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Reportage / Archiv | Beitrag vom 06.02.2013

Endlagerforschung im Bauch des Berges

Simulationen in einem unterirdischen Labor in der Schweiz

Von Christina Küfner

Deutschland besitzt kein Untertage-Labor für Ton, deshalb forschen Wissenschaftler nun in der Schweiz. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
Deutschland besitzt kein Untertage-Labor für Ton, deshalb forschen Wissenschaftler nun in der Schweiz. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

Wo Deutschlands radioaktive Abfälle einmal lagern werden, darauf könnten auch Forschungsergebnisse aus der Schweiz Einfluss haben. In einem Berg im Kanton Jura untersuchen Wissenschaftler in einem unterirdischen Labor, wie gut sich Ton als Lagerstätte für Atommüll eignet.

Die Bergwerksromantiker unter seinen Besuchern muss Paul Bossart regelmäßig enttäuschen. Ins Untertage-Labor Mont Terri kommt man nicht in einem vergitterten Fahrstuhl, der langsam in die Tiefe rumpelt - sondern mit einem ganz normalen Jeep.

Der Geologe steuert den Wagen auf einen Forstweg. Nach ein paar Minuten hält er vor einer Schleuse mit dicken Metalltoren, die sich behäbig öffnen. Dahinter kommt ein Stollen zum Vorschein, der tief in den Berg führt.

"Wir fahren jetzt rund einen Kilometer Richtung Norden in den Mont Terri hinein."

Neonröhren tauchen den Stollen in fahles Licht - eigentlich ein Sicherheitstunnel der Schweizer Autobahn. Aber auch der Zufahrtsweg zu dem unterirdischen Labor.

Nach ein paar Minuten Fahrt ist er da. Auf den ersten Blick sieht das Labor gar nicht aus wie ein Labor: Kein Raum mit Tischen, Schränken und Reagenzgläserrn, sondern ein System von Wegen, die sich wie Maulwurfsgänge verzweigen. Paul Bossart ist Direktor dieses Labyrinths und kennt hier jeden Winkel. Entschlossen setzt er seinen Bauhelm auf und marschiert los.

Die Stollenwände sind mit Beton gesichert, dutzende Kabel laufen daran entlang, alle paar Meter stehen Messgeräte. In einem kleinen Seitentunnel bleibt Paul Bossart stehen und zeigt auf die braune Gesteinswand: sogenannter Opalinuston.

"Dieser Ton hier ist 175 Millionen Jahre alt. Man muss sich das so vorstellen, dass das ein Meer war mit Inseln. Und dort gab es Flüsse, die ihre Sedimentfracht ins Meer hineintrugen. Diese Schlämme, das ergab den zukünftigen Opalinuston."

Mit einem Hammer klopft der Geologe vorsichtig kleine Gesteinsbrocken aus der Wand. Opalinuston ist extrem dicht. Deshalb gilt er auch als geeignete Lagerstätte für Atommüll.

"Die Vorteile dieses Tons liegen vor allem darin, dass er eine sehr hohe Kapazität hat, Schadstoffe zu halten, also auch radioaktive Stoffe zurückzuhalten. Wenn radioaktive Stoffe mit diesem Gestein in Kontakt kommen, bleiben sie an den Mineraloberflächen kleben."

Wissenschaftler aus der ganzen Welt machen in dem Schweizer Untertage-Labor Versuche - testen zum Beispiel, wie sich der Ton unter Druck verhält oder was passiert, wenn er hohen Temperaturen ausgesetzt ist. Auch Forscher aus Deutschland sind dabei. Denn Ton bietet sich auch für ein Endlager in Deutschland an. Er kommt vor allem in Norddeutschland vor, aber auch in Baden-Württemberg.

Einer der Wissenschaftler ist Kristof Schuster aus Hannover, ein zierlicher Mann mit wachen Augen. Er steht in einem Gesteinstunnel und bespricht mit Kollegen die Resultate eines Versuchs. Deutschland besitzt kein Untertage-Labor für Ton, deshalb forsche man hier in der Schweiz, erklärt Schuster.

"All das, was wir hier an Erkenntnissen gewinnen, können wir zum größten Teil übernehmen. Wobei immer die standortspezifischen Bedingungen ganz gezielt untersucht werden müssen. Wir können Aspekte davon übernehmen, was zum Beispiel die Leitfähigkeiten anbelangt, Deformationsprozesse anbelangt. Die können dann umgerechnet werden auf die Verhältnisse in einem potenziellen Endlagerstandort in Deutschland."

Kristof Schuster arbeitet bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, die die Regierung beim Thema Endlagerung berät. Mit Kollegen aus Spanien und der Schweiz hat er in dem Labor ein Experiment durchgeführt, das mehr als zehn Jahre gedauert hat. Der Versuch geht in diesen Tagen zu Ende - mit ziemlichem Getöse.

In einem Seitentunnel sind Arbeiter mit Presslufthämmern am Werk. Vor ihnen steckt ein tonnenschwerer Stahlzylinder in der Wand, den die Männer von einem Mantel aus körnigen Steinchen befreien. Der Zylinder simuliert einen Atommüll-Behälter. Er war über all die Jahre in eine spezielle Hülle aus Tonmineralien eingepackt, erklärt Kristof Schuster, während er über einige faustgroße Brocken steigt.

"Wir haben diesen ganzen Bereich um den simulierten Kanister herum mit diesem Material verfüllt, befeuchtet und dadurch ist das ganze technische Bauwerk abgedichtet. Wir haben über die Jahre hinweg jetzt geophysikalische Untersuchungen gemacht, um die Festigkeit, die Quellfähigkeit mit zu beurteilen."

Mit dem Experiment wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie gut das Material einen Atommüllbehälter einschließen kann - und wie es sich im Laufe der Jahre verändert. Mehr als 40 physikalische und chemische Versuche laufen derzeit in dem Schweizer Untertagelabor, viele davon über mehrere Jahre.

Man sei mit der Forschung hier unten bereits weit gekommen, sagt Paul Bossart, der Direktor des unterirdischen Labors, auf dem Rückweg zu seinem Jeep. Anders als in Politik und Gesellschaft, wo es beim Thema Endlagersuche in vielen Ländern nur zäh voran geht.

"Alle Experimente haben einen sehr hohen Wissensstand. Die sind auch robust, was die Resultate anbetrifft. Aber eben der ganze politische Prozess steckt in den Anfängen. Und wie der ausgeht, das wissen wir momentan noch nicht."

Und dann fährt der Geologe langsam wieder heraus aus dem unterirdischen Forschungsstollen. Draußen, das weiß er, wird noch lange gerungen werden um die Frage, wo man radioaktive Abfälle endgültig lagern soll.

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