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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.10.2014

Emigranten-RomanEinsamkeit, Hoffnung, Neuanfang

Walter Bauer: "Die Stimme. Geschichte einer Liebe"

Von Manuela Reichart

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Der 1952 nach Kanada ausgewanderte deutsche Schriftsteller Walter Bauer  (dpa)
Der 1952 nach Kanada ausgewanderte deutsche Schriftsteller Walter Bauer (dpa)

Eine Wiederentdeckung: Walter Bauer galt Anfang der 30er-Jahre als literarischer Newcomer. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er nach Kanada. Sein Roman "Die Stimme. Geschichte einer Liebe" erzählt, was es bedeutet, in der Fremde neu beginnen zu müssen.

Geboren wurde Walter Bauer 1904 in Merseburg, wo inzwischen ein Literaturpreis an ihn erinnert. In der Präambel der Satzung dieses Preises heißt es: "Sein umfangreiches Gesamtwerk drückt sein unbändiges Verlangen nach Freiheit, Selbständigkeit und Ungebundensein aus. Durch seine Botschaft der Menschlichkeit und sein Bekenntnis zum europäischen Geist zählt Walter Bauer zu den namhaften Autoren des 20. Jahrhunderts."

Ein namhafter Autor, der heute - trotz eines umfangreichen Werks, das mehr als 80 Titel umfasst - nahezu vergessen ist. Als sein bekanntester Roman "Stimme aus dem Leunawerk" 1930 erschien, schrieb Kurt Tucholsky: "Hier ist alles, aber auch alles, was unsereiner immer sucht und so selten findet: Empfindung, ein Herzenston. Abwesenheit jeder Sentimentalität, voll von echtem Gefühl."

Die ersten Jahre der selbstgewählten Emigration

Walter Bauer war Soldat, er geriet in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland, nach einer zweiten Ehe und einer zweiten Scheidung, nach seiner Enttäuschung über die politische Lage in der Bundesrepublik, nach der Wiederbewaffnung und nicht zuletzt nach Jahren der Erfolglosigkeit als Autor wanderte er 1952 nach Kanada aus.

Von diesen ersten Jahren in der selbstgewählten Emigration erzählt "Die Stimme – Geschichte einer Liebe" aus dem Jahr 1961. Ein älterer Mann erzählt in Toronto einem jungen deutschen Besucher von seiner ersten Zeit in der Fremde, von der Unbehaustheit, der Sprachlosigkeit, der Einsamkeit. Davon, was es bedeutet, ein Mensch ohne Verbindungen und Vergangenheit zu sein an einem Ort, an dem alle anderen Verbindungen und Erinnerungen haben.

Eindrucksvoll beschreibt Walter Bauer Empfindungen und Beobachtungen, das stumme Staunen, die miesen kleinen Zimmer, die trostlosen Ausflüge am Wochenende, die verschiedenen Hilfsarbeiten, die der Mann annimmt, um zu überleben, die Kontaktlosigkeit, vor allem aber das Fehlen der Worte, um sich auszudrücken.

Eine Geschichte, wie sie auch heute viele Menschen erleben

Aus dieser Isolation befreit ihn die Liebe zu einer Frau und ihrer schönen Stimme. Sie arbeitet daran, der Lyrik eine Stimme zu verleihen. Es ist keine Liebe, wie es frühere waren, es geht nicht um Dauer, es ist eine Verbindung zweier sich fremder Menschen, die vielleicht gerade wegen der geringen Ansprüche hält.

Der Autor schreibt von der Scham, Deutscher zu sein, von der Unausweichlichkeit, mit der der Held die Nazi-Geschichte und seine Soldaten-Vergangenheit im Gepäck hat, aber auch davon, was es bedeutet, wenn jemand daran glaubt, dass man es schaffen kann, anzukommen in dem neuen Land, das nie Heimat sein wird und es seinen Bewohnern deswegen leichter macht, sich an die Heimat zu erinnern.

Eine Geschichte über Emigration und Traurigkeit, Hoffnung und Neuanfang. Wie sie auch heute viele Menschen erleben.

Walter Bauer fühlte sich in Kanada der deutschen Sprache verbunden wie nie, er schrieb bis zu seinem Tod 1976 in Toronto auf Deutsch. Er war erfüllt von einer großen Sehnsucht – wie jeder Emigrant.

Walter Bauer: Die Stimme
Geschichte einer Liebe
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014
120 Seiten, 18,90 Euro

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