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Studio 9 | Beitrag vom 14.04.2020

Eltern oder AlleinstehendeWer trägt in der Coronakrise die größte Last?

Von Christoph Richter und Felicitas Boeselager

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Eine Frau sitzt allein mit genervtem Gesichtsausdruck auf dem Bett. Daneben tröstet eine Frau am Computer nebenbei ihr Kleinkind. (Eyeem/Carameluh / Unsplash/Charles Deluvio)
Eltern werden derzeit durch die Corona-Krise schwer belastet. Aber auch Alte, Einsame und Singles leiden. (Eyeem/Carameluh / Unsplash/Charles Deluvio)

Homeschooling und Homeoffice zugleich - wie soll das gehen? Vor allem Eltern werden durch die Coronakrise schwer belastet, meint Christoph Richter. Vergesst Alte, Einsame und Singles nicht, mahnt dagegen Felicitas Boeselager: Auch die leiden derzeit sehr.

Nehmt die Nöte und Zwänge der Eltern in den Blick!

Von Christoph Richter

Eltern und Kinder befinden sich in Deutschland am Rand des Nervenzusammenbruchs. Denn die geschlossenen Schulpforten sind für alle Betroffenen mehr als eine Herausforderung, sie stellen eine außerordentliche Belastung dar.

Dreisatz, Grammatik oder Photosynthese: Der Lernstoff lässt die Schüler verzweifeln, die nun schon seit Wochen mehr oder weniger autodidaktisch lernen. Und die Eltern schlittern am Rand der Verzweiflung entlang. Weil sie nicht wissen, wie sie den Lehrplan ihren Kindern beibringen sollen, wie sie die Betreuung unter einen Hut bringen sollen.

Coronavirus-NewsletterImmer auf dem neuesten Stand: Abonnieren Sie den Coronavirus-Newsletter.Einerseits wird von Eltern erwartet, für den Nachwuchs da zu sein, andererseits verlangen die Arbeitgeber volle Flexibilität. Homeoffice nennt sich das.

Vermittelt wird das mit völlig verklärten Bildern. Man sieht friedliche Familien am Frühstückstisch, während ein Teil der Eltern fröhlich am Computer arbeitet, während das Kind auf dem Schoß sitzt und spielt.

Die Realität sieht aber anders aus: Familien befinden sich in permanenten Videokonferenzen. Und: Während die Eltern mit ihren Arbeitgebern konferieren, verlangen die Schulen das Gleiche.

Das endet im kompletten Chaos. Mit Streitereien, Schreiereien und Verletzungen. Darüber zu sprechen, das ist auch die Aufgabe der Schulen. Doch dazu braucht es den regulären Schulbetrieb. Und zwar so schnell wie möglich.

Dennoch heißt es immer wieder von Politikerinnen und Politikern im paternalistischen Ton: Wir wollen über Schulöffnungen nicht laut nachdenken, es ist noch viel zu früh.

Wer so redet, hat die Nöte und Zwänge der Eltern überhaupt nicht verstanden.

Deutlich wird an dieser Stelle: Deutschlands Eltern haben keine Interessenvertreter in den Staatskanzleien. Was wir daher jetzt brauchen: breitbeinig aufgestellte Lobbyverbände für Eltern.

Denn die Eltern werden es sein, die in nächster Zeit die Hauptlast der wirtschaftlichen Kosten der Coronakrise tragen. Um ihnen eine Stimme zu geben, braucht es keine netten Worte. Sondern tatkräftige Unterstützung: eine IG-Metall für Eltern, eine Familien-Taskforce, angesiedelt im Bundeskanzleramt.

Darunter geht es nicht, will man die Zukunft des Landes nicht aufs Spiel setzen.

Christoph Richter ist seit dem 1. Januar 2020 Landeskorrespondent für die drei Dlf-Programme aus Brandenburg.

Vergesst die Alten und Einsamen nicht!

Von Felicitas Boeselager

"Ich beneide Dich, Du bist ja allein zu Hause." Das ist ein Satz, den Singles in dieser Zeit von manchen Eltern zu hören bekommen, die wegen der Doppelbelastung aus Homeoffice und Kinderbetreuung am Rande ihrer Kräfte sind.

Für Alleinstehende ist so etwas nicht leicht zu hören, sie sehnen sich gerade jetzt nach Familie, Freunden und Gesellschaft, schließlich kann auch Einsamkeit Menschen an den Rand ihrer Kräfte bringen.

Corona trifft jede und jeden von uns auf eine andere Weise: die Großeltern, die ihre Enkel nicht mehr sehen dürfen, die Eltern, die nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, die Kinder, die besonders verletzlich sind, deren wichtige Freiheit so eingeschränkt worden ist, die Einsamen, die einsamer werden.

Wir reden viel und häufig über Homeoffice, über die Pannen der urbanen Mittelschicht in Videokonferenzen, über die Kinder, die nicht verstehen können, dass die Eltern zwar zu Hause, aber trotzdem nicht recht ansprechbar sind. Wir reden auch deshalb viel darüber, weil viele Journalistinnen und Journalisten sich gerade genau in dieser Situation befinden, und es ist auch gut, darüber zu sprechen. Es richtig und wichtig, Familien jetzt zu unterstützen und in den Blick zu nehmen - besonders solche, die keinen Balkon, keinen Garten und kein volles Spiele-Regal haben.

Aber bei allen Rufen nach Unterstützung für Familien sollten wir nicht diejenigen vergessen, die nur wenig Gehör finden. Die Alten, Einsamen, die ohne Internet in ihrer Wohnung verharren müssen und sich nicht mehr raustrauen. Diejenigen, die auf dem Land wohnen, keinen Besuch mehr bekommen und den Bus in die Stadt nicht mehr nehmen können. Diejenigen, denen jetzt ihre eigene Einsamkeit auf besonders brutale Weise vor Augen geführt wird, die sich schämen, über diese Einsamkeit zu sprechen.

Die Auswirkungen der Pandemie treffen uns alle, auch wenn die konkreten Probleme anders gelagert sind. Lasst uns keinen Wettkampf starten, wen es härter trifft, welche gesellschaftliche Gruppe mehr Aufmerksamkeit verdient als andere.

Wir sollten uns alle verständnisvoll im Blick behalten und aufeinander achtgeben.

Felicitas Boeselager berichtet seit August 2018 für Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova aus Bremen.

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