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Buchkritik | Beitrag vom 29.01.2021

Emma: „Ein anderer Blick“Kluge feministische Comics aus Frankreich

Von Ramona Westhof

Das lila Cover zeigt viele gezeichnete Frauen und dazu darüber ein rotes gezeichnetes Auge. (Unrast Verlag / Deutschlandfunk Kultur)
Mit seinen klugen Beobachtungen und humorvollen Zeichnungen regt dieser Comic an vielen Stellen zum Nachdenken an. (Unrast Verlag / Deutschlandfunk Kultur)

Ihr Comic über „Mental Load“ hat sie international bekannt gemacht. Jetzt veröffentlicht die französische Bloggerin Emma einen ersten Band auf Deutsch: kluge, humorvolle Beobachtungen, auch über rassistische Polizeigewalt und Kritik am Kapitalismus.

Ein heterosexuelles Paar hat Besuch. Sie steht in der Küche, kümmert sich um die Kinder, kocht und hat nebenbei noch eine Reihe anderer Dinge im Kopf. Als ihr schließlich das Essen überkocht, wird sie wütend. Auf ihren Freund, der ihr nicht geholfen hat. Der Freund hat keine Ahnung, was er falsch gemacht hat, schließlich hat sie ihn nicht um Hilfe gebeten.

"Mental Load" oder der "männliche Blick"

Mit dieser Szene beginnt ein Comic der französischen Bloggerin Emma über "Mental Load", mit dem sie auch international bekannt geworden ist. Mit "Ein anderer Blick" ist nun erstmals eine Sammlung ihrer Blogeinträge auf Deutsch erschienen.

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Neben "Mental Load", also der Tatsache, dass vor allem Frauen für die Organisation von Care-Arbeit zuständig sind und dafür selten Anerkennung erhalten, geht es in Emmas Comics auch um andere feministische Themen.

Den "männlichen Blick" etwa, der durch die stereotype und oberflächliche Darstellung von Frauen in Filmen und Werbung dazu führt, dass wir es für vollkommen normal halten, auch im echten Leben laut zu kommentieren, was uns am Körper einer Frau gefällt oder nicht gefällt.

Über die Doppelmoral in der Kopftuchdebatte

Das Buch beschreibt auch andere gesellschaftliche Probleme wie rassistische Polizeigewalt oder die Doppelmoral in der Kopftuchdebatte: Dafür erfindet die Autorin ein fiktives Land, in dem Frauen ihre Brüste nicht bedecken, und lässt eine französische Immigrantin erzählen, wie ihr der eigene BH als Unterdrückung ausgelegt wird.

Schließlich werden im Land rechtspopulistische Kräfte stärker, und Frauen dürfen nur noch oben ohne in die Schule oder an den Strand.

Simple, dialogreiche Comics

Emmas Zeichnungen sind simpel, dafür dialoglastig. Wenn die Thematik es zulässt, zeigen sie außerdem eine Menge Humor: An einer Stelle kämpft Emma im Tanga aber mit Axt in der Hand gegen einen Zombie. Das ist nicht nur unpraktisch, sondern sieht auch ziemlich albern aus – kommt in Computerspielen oder Filmen aber durchaus vor.

An anderer Stelle erklärt die Autorin die weibliche Anatomie, über die wir in der Schule viel zu wenig lernen. Emma steht dabei eine Seite lang an einer riesigen Klitoris und sagt Sätze wie: "Hier bin ich zwischen den Vorhofschwellkörpern". Die Klitoris trinkt dabei ein Glas Wein.

Lösungsvorschläge werden mitgeliefert

Am Ende einiger Kapitel lässt Emma eine gezeichnete Version ihrer selbst laut über mögliche Lösungen für die von ihr beschriebenen Probleme nachdenken, etwa über eine verlängerte Elternzeit für Väter oder ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Ihre Beispiele unterstreicht sie immer wieder mit Verweisen auf Statistiken und Forschungsergebnisse.

Gegen strukturelle Ungerechtigkeiten

Auch wenn sicherlich nicht alle Debatten, die im Buch angesprochen werden, neu sind – schließlich ist der erste Band mit Emmas Blogeinträgen in Frankreich schon 2017 erschienen –, so regen die klugen Beobachtungen und humorvollen Zeichnungen doch an vielen Stellen zum Nachdenken an.

Etwa dazu, Situationen, die wir vielleicht als kleine Ärgernisse im Alltag wahrnehmen, als das zu erkennen, was sie sind: strukturelle gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, die es zu bekämpfen gilt.

Emma: "Ein anderer Blick. Feministischer Comic gegen die Zumutungen des Alltags"
Aus dem Französischen von Julia Schäfermeyer
Unrast Verlag, Münster 2020
224 Seiten, 19,80 Euro

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