Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature

Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature

Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.01.2011

"Elly"

Ein Film über das Lebensgefühl junger Iraner

Von Anke Leweke

Podcast abonnieren

Der Film zeigt, dass die Turnschuhe und Sportjacken, die die großstädtischen Iraner tragen, allenfalls Zeichen einer modernen, aufgeklärten Lebensweise sind. Auch in ihnen schlummert ein tief verwurzeltes Traditionsdenken, das sich in diesem Fall gegen die Schwächste im Bunde richtet: Elly

"Elly", Iran 2009; Regie: Asghar Farhadi; Darsteller: Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti. Golshifteh Farahani, Mani Haghigi; 119 Minuten

Dieser Film markiert einen Wendepunkt im iranischen Kino: Eine Millioen Iraner haben asghar Farhadis "Elly" im Kino gesehen. Und etwa fünf Millionen auf DVD. Wie kann ein Film, der fast ausschließlich aus Gesprächen, Diskussionen, Dialogen besteht und keine nennenswerte äußere Handlung hat, ein so großes Publikum für sich begeistern?

Die Antwort: "Elly", der vor zwei Jahren den Regiepreis der Berlinale gewann, ist ein Film über das Lebensgefühl der 20- bis 30-jährigen Iraner, die in Großstädten leben, medial vernetzt sind und dennoch mit einem Bein in der Tradition ihres Landes stehen.

In Farhadis Film fahren drei Familien aus Teheran an ein langes Sommerwochenende am kaspischen Meer. Mit dabei ist Elly, eine junge schüchterne Lehrerin. Eine der Ehefrauen will Elly an ihren gerade geschiedenen Bruder verkuppeln. Doch dann geschieht ein Unfall, bei dem Elly spurlos verschwindet.

Die Feriengesellschaft kommt in die Bredouille: Die Polizei fragt, weshalb die alleinstehende junge Frau mit in die Ferien fuhr. Und plötzlich taucht Ellys Verlobter auf – eine verlobte Frau zu verkuppeln, ist nach den islamischen Sittengesetzen strafbar. Die drei Familien geraten in die Bredouille, es gibt Streit. Man beginnt, über die Verschwundene zu lästern, ihren Ruf zu lädieren - denn schließlich muss man ja sich und den eigenen Ruf schützen.

"Elly" zeigt, dass die Turnschuhe und Sportjacken, die die großstädtischen Iraner in diesem Film tragen allenfalls Zeichen einer modernen, aufgeklärten Lebensweise sind. Und dass unter dem ungezwungenen, westlichen Umgang ein tief verwurzeltes Traditionsdenken schlummert, das sich in diesem Fall gegen die Schwächste im Bunde richtet: Elly.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsFlammende Herzen
Der Sänger Jan "Monchi" Gorkow (l.) und der Bassist Kai Irrgang von der Band Feine Sahne Fischfilet. (Imago Stock & People)

In was für einer Zeit leben wir, wenn sich die "Enkel von Adolf Hitler" zu Wort melden und die Vorführung eines Films verhindern können? Ist die Welt ein Jammertal oder ein Ort der Hoffnung? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Feuilletons der Woche.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur