Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.02.2010

Emanzipation der Meerjungfrau

Das Junge Schauspielhaus Düsseldorf zeigt die Uraufführung von Franziska Steiofs "Undine"

Von Stefan Keim

Podcast abonnieren
Roter Vorhang  (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Roter Vorhang (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Franziska Steiofs neues Stück "Undine, die kleine Meerjungfrau" am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf nimmt viele verschiedene Einflüsse auf. Motive von Hans Christian Andersen und Friedrich de la Motte-Fouqué spielen ebenso eine Rolle wie "Undine geht" von Ingeborg Bachmann.

Sie will sich nicht für den Geliebten opfern, kein Schaum auf den Wellen des Meeres werden. Auf so ein kitschiges Ende im Stile des 19. Jahrhunderts hat die Undine von heute keine Lust. Sie ändert einfach die Regeln und glaubt nicht mehr alles, was man ihr so sagt. Dass ihr Lachen der Preis sei für ein Leben unter den Menschen zum Beispiel. Quatsch, Undine lacht. Oder dass sie ihr Herz, wenn sie es einmal verschenkt hat, für immer verloren geben muss. Undine fordert es zurück, aus der Brust des Prinzen, und fliegt davon als Luftgeist.

Franziska Steiofs neues Stück "Undine, die kleine Meerjungfrau" nimmt viele verschiedene Einflüsse auf. Natürlich verwendet sie Motive von Hans Christian Andersen und Friedrich de la Motte-Fouqué, den großen Nixendichtern. Aber auch "Undine geht" von Ingeborg Bachmann hat sie inspiriert. "Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!" schreibt Bachmann dort über die Männer, und so heißt auch der Prinz im Stück, ein junger Mann, dessen Leben in einem festen Terminkorsett verläuft. Genau fest gelegt ist die Minutenzahl, die für Tennis, Tanzen und Abendessen zur Verfügung steht.

Undine dagegen kommt aus einer Welt der Freiheit. Sie muss nur eine Regel befolgen, dass sie nicht die Unterwasserwelt verlässt, bevor sie ein bestimmtes Alter erreicht hat. Doch als der Prinz ins Wasser fällt und fast ertrinkt, bringt sie ihn nach oben. Undine (Tina Amon Amonsen) macht eine Wandlung durch, sie nabelt sich ab, lernt, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Und wird nicht dafür bestraft, im Gegenteil. Aber Leben lernen tut trotzdem ziemlich weh, weil sie oft los lassen muss.

Nora Bussenius hat das inhaltlich reiche, in einer ebenso direkten wie poetischen Sprache geschriebene Stück mit großen Bildern und Livemusik inszeniert. Die Unterwassersphäre erinnert an eine Hippie-Idylle mit bunten Kostümen und fliegenden Fischen. Die Choreographin Katja Wachter hat ein ganze eigenes Bewegungsrepertoire entwickelt, das einer Welt unter Wasser angepasst ist. Besonders gut funktioniert das, wenn der Prinz (Christof Seeger-Zurmühlen mit grandioser Körperbeherrschung) keine Luft mehr kriegt und an einen Fisch auf dem Trockenen erinnert.

Zuschauer verschiedenen Alters dürften verschiedene Elemente in dem Stück entdecken. Ältere verstehen erotische Anspielungen, für Jüngere ist es eine Geschichte über Mut und Freiheit. Das Junge Schauspielhaus Düsseldorf hat seit dem Amtsantritt von Intendant Stefan Fischer-Fels vor sieben Jahren ein Autorentheater für Kinder und Jugendliche entwickelt, wie es bundesweit einzigartig ist.

Hier entstehen in jeder Spielzeit neue Stücke, die sich mit Mythen und der Gegenwart beschäftigen, Literatur- und Filmadaptionen, die für ein junges Publikum gedacht sind aber doch auf das Ganze zielen. Denn dieses Theater hat den Anspruch, Kunst zu sein, die ernst genommen werden will, und löst diesen Anspruch auch ein.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur