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Tonart | Beitrag vom 21.06.2018

Empowerment im Jazz "Wir haben mehr Macht, als wir denken"

Von Juliane Reil

(picture alliance / dpa / Kabir Dhanji)
Kamasi Washington bei einem Konzert in Australien (picture alliance / dpa / Kabir Dhanji)

Viele afroamerikanische Künstler nutzen ihre Musik zum Protest, seit US-Präsident Donald Trump an der Macht ist. Auch Jazz-Saxophonist Kamasi Washington bezieht mit "Empowerment" Position und appelliert an das Selbstbewusstsein seiner Zuhörer.

Er sei definitiv ein Perfektionist gewesen, sagt Kamasi Washington über John Coltrane – das Jazz-Genie, das wie er selbst Saxophon gespielt hat.

"Er hat ständig geübt und sich dabei aufgenommen. Kontinuierlich hat er versucht, immer noch besser zu werden - immer noch eine Stufe höher zu kommen. Möglicherweise war er nie wirklich zufrieden, weil er nie das Level erreicht hat, das er glaubte, erreichen zu können."

Porträt des Jazz-Saxofonisten John Coltrane aus dem Jahr 1963  (imago / Philippe Grass / LexPictorium)Die Jazz-Legende John Coltrane im Jahr 1963 (imago / Philippe Grass / LexPictorium)

Ausnahmetalent des Jazz

Washington selbst ist auch so ein Ausnahmetalent des Jazz. Ebenso hat er mit Pop- und Hiphop-Künstlern wie Snoop Dog und Grammy-Preisträger Kendrick Lamar gespielt. Vor drei Jahren erschien sein Album "The Epic", mit dem dem heute 37-Jährigen aus Los Angeles der internationale Durchbruch gelang. Wie damals dominiert auf seinem neuen Album der Jazz. Daneben ist der Einfluss von Soul aus den 60er- und 70er-Jahren besonders stark – ein Soul, wie ihn Isaac Hayes und Curtis Mayfield inspiriert von der Bürgerrechtsbewegung schrieben.

Der massige Mann mit den sanften Gesichtszügen strahlt große Ruhe aus – trotz seines stressigen Tour-Alltags. Seit "The Epic" spielte er manchmal mehr als 200 Shows im Jahr. In einer zehntägigen Auszeit 2016 entstanden die Aufnahmen zu "Heaven and Earth". Ein Doppelalbum, bei dem gemäß der Track-Reihenfolge jeder Song auf "Heaven" mit dem entsprechenden Song auf "Earth" als komplementäres Paar funktioniert. Diese Dualität spiegelt sich auch in der Persönlichkeit von Washington wider.

"Ich habe zwei Seiten", sagt Washington. "Einerseits bin ich mir der Dinge um mich herum bewusst, und mache mir Sorgen um den Planeten, auf dem wir leben, aber andererseits gibt es auch die Seite, die davon losgelöst ist." Er schaue aus dem Fenster, hänge seinen Gedanken nach und sei in seiner ganz eigenen Welt. "Die Musik, die ich schreibe, ist oft entweder in der einen oder anderen Welt zuhause."

Washington nimmt sich Zeit

Mit etwas mehr als zwei Stunden Spielzeit ist das neue Album nicht ganz so lang wie der Vorgänger "The Epic". Die einzelnen Stücke sind jedoch nach wie vor von epischer Länge und weitgehend instrumental gehalten. Washington nimmt sich Zeit und schafft seine eigene Klang-Kathedrale: Chor, Orchester – dieses Mal auch mit Bläsern - in der  Drum-Sektion zusätzlich Perkussion. Jugendfreunde von Washington wie der Bassist Thundercat oder Multi-Instrumentalist Terrace Martin sind auch wieder mit dabei. Keine Frage: die Musiker sind allesamt exzellent. Was man besonders bei den explosiv-virtuosen Soli merkt.

Die amerikanische Musikerin Beyoncé steht bei einem Auftritt im Jahr 2014 mit einem Mikrofon in der Hand auf einer Bühne, hinter ihr Nebel in verschiedenen Farben. (picture alliance / dpa / Frédéric Dugit)Auch die US-Musikerin Beyoncé nutzt ihre Musik als Botschaft (picture alliance / dpa / Frédéric Dugit)

"Heaven and Earth" wirkt komplett durcharrangiert und auch durchproduziert. Das gibt dem Album die Anmutung einer Filmmusik oder eines Musicals in Retro-Ästhetik. So großartig das Interplay der Musiker ist, mit modernen Effekten wie Echo oder Filter versehen, geht der Eindruck von Spontanität auf der Platte leider etwas verloren – was schade ist. Der Titel " Heaven and Earth" sei nicht wörtlich zu verstehen.

"Er repräsentiert die Idee, dass die Welt so ist, wie Du sie machst", sagt der Musiker. "Wie Du Dir etwas vorstellst beeinflusst, wie Du es erlebst und wie Du es erlebst beeinflusst, wie Du es Dir vorstellst." In seiner Wahrnehmung sei  das Leben ein ewiger Kampf, weil es schier unbegrenzte Möglichkeiten gebe. "Das Album ist genau das: Es bezieht sich darauf, wie ich die Welt erlebe und wie ich sie mir vorstelle oder wünsche."

Musikalische Zeitreise

"Heaven and Earth" ist eine musikalische Zeitreise – von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. In den USA wünschen sich viele Afroamerikaner die Welt anders, als sie sie mit Rassismus und willkürlicher Polizeigewalt tagtäglich erleben. Afroamerikanische Künstler mit großem Namen - Beyoncé, Kendrick Lamar, Janelle Monáe – senden mit ihrer Musik die Botschaft von "Black Empowerment" aus – mehr noch: sie leben mit ihren Karrieren tatsächlich diesen Traum. 

Dazu Washington: "Wir merken nicht, dass wir mehr Macht haben, als wir denken – und dass die, die die ultimative Macht zu haben scheinen, sie eigentlich weniger haben, als wir denken. In Wirklichkeit hat jeder von uns die Macht, die Welt so zu gestalten, wie wir sie uns wünschen."

"Empowerment" - nicht nur für Afroamerikaner, sondern für alle Menschen, das ist die Botschaft von Kamasi Washington. Seine Musik ist die eines Künstlers, der ein Bewusstsein schaffen will, dass wir (eine Stufe) mehr erreichen können, als wir denken. Und das ist absolut inspirierend.

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