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Zeitfragen | Beitrag vom 15.08.2018

Ende des Prager FrühlingsTage der Okkupation

Von Peter Lange

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Ein Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21.08.1968 (picture alliance/dpa/)
Der Tag, als die Panzer rollten: Am 21. August 1968 schlug die Sowjetunion den Prager Frühling nieder. (picture alliance/dpa/)

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein. Ihr Ziel: Sturz der reformkommunistischen Führung. Zeitzeugen erinnern sich an die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings.

An den Morgen des 21. August 1968 erinnern sich die älteren Menschen in Tschechien, als wäre es erst gestern gewesen. Die Journalistin Lida Rakusanova zum Beispiel, damals eine 20jährige Studentin: "Ich war in meiner Geburtsstadt Budweis und meine Mutter weckte mich um fünf Uhr in der Früh, hat geweint, und hat nur immer gestottert: Wir werden schon wieder besetzt."

Eine halbe Million Soldaten besetzen das Land

Seit dem Vorabend sind Truppenverbände des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei einmarschiert. In der ersten Welle 200.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Ungarn, Bulgarien und Polen. Am Ende ist es eine halbe Million. Sie sollen die Reformkommunisten stürzen und helfen, eine moskautreue Regierung zu installieren. Alena Volfova, damals 19 und Mitarbeiterin des staatlichen Außenhandels:

"Am nächsten Tag standen die Panzer überall. Da saßen ein paar junge Burschen, 16, 17. Unausgeschlafen, ungewaschen, total müde, mit Kalaschnikov, haben geguckt, aus welcher Ecke ein Faschist oder was rauskommen sollte."

Online-Bonus: Eindrücke vom Einmarsch der Truppen in Prag:

"Das war eine Invasion, wie man sie wahrscheinlich auf den Militärakademien lehrt und lernt", sagt Jindrich Mann, Autor, Filmemacher und ein Enkel des Schriftstellers Heinrich Mann. "Und die wurde prima durchgeführt. Also insofern haben sie das alles so gemacht, wie man sich das vorstellt, wie man ein anderes Land besetzt, besonders wenn sich das Land nicht wehrt."

Die Bevölkerung protestiert

Parteichef Alexander Dubček, Ministerpräsident Černík und drei weitere Mitglieder der politischen Führung werden verhaftet und in die Ukraine gebracht. Allerdings: Tschechen und Slowaken nehmen die Okkupation ihres Landes nicht einfach so hin: In Prag versammeln sich Tausende Menschen auf dem Wenzelsplatz und demonstrieren gegen die Okkupation.

Nach Protesten gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag brennt ein sowjetischer Panzer (imago/CTK Photo)Nach den Protesten brannte ein Panzer. (imago/CTK Photo)

Als mehrere Panzer Richtung Rundfunkgebäude vorrücken, stellen sie sich dazwischen und errichten Barrikaden. Rene Böll, damals mit seinem Vater Heinrich Böll zufällig in Prag, ist Augenzeuge: "Die Panzer standen hier, als ich kam, so fünf, sechs bestimmt. Es wurde geschossen. Und ein Panzer ist explodiert, auf der Ecke. Zwei brannten, sind von den Leuten in Brand gesteckt worden."

Die Soldaten feuern zunächst mit ihren MGs über die Köpfe. Dann zielen sie tiefer. 15 Menschen kommen vor dem Rundfunkhaus ums Leben. Das Gebäude wird besetzt, aber der Rundfunk wird damit nicht zum Schweigen gebracht. Jindrich Mann dazu: "Das war der springende Punkt der nächsten sieben Tage, dass das nicht glückte, und dass das Land mehr oder weniger von Rundfunk und Fernsehen regiert wurde."

Im ganzen Land regt sich passiver Widerstand

Auf die Okkupation reagieren Tschechen und Slowaken mit passivem Widerstand. Ein Generalstreik wird ausgerufen. Im ganzen Land werden Straßenschilder abmontiert, um den Truppen die Orientierung zu erschweren.

Eine Frau geht an einem Schaufenster vorbei, auf dem der Name "Dubcek" und das Wort "Svoboda" (Freiheit) stehen. (imago/CTK Photo)Protest im ganzen Land: Hier politische Parolen auf einem Schaufenster in Brno. (imago/CTK Photo)

"Die Menschen waren verblüfft, dass so etwas möglich war", erzählt Volfova. "Überall waren plötzlich die Flugblätter: Lenin, wach auf, der Breschnew ist wahnsinnig geworden! Oder: Geh nach Hause Iwan, die Natascha hat einen anderen. Die Russen haben nur geguckt. So was haben die nicht erwartet."

"Das Hauptgefühl, das man hatte, war: Das erkenne ich nicht an, was hier stattgefunden hat", erinnert sich Mann. "Das erkenne ich nicht an. Das kann nicht sein, dass das, womit wir bis jetzt gelebt haben, zu Ende ist."

Die Besetzung war ein politisches Fiasko

Politisch wird die Okkupation ein Fiasko. Die Gremien der Kommunistischen Partei wie auch die  Nationalversammlung stehen zu der verschleppten politischen Führung um Dubček. Der moskautreue Flügel der KPC will eine neue Regierung durchsetzen. Aber Ludvig Svoboda, der Staatspräsident,  weigert sich, sie zu ernennen. Er fliegt stattdessen nach Moskau, um die fünf Entführten zurückzuholen.

Ein junger Tschechoslowake verbrennt auf der Straße eine Sowjetflagge (imago/Topfoto)Politisches Fiasko für die Sowjetunion. Ein junger Tschechoslowake verbrennt eine Sowjetflagge. (imago/Topfoto)

"Nun, wir haben nur uns gesagt, dass die hoffentlich nicht weich werden in Moskau", sagt die Journalistin Lida Rakusanova. Und Mann: "Das war der Punkt der Niederlage. Das habe ich auch ziemlich schnell begriffen."

Die "Normalisierung" war ein "Neo-Stalinismus"

Drei Tage dauern die sogenannten Verhandlungen in Moskau. Ein Geheimpapier, das Moskauer Protokoll legt fest: Die Zensur wird wieder eingeführt, die Reformen werden kassiert. Und in der ČSSR werden auf Dauer sowjetische Truppen stationiert. Mit einer Ausnahme unterschreiben alle beteiligten tschechoslowakischen Politiker das Papier, auch Alexander Dubček. Nach der Rückkehr erläutert er in Rundfunk und Fernsehen die Moskauer Abmachungen. Er bleibt im Allgemeinen. Aber das Wort "Normalisierung" fällt.

"Indem der Dubček das aufgab, war das so, als wäre jetzt eine Festung gefallen", sagt Mann. "Da war es klar: die haben gesiegt. Und das was sie wollten, haben sie erreicht."

Und Rakusanova: "Nachdem ich in den 60er Jahren groß geworden bin, erwachsen sozusagen, konnte ich mir gar nicht vorstellen, was dann gekommen ist, nämlich dieser widerliche Neo-Stalinismus, der sich da verbreitet hat wie die Pest, und das bis heute die Leute kennzeichnet, die das damals erlebt haben."

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