: ich habe auch meinen Glauben, und der ist christlich.'"

Der evangelische Pfarrer berichtet auch von kritischen Stimmen- von Menschen, die Angst haben vor einer Vermischung der Religionen. Doch im Gespräch ließe sich das oft lösen.

Roman Angst: "Wir behaupten: es ist alles nebeneinander möglich. Und das hat nichts mit Vermischung zu tun, sondern mit 'Jedem das Eigene', aber durchaus an einem identischen Ort. Und das macht viel weniger Angst."

Gut zehn Jahre gibt es die Bahnhofkirche inzwischen, auf eine Initiative des ökumenischen Pfarrkonvents der Stadt Zürich hin. Der musste dicke Bretter bohren, denn die Schweizerische Bundesbahn will weder Interessengruppen noch Parteien oder Religionsgemeinschaften in ihren Bahnhöfen haben. Die Auflage war deshalb: Eine Kirche im Bahnhof müsse für alle Menschen da sein. So gab die Bundesbahn den Anstoß für das interreligiöse Miteinander.

Roman Angst ist von Anfang an dabei. Vom ersten Tag an seien zwischen drei- und fünfhundert Menschen täglich gekommen, erzählt er. "Wie eine Rakete" sei sie gestartet, diese kirchliche Arbeit unter Erde, in der kleinen Kapelle und den beiden winzigen Sieben-Quadratmeter-Büros ohne Fenster, in die Menschen für Seelsorgegespräche kommen. Über 2600 waren das im letzten Jahr, ein Rekord. Was bringt so viele Menschen dazu, diesen Ort aufzusuchen?

Das offene Angebot für jeden und die Anonymität in der Geschäftigkeit des großen Bahnhofs, sagt Rita Inderbitzin. Niemand wird nach seinem Namen gefragt, auch die Religion spiele keine Rolle.

Rita Inderbitzin: "Manche Leute kommen: 'Ich bin ausgetreten, darf ich trotzdem ins Gespräch kommen?' Aber im Normalfall wissen wir es nicht und ist auch nicht wichtig. Das Menschsein hier ist wichtig und die Leute, die kommen, die wissen, dass wir einen christlichen Hintergrund haben hier in der Seelsorge, und die suchen dies auch. Egal welcher Konfession oder Religion oder Ausgetretenen."

Inhaltlich geht es vor allem um Glaubens- und Lebensfragen oder Krisen.

Rita Inderbitzin: "Und auch so das Publikum, können wir sagen: von Bettler bis Banker.""

Manchmal sei es schwer, sagt die Seelsorgerin, zu sehen, wie viel Leid Menschen erleben.

Rita Inderbitzin: "Sei das Missbrauchsfälle in der Familie, Krebsdiagnose, Menschen, die kommen und keinen Weg mehr sehen und sagen: 'Bevor ich vor den Zug gehe, komm ich noch hier vorbei' - also wirklich schwierige Sachen."

Gleichzeitig sei es das Schönste, wenn sie dann etwas befreiter, ein wenig aufrechter die Bahnhofkirche verlassen.

Roman Angst vergleicht diese Räume mit einer Höhle, man sei inhaltlich gleich bei der Sache, es gibt wenig Ablenkung, noch nicht mal aus dem Fenster kann man schauen. Der große, kräftige und humorvolle Pfarrer genießt es, sich jeden Tag auf neue Menschen und andere Situationen einzulassen. Er versucht sich in die Scharia hineinzudenken, wenn er von einer Muslima dazu gefragt wird, und antwortet der ratsuchenden Jüdin mit Rabbigeschichten. Er sitzt dort im Kapuzenpulli und will rüberbringen: wir sind auf Augenhöhe.

Roman Angst: "Ein Grundgesetz der Seelsorge hier unten ist: Wir sprechen die Sprache, die uns entgegenkommt. Eine Frau hat nie das Wort 'Gott' gebraucht, sie hat nur von - das ist ein Deutschschweizer Mundartausdruck - vom 'Liebzgi', dem lieben Gott abgekürzt, gesprochen. Dann habe ich das auch aufgenommen, Gott war dann auch der Liebzgi, und sie hat das Gefühl gehabt: endlich jemand, der mich versteht."

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