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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.06.2009

Ende der demokratischen Republik im Iran

Stephen Kinzer: Im Dienste des Schah

Rezensiert von Elisabeth Kiderlen

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Azadi Platz in Teheran (AP)
Azadi Platz in Teheran (AP)

Wer die aktuelle Lage im Iran verstehen will, muss sich mit den Geschehnissen von 1953 beschäftigen – das empfiehlt der amerikanische Journalist Stephen Kinzer, langjähriger Auslandskorrespondent der New York Times und Kenner der Region, in seinem Buch "Im Dienste des Schah. CIA, MI 6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Osten".

"Dr. Mossadegh ist für die Iraner das Symbol der Freiheit, ohne Zweifel, das Symbol der Freiheit und des Patriotismus, und das wird er auch immer bleiben."

Was diese Spaziergängerin in Teheran im August 1953, also kurz nach dem CIA-Putsch gegen den bis heute einzigen demokratisch gewählten iranischen Premierminister, Mohammed Mossadegh, trotzig sagt, gilt noch heute. "Ohne den Putsch wäre uns das Mullah-Regime erspart geblieben", bekomme ich in den gebildeten Kreisen des Landes immer wieder zu hören. Und noch 2002 schreibt der iranische Politologe Mostafa Zahrani im "World Policy Journal".

"Es ist nicht abwegig zu behaupten, dass Iran, wenn der CIA-Coup nicht gewesen wäre, heute eine gefestigte Demokratie sein könnte."

Stephen Kinzer, Korrespondent der "New York Times", hat mit seinem Buch "Im Dienste des Schah. CIA, MI 6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Osten" eine höchst spannende Abhandlung der jüngsten Zeitgeschichte geliefert, großes Drama, das auf allen Konfliktfeldern der 50er-Jahre spielt. Da ist die koloniale Arroganz der Briten, die um ihre märchenhaften Profitmargen auf den Ölfeldern Irans bangen; die Einäugigkeit der Amerikaner, die alle Konflikte auf die "Rote Gefahr" verengen und den Einfluss der Sowjets auf einen demokratischen Iran fürchten; die antikoloniale Empörung der Iraner, die zu Hunderttausenden unter der geradezu religiös überhöhten Parole "Das Öl ist unser Blut" für die Nationalisierung des Schwarzen Goldes demonstrieren. Und so erklärt Mossadegh am 15. Oktober 1951 kämpferisch vor der UNO:

"1948 betrug der Reingewinn laut Geschäftsbericht der Anglo-Iranian Oil Company 61 Millionen Pfund; davon erhielt der Iran lediglich 9 Millionen … Wir werden nie mehr Ausländern die Ausbeutung unserer Ölvorkommen anvertrauen, weder per Vertrag noch in Treuhänderschaft."

Und weil Mossadegh entschlossen auf die Rückgabe der Ölfelder an das iranische Volk beharrt, wird er als Held der antikolonialen Befreiungsbewegungen weltweit gefeiert. Das "Time Magazine" wählt ihn 1951 sogar zum "Mann des Jahres". Als die Verhandlungen mit den Briten scheitern, weckt Mossadegh mit einer Rundfunkansprache die Empörung der Iraner:

"Die Engländer wollen uns zehn Millionen Pfund geben, damit wir ihre Sklaven bleiben sollen."

Der Zusammenprall von Erster, Zweiter und Dritter Welt kulminiert am 19. August 1953 in einer stundenlangen Schlacht seiner Anhänger und Gegner vor seinem Haus. Schließlich wird es von einem, vom CIA bezahlten, Mob gestürmt.

Stephen Kinzer hat exzellent recherchiert. Minutiös beschreibt er, wie sich die Lage zuspitzt, wie mit der Wahl von Churchill in England und Eisenhower in den USA nun Männer die Politik bestimmen, die weniger in diplomatischen als in militärischen Kategorien denken. Wie der Putsch vorbereitet wird, Netzwerke im Untergrund gesponnen, Offiziere, Journalisten, Politiker, auch einflussreiche Ayatollahs bestochen, falsche Informationen und Gerüchte unters Volk gebracht werden. Mossadegh wird als korrupt, pro-kommunistisch und islamfeindlich verschrien und das Land durch gezielte Entführungen systematisch ins Chaos gestürzt. Trotzdem geht der erste Putschversuch schief. Unter der Parole "Tod oder Mossadegh" strömen die Massen in Teheran und anderen Großstädten auf die Straße. Der Generalstreik wird ausgerufen. Ein Streikender träumt schon von der Republik:

"Wir haben als Linke natürlich damals – wir waren vielleicht voreilig – wir haben für die Parole der Republik gerufen, wir haben gesagt: Es lebe die demokratische Republik im Iran. Wir haben uns befreit gefühlt, es war eine unglaubliche nationale Freude im ganzen Land damals, das war ein Tanz auf der Straße bis in die Früh."

Der zweite Putsch wird gründlicher vorbereitet. Er gelingt. Mossadegh wird verhaftet und zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Die Schah-Diktatur, die letztlich zur Islamischen Republik führen sollte, wird jetzt fest installiert, Pressefreiheit, Versammlungsrecht abgeschafft und der berüchtigte Geheimdienst Savak eingerichtet. Der CIA-Putsch war auch ein Probelauf, schreibt Kinzer:

"Da der Umsturz so überaus erfolgreich amerikanische Interessen beförderte, galten von nun an verdeckte Aktionen als billiges, effektives Mittel, um den Lauf der Weltgeschichte zu beeinflussen."

Stephen Kinzer: Im Dienste des Schah (Wiley Verlag VCH)Stephen Kinzer: Im Dienste des Schah (Wiley Verlag VCH)Der Autor verweist im Nachwort auf entsprechende Ereignisse in Guatemala, Chile, Kongo. Ein Schwachpunkt des Buchs ist, dass Kinzer sich ausschließlich auf den Kämpfer Mossadegh konzentriert, ausgespart bleibt der Denker. Mossadegh wollte für Iran moderne Institutionen, wie er sie in Europa kennengelernt hatte, doch sollten diese in den iranischen Rahmen und zu den iranischen Gewohnheiten passen: Denn die blanke Nachahmung Europas überfordere die Menschen und führe zur Ablehnung des Fortschritts. Mit der Einsicht, dass nicht nur Armut und Rückständigkeit, sondern auch Identität, beziehungsweise deren Verlust, brisante Probleme mit sich bringen, war Mossadegh dem Schah, der das Land mit aller Gewalt in die Moderne zwingen wollte, weit voraus.

Das Buch ist in den USA 2003, also noch während der Präsidentschaft von George W. Bush, erschienen, auch um die Regierung zu warnen. So schreibt Kinzer:

"Der Umsturz 1953, dem ein Jahr später ein Vertrag folgte, der den globalen Ölkartellen die Kontrolle über die Ölproduktion Irans gab, traumatisierte die iranische Öffentlichkeit, was bis heute nachwirkt."

Die Paranoia des Teheraner Regimes, das noch heute hinter jeder Kritik Einfluss und Geld des CIA vermutet, ist dafür Beleg. Stephen Kinzers "Im Dienste des Schah" gibt den Blick frei auf verborgene Schichten iranisch-amerikanischer Feindschaft, ist also beste, dabei packende Aufklärung. Was allerdings verwundert, ist, dass der Verlag den Quellenapparat des Originals nicht übernommen hat – das eine oder andere hätte man gerne nachgelesen.

Stephen Kinzer: Im Dienste des Schah. CIA, MI 6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Osten
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Brigitte Döbert
Wiley Verlag VCH, Weinheim 2009

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