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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.12.2018

Emmanuel Macrons Rede an die Franzosen"Er ist sehr priesterlich dahergekommen"

Jürgen Ritte im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Emmanuel Macron während seiner Ansprache. (imago/ZUMA Press)
Präsident Emmanuel Macron hält am 10.12.2018 eine Rede an die Franzosen. Wie die bei den Gelbwesten ankommt, bleibt abzuwarten. (imago/ZUMA Press)

Lange hat Emmanuel Macron gewartet, bis er sich nach den Protesten der Gelbwesten in einer Ansprache ans französische Volk wendet. Vielleicht zu lange. Jürgen Ritte ist Professor an der Pariser Sorbonne und hat sich die Rede des Präsidenten angehört.

Seit Mitte November wird in Frankreich protestiert. Auslöser war die geplante Einführung der Ökosteuer, aber inzwischen geht es um mehr. Präsident Emmanuel Macron hat seine lang erwartete Ansprache an das französische Volk mit einer Verdammung der Gewalt begonnen. Dann aber wurde er konkret - und nannte Maßnahmen, um die Frustration der Bevölkerung zu lindern, zum Beispiel eine Erhöhung des Minimaleinkommens um hundert Euro. Außerdem sollen Überstunden von der Besteuerung ausgenommen werden.

Forderungen wie an den Weihnachtsmann

Jürgen Ritte, Professor für deutsche Literatur und interkulturelle Studien an der Pariser Sorbonne, sagt, Macron würden nach wie vor Ansprechpartner auf der Seite der Gelbwesten fehlen. Auch seien viele ihrer Forderungen sehr beliebig. "Das zeigte sich ganz besonders am Samstagabend, als ein erster Forderungskatalog öffentlich wurde. Der war sehr bunt und der wirkte so ein bisschen wie der Wunschzettel an den Weihnachtsmann", so Ritte.

Präsident Emmanuel Macron hält am 10.12.2018 eine Rede an die Franzosen. Grund: die anhaltenden Proteste der Gelbwesten-Bewegung. (picture alliance/dpa/MAXPPP)Gelbwesten verfolgen Macrons Rede. (picture alliance/dpa/MAXPPP)

Ein wichtiger Vorschlag in Macrons Rede sei die Änderung des Wahlrechts gewesen. "Wir haben eben keine repräsentative Demokratie in dem Sinne, dass wir eine proportionale Vertretung im Parlament haben", sagt Ritte. Auch die "Blancs", also die leeren Stimmzettel, sollen bei künftigen Wahlen mitgezählt werden. "Damit man besser sieht, wieviele Franzosen sich in dem jeweiligen Angebot nicht wiedererkennen", meint Ritte.

Kompetenzen in die Provinz verlagern

Auch soll die Zentralisierung abgebaut werden. "Mehr aus Paris heraus nehmen, weitere Kompetenzen in die Provinz verlagern. Wie das im Einzelnen aussehen soll, hat er natürlich nicht gesagt", so Ritte. Diesen Teil der Rede fand der Sorbonne-Professor trotz fehlender Details besonders interessant. "Weil er da doch wirklich eine grundsätzliche Überlegung zur Reform der fünften Republik angestossen hat."

Ob allerdings Macron mit dieser Rede die Herzen der Franzosen erreicht hat? Jürgen Ritte ist skeptisch. "Ich habe meine Zweifel. Er ist in der Tat sehr priesterlich dahergekommen. Ob er damit weiterkommt, weiß ich nicht", so Ritte.

(beb)


Hören Sie zu Macrons TV-Rede auch ein Interview mit Patrick Hetzel, Abgeordneter für die republikanische Partei in der französischen Nationalversammlung ("Studio 9":

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