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Lesart | Beitrag vom 24.06.2020

Empfehlungen für Fernweh-LektüreGeschichten vom Sommer, Reisen und anderen Ländern

Kim Kindermann und Dirk Fuhrig im Gespräch mit Frank Meyer

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Grafik: Urlauber treiben auf Luftmatratzen oder Schwimmringen auf dem Wasser und lesen Bücher.  (imago images / Ikon Images / Harry Haysom)
Sehnsucht nach der Ferne? Auch ein Buch kann helfen. (imago images / Ikon Images / Harry Haysom)

Endlich Ferien! Aber wie ist es in diesem Jahr mit dem Verreisen? Für einige sind die gewohnten Urlaubsziele nicht erreichbar, und so mancher leidet vielleicht schon unter Fernweh. Wir haben die passenden Buchempfehlungen dazu.

Die Ferienzeit beginnt. Das heißt für viele in diesem Jahr: Endlich keine Schule zu Hause mehr. Oder: Mal eine Pause vom Homeoffice. In jedem Fall eine Auszeit vom Alltag. Aber vielleicht ist auch der Urlaub in diesem Jahr anders als sonst. Vielleicht ist so manche oder mancher in Fernweh-Stimmung.

Ein passendes Buch kann durchaus Linderung bringen. Die "Lesart"-Redaktion stellt Sommer- und Reisebücher vor. Es geht ans Meer, in die Hitze, in die Berge. An die raue Atlantikküste in Frankreich und nach Südamerika an den Rio de la Plata.

Kim Kindermann, Frank Meyer und Dirk Fuhrig präsentieren einige ihrer persönlichen Lieblingstitel: Bücher für junge und nicht mehr ganz so junge Leser. Brandneue Titel und auch Klassiker, die frisch geblieben sind. Geschichten vom Reisen, vom Leben in anderen Ländern – und vom Fernweh. Also los: Kopfsprung in den Sommer!

"Lesart"-Redakteurin Kim Kindermann empfiehlt:

Susanna Mattiangeli / Vessela Nikolova: Ein Strandtag. Übersetzt aus dem Italienischen von Lucia Zamolo, Bohem, Affoltern 2020, 36 Seiten, 15 Euro

Ein wunderbar lakonisches Bilderbuch, das von einem Tag am Meer erzählt, von tollen Erlebnissen – und zwar so bildlich, dass man förmlich spüren kann, wie schön tauchen, buddeln, schwimmen, in die Wellen springen ist. Erzählt wird aus der Sicht eines kleinen Mädchens: direkt und ohne Scheu. Etwa von den großen, kleinen, prallen und schlaffen Popos, von den dicken und schlanken Bäuchen, den unterschiedlichen Füßen und Beinen – mit Haaren und ohne. Sie beobachtet, wer was macht: die Erwachsenen, die faul daliegen, schwatzen, und die Kinder mit ihren Rotznasen und Sandhänden, mit denen sie Burgen bauen, planschen oder Muscheln suchen. Und weil das alles so aufregend ist, so wimmelig, verläuft sie sich. Genau diese flirrende Stimmung hat dieses toll illustrierte Bilderbuch in packender Weise eingefangen mit seinen vielen großen Buntstiftzeichnungen und den unzähligen Miniaturen. Auch die kurzen prägnanten Texte holen einen direkt ab. Man fühlt förmlich die Sonnencreme an sich kleben. Sehnsucht perfekt.

Tjibbe Veldkamp: Roadtrip mit Lasergirl und Beyoncé. Übersetzt aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, Carlsen, Hamburg 2020, 128 Seiten, 12 Euro

Was wäre ein Sommer ohne Aufregung und Nervenkitzel? Eine spannende Reise macht Ate – und zwar aus Not. Sein einziger Freund Baptiste braucht Hilfe: Ate muss ihm ein neues Mobiltelefon bringen. Denn Baptiste muss seins verkaufen. Er ist arm, ein Flüchtlingsjunge, der sich allein durchschlagen muss. Das Handy ist die einzige Verbindung zu Ate. Denn beide Jungen wohnen nicht in einem Land: Ate lebt in Holland, Baptiste in Belgien. Und sie kennen sich nur online. Beide lieben denselben Youtube-Kanal. Obwohl sie sich noch nie getroffen haben, bricht Ate auf. Baptiste muss einfach weiter mit ihm chatten können. Denn er ist sein einziger Freund. Was Ate dann erlebt, gleicht einem Horror-Comicstrip: Baptiste ist ganz anders als Ate erwartet hat, er hat einen kriminellen Onkel, der Baptiste dazu benutzt, Kinder wie Ate um Geld zu erleichtern. Ein ziemliches schräges Abenteuer, rasant schnell erzählt und nicht selten verwirrend. Aber diese Art der Erzählung ist ebenso beeindruckend wie der Titel "Roadtrip mit Lasergirl und Beyoncé". Ein gutes Buch, auch weil es Fragen nach Identität aufwirft. Danach, was man über Internetfreunde  zu wissen glaubt und was in der Realität manchmal doch besser geht. Und darüber, was es bedeutet, fremd in einem Land zu sein, das einem das Aufenthaltsrecht abspricht. Und das alles auf 128 Seiten. Nicht schlecht. 

Marianne Kaurin: Irgendwo ist immer Süden, WooW Books, Zürich 2020, 240 Seiten, 15,50 Euro

Nicht wegfahren können, weil die Mittel dazu fehlen oder weil die Eltern krank sind... Das ist für viele Kinder normal. Genauso normal wie in der Schule von anderen zu hören, was die alles für tolle Reisen vorhaben: Spanien, Portugal, Griechenland. Mehrere der Bücher, die ich gelesen habe,  thematisieren das. Ganz wichtig, sie zeigen: Süden ist da, wo du es dir schönmachst. Alle aus Inas Klasse verreisen – und weil sie nicht zugeben will, dass bei ihnen das Geld nicht reicht, dass ihre Mutter schon Probleme hat, morgens aus dem Bett zu kommen, dass sie keine Arbeit hat, dass alles unerreichbar ist, eine Reise ins Ausland erst recht – da lügt sie. Und behauptet, sie würde auch in den Süden fahren. Damit beginnt ein Lügenkarussell aus falschen Bildern und Kurznachrichten. Erst Vilmer holt sie da raus, der Nachbarssohn, der auch ohne Geld zuhause fest sitzt. Und die beiden lernen: Um schöne Ferien zu haben, braucht es vor allem Freunde, die einen so nehmen wie man ist, die man nicht anlügen muss. Ein sehr kluges Buch, sehr behutsam erzählt, sehr lebensnah. Wenn man etwa weiß, wie schwer es der Mutter fällt, den normalen Alltag am Laufen zu halten, und wie schwer es für die 13-Jährige ist, das auszuhalten – ohne Hilfe, das ist schon hart. Aber es holt uns ab, im Hier und Heute, ein Buch, das eben auch deutlich macht: Der Spruch "Du warst noch nie am Meer?" kann auch weh tun.

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Philip Wächter: Toni will ans Meer. Beltz und Gelberg, Weinheim 2020, 67 Seiten, 14,95 Euro

Oliver Uschmann/ Sylvia Witt: Meer geht nicht. Gulliver, Winheim 2020, 143 Seiten 11,95 Euro

Zwei weitere grandiose Sehnsuchtsbücher: Der Comic von Philip Wächter "Toni will ans Meer" und das Jugendbuch "Meer geht nicht". Beide so unterschiedlich wie toll. Denn was Toni sich einfallen lässt, um den Sommer am Strand zu retten, ist großes Kino: Er schreibt Gedichte, bequasselt seine Mutter, seine Freunde, den Kioskbesitzer, und er gewinnt schließlich einen Aufenthalt in einem superschicken Berghotel. Doch "Tannenblick" ist so edel, da wird einem jeder Spaß vermiest! Hilft nur noch abhauen - zu Freunden, die in der Nähe leben und die schließlich helfen, so dass der Urlaub am Meer doch noch wahr wird. Und was für ein Urlaub. Ein Wohlfühl-Glücklich-Urlaub; einer, den man sich selbst wünscht. Sofort und jetzt. Und wie Philip Waechter das erzählt, ist fabelhaft. Seine amüsant-ironischen Dialoge hauen einen förmlich aus den Latschen, und dieses Mutter-Sohn-Gespann ist so perfekt beobachtet, dass man nach wenigen Comicbildern glaubt, die beiden zu kennen – weil sie so sind wie man selbst. Mit all ihren Macken und Ausreden – und weil Toni einfach nie aufgibt.

Nicht aufgeben. Davon erzählt auch "Meer geht nicht". Weil Kevin noch nie man Meer war, beschließen seine Freunde, das zu ändern. Und zwar sofort. Ist doch kein Problem. In wenigen Stunden ist man doch da. Aber weil ihre Eltern mal wieder keine Zeit haben, brechen die vier alleine auf. Mit dem Zug, dann mit dem Rad und zum Schluss zu Fuß. Das geht natürlich auch nicht ohne Aufregung, Pannen und Schurken. Dieser Abenteuerroman steckt so voller kluger und witziger Einfälle, dass man ihn innerhalb kurzer Zeit locker wegliest. Ein echter Pageturner. Und einer, der sehr real das Leben seiner Protagonisten darstellt, ihre große Kraft. Und auch dieser Konflikt mit den Eltern, die wieder mal nicht hinhören, wenn ihre Kinder sie um etwas bitten – das hat Wirkkraft. Das Buch ist auch deshalb so toll, weil es genau das erzählt: Sehnsucht muss eben irgendwann einfach auch erfüllt werden. Und dafür muss man was riskieren – und man muss sich Zeit nehmen. Alles andere gilt nicht.

"Lesart"-Moderator Frank Meyer empfiehlt: 

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, 464 Seiten, 24,99 Euro

"Atlas eines ängstlichen Mannes" von Christoph Ransmayr, das ist ein hypnotisches Reisebuch. Der Autor hat kostbare Geschichten gesammelt, von Walen, die einem bei Tauchgängen im die Augen schauen, oder von leuchtenden Insekten, die einen künstlichen Sternenhimmel bilden, in einer Riesenhöhle in Neuseeland. Christoph Ransmayr erzählt von verschneiten Pässen im Himalaya, von verrottenden Schlachtschiffen in Murmansk und aus der grünen Hölle der Tropen. Das macht er mit einer solchen Erfahrungsbereitschaft und poetischen Kraft, dass man selbst beim Lesen hinausbefördert wird an ganz andere Orte. 70 solcher Geschichten hat Ransmayr für seinen "Atlas eines ängstlichen Mannes" zusammengestellt, für ein Reisebuch, das voller Demut auf den fantastischen Reichtum der Welt schaut.

"Lesart"-Redakteur Dirk Fuhrig empfiehlt:

Victor Jestin: Hitze. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Kein & Aber, Zürich 2020, 160 Seiten, 20 Euro

Ein Sommerkrimi über Jugendliche, geschrieben von dem Nachwuchsautor Victor Jestin, Jahrgang 1994, also erst 26 Jahre alt. Der Roman spielt in Südwestfrankreich auf einem riesigen Zeltplatz. Es ist kurz vor dem Ende der großen Ferien, der letzte Freitag im August. Die "Hitze" kommt nicht nur von der Sonne, sondern auch von der Reibung der Geschlechter – denn die Jungs und Mädels wollen alle natürlich nur das eine: nämlich das erste Mal erleben. Es gelingt dem Autor, die Stimmung in diesem Ferienlager sehr plastisch darzustellen: es flimmert, flirrt, die erotischen Sehnsüchte und Ängste der Pubertierenden werden sehr prall und einfühlsam geschildert.

Benjamin Constant: Adolphe. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Erich Wolfgang Skwara, Matthes & Seitz, Berlin 2020, 176 Seiten, 18 Euro

Ein Klassiker der französischen Literatur, erschienen 1816, jetzt in einer prächtigen Neuausgabe bei Matthes & Seitz. Kleines charmantes Bändchen. Der junge Adolphe ist verliebt in die viel ältere Ellénore, die verheiratet ist. Eine Art französischer "Werther". Die Irrungen und Wirrungen des jungen Mannes sind zeitlos: Leiden an der Liebe, jugendlicher Überschwang und Unentschiedenheit. Herrliche Sprache, tiefe Gefühle, jugendliche Verzweiflung, wunderbar auf den Punkt gebracht. Eine Wiederentdeckung!

Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses. Aus dem argentinischen Spanisch von Carola S. Fischer, mare, Hamburg 2020, 176 Seiten, 20 Euro

Der Roman spielt in Buenos Aires und Montevideo, auf beiden Seiten des Rio de la Plata. Ein Mann im fortgeschrittenen Alter sucht in Uruguay sein Vermögen und besucht seine Geliebte. Es klappt alles nicht so ganz: Hinter seinem Geld sind dubiose Gauner her, beim Sex kommt kurz vor dem Höhepunkt immer was dazwischen - eine heiter-melancholische Komödie, brillant und leicht geschrieben, sehr selbstironisch. Leicht Woody-Allen-haft.

Hubert Matt-Willmatt: Via Habsburg. Auf den Spuren einer europäischen Dynastie. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2020, 224 Seiten, 24,95 Euro

Die "Via Habsburg" ist eine "Kulturstraße", die von Lothringen (Nancy) bis in die Nähe von Wien geht. Eine europäische Route durch die einstigen Besitztümer des Hauses Habsburg-Lohringen. Ein wunderschöner bildungsbürgerlicher Reiseführer für Leute, die an Architektur und Geschichte interessiert sind. Eine weitgespannte Region, ideal, um die zuletzt lange eingeschränkte Reisefreiheit innerhalb Europas wieder neu zu entdecken. Und vielleicht auch zu spüren, wie willkürlich die Grenzziehungen und Grenzschließungen in Europa sind. Ein europäisches Reisebuch.

Programmtipp: Sommer-Buchempfehlungen der Redaktion auch jenseits des Fernwehs hören Sie ab Donnerstag, 25. Juni 2020 in unserer "Lesart"-Serie.

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